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Familienfreundliche Hochschule

Vom Einzelfall zur Vorreiterin – wie eine Studentin die Familienfreundlichkeit an der HAW Hamburg mitprägte

Studium und Kind? An deutschen Hochschulen Anfang der 2000er kaum vereinbar. Susann Aronsson erlebt das aus erster Hand. Ihr Versuch, ein Pflichtpraktikum in Teilzeit zu absolvieren, wird abgelehnt. Der Fall macht strukturelle Probleme sichtbar und wird zum Ausgangspunkt für Veränderungen, die bis heute nachwirken.

Im Gespräch: Hendrike Schmietendorf (Hochschulkommunikation) und Susann Aronsson (Familienbüro). © HAW Hamburg

Im Gespräch über eine familienfreundliche Hochschule: Hendrike Schmietendorf (Hochschulkommunikation) und Susann Aronsson (Familienbüro).

Als Susann Aronsson ihr Studium im Bereich Gesundheit an der HAW Hamburg beginnt, ist sie schwanger. Mit Ende 30 wagt sie einen Neuanfang. Doch gleich zu Beginn stößt sie auf ein System, das für ihre Lebensrealität nicht gemacht ist.
Für ihr Pflichtpraktikum bewarb sie sich bei der Stabsstelle Gleichstellung der Hochschule. Sie schlug vor, das Praktikum aufgrund ihrer Lebenssituation als Mutter über zwei Semester in Teilzeit zu absolvieren. Die Entscheidung fiel jedoch gegen sie aus.

Für Aronsson war dies ein Moment, der exemplarisch zeigte, wie wenig Hochschulen zu diesem Zeitpunkt auf Studierende mit Familienverantwortung eingestellt waren. Seminare wurden kurzfristig abgesagt, Informationen häufig erst spontan weitergegeben, mit direkten Folgen: organisierte Kinderbetreuung umsonst, verlorene Zeit und zusätzlicher organisatorischer und finanzieller Druck. „Niemand hat darauf Rücksicht genommen, dass ich ein Kind hatte“, sagt sie rückblickend.

Ein Einzelfall – der zum Wendepunkt wurde
Der Fall blieb jedoch nicht folgenlos. Die damalige Frauenbeauftragte Daniela Doleschall griff das Thema auf und machte es zum Ausgangspunkt für strukturelle Veränderungen an der Hochschule. Nur kurze Zeit später wurde die HAW Hamburg im Jahr 2005 als familienfreundliche Hochschulezertifiziert, zu einer Zeit, in der dieses Audit noch neu war. Bundesweit nahmen damals nur eine Handvoll Hochschulen teil; heute sind es rund 100. Die HAW Hamburg gehörte damit zu den frühen Vorreiterinnen eines Modells, das Studium, Erwerbsarbeit und Sorgeverantwortung besser in Einklang bringen soll.

Was „familienfreundlich“ offiziell bedeutet
Das Zertifikat verpflichtet Hochschulen dazu, Familienfreundlichkeit nicht nur zu versprechen, sondern strukturell nachzuweisen und in allen Prozessen an der Hochschule mitzudenken. Dazu zählen flexible Studienmodelle wie Teilzeit-, Online- oder hybride Formate ebenso wie Rücksicht auf Betreuungszeiten im Studien- und Arbeitsalltag.
Auch die Kinderbetreuung ist Teil der Vorgaben, etwa über Hochschul-Kitas, Kooperationen mit Trägern oder kurzfristige Notfall- und Ferienangebote. Ergänzt wird das durch räumliche Infrastruktur wie Eltern-Kind-Räume und Rückzugsorte auf dem Campus. Hinzu kommen Beratungsstrukturen zu Fragen der Vereinbarkeit von Studium, Beruf, Familie und Finanzierung sowie Maßnahmen, die Familienfreundlichkeit in der Hochschulkultur verankern sollen – etwa durch Sensibilisierung von Lehrenden und standardisierte, faire Prüfungsregelungen.

An der HAW Hamburg wurden diese Vorgaben schrittweise sichtbar: 2008 entstand eine Kinder-Notbetreuung, 2010 die Kita CampusKinder in der Alexanderstraße, 2011 die Einrichtung „Stifte“ in der Stiftstraße und vieles mehr. Die neueste Maßnahme ist die Einführung von ausleihbaren Spielkisten in den Fachbibliotheken.

Teilzeitstudium für mehr Flexibilität 
Ein zentrales Element ist auch das Teilzeitstudium. Es richtet sich an Studierende mit Kindern oder Pflegeverantwortung. Statt rund 30 ECTS pro Semester werden etwa 15–20 ECTS absolviert. Das Studium bietet zeitlich mehr Spielraum. 
Aktuell studieren an der HAW Hamburg knapp 300 Studierende in Teilzeit. Im Wintersemester 2017/18 waren es insgesamt 179. Vier Jahre später 280. Die Geschlechtsverteilung ist nahezu ausgeglichen. 


                                Susann Aronsson stieß als Studentin das Thema Familienfreundlichkeit an der HAW Hamburg an.

„Immer mehr Studierende befinden sich in Lebenssituationen, in denen sie Angehörige oder Freunde pflegen und dadurch weniger Zeit fürs Studium haben. Es ist wichtig, die klassische Definition von Familie infrage zu stellen. Es sollte keinen Unterschied machen, ob jemand ein Kind oder eine erkrankte Freundin pflegt."

Ein erweiterter Familienbegriff
Diese Perspektive spiegelt sich auch institutionell wider. Der Verein „Familie in der Hochschule e.V.“ definiert Familie heute bewusst weiter: nicht nur Vater-Mutter-Kind, sondern alle Lebensformen, in denen Menschen Verantwortung füreinander übernehmen und sich gegenseitig unterstützen. Der Begriff „Familie“ soll diese Offenheit symbolisieren und gleichzeitig traditionelle, enge Vorstellungen bewusst aufbrechen.

Zum Internationalen Tag der Familie sprechen vier Studierende der HAW Hamburg über ihre persönlichen Vorstellungen von Familie. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Zugehörigkeit, Vertrauen und Akzeptanz. Die Beiträge machen deutlich, dass Familie heute vielfältig gelebt wird und weit über klassische Familienbilder hinausgeht. Familie entsteht dort, wo Menschen füreinander da sind, Sicherheit vermitteln und Zusammenhalt erfahren. Das Video versammelt persönliche Perspektiven junger Menschen aus den Studiengängen Illustration, Soziale Arbeit und Media Systems.
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