In der Corona-Krise ist Online-Unterricht unverzichtbar. Doch ist digitale Technik für uns beim Campus Weiterbildung stets nur Mittel zum Zweck. Denn nur die persönliche Begegnung, der echte Dialog zwischen Lehrenden und Studierenden schafft jenes Vertrauen, das die Flamme des Lernens mit Begeisterung entfachen kann.

Ja, wir sind dankbar für die netten technischen Möglichkeiten, die uns Online-Programme wie MS Teams oder Zoom bieten. Mit Kamera und Mikrofon, sogar virtuellen Gruppenarbeitsräumen, können wir in der Corona-Krise miteinander in Kontakt bleiben und Seminare ohne körperliche Anwesenheit durchführen. Online-Unterricht kann in der aktuellen Phase Teilhabe ermöglichen und die menschliche Isolation sogar ein wenig lindern. In normalen Zeiten sorgt digitale Weiterbildung vor allem dafür, dass man lernen kann, wie, wann und wo es dem einzelnen Menschen passt. Das ist modern und wichtig, aber für uns beim Campus Weiterbildung immer nur eine Ergänzung zu Seminaren, in denen sich Lehrende und Teilnehmende persönlich begegnen.

„Am Anfang der Neugier steht ein Geheimnis“, sagt der Neurowissenschaftler Henning Beck. Für uns steht der lebendige Kontakt immer am Anfang einer Weiterbildung. Die nervöse Neugier auf die anderen Teilnehmenden im Raum, auf die Dozent*innen, auf die Atmosphäre des Seminars – all das kommt am Computer nicht auf. Mimik, Körpersprache, nonverbale Kommunikation, Stimmungen und Spontaneität gehen in Videokonferenzen weitgehend verloren. Wer online mit mehreren Personen konferiert oder diese unterrichtet, kann nur vermuten, dass die anderen tatsächlich aufmerksam zuhören. Hinzu kommt: Oftmals sind die Kameras von Teilnehmenden gar nicht eingeschaltet, um die Internetverbindung nicht durch hohen Datentransfer zu beeinträchtigen. Die soziale Interaktion, der schlichte Blickwechsel, ein kleines Stirnrunzeln - all das verpufft im digitalen Nirwana.

Wir sind überzeugt, dass erst physische Begegnungen im realen Leben Vertrauen aufbauen, erhalten oder erneuern können. Der erste Eindruck von Dozent*innen und den anderen Teilnehmenden ist im persönlichen Erleben ganzheitlicher als via Webcam. Erst im oder nach einem direkten Kontakt trauen sich manche Menschen, Kritik zu äußern oder auch schwierige Themen anzusprechen. Technik kann hemmen, insbesondere dann, wenn man sich noch nie persönlich gesehen und gesprochen hat. Auch das zwanglose Pausengespräch oder beiläufige Kommentare finden online nicht statt. Virtuelle Mittagspausen sind nicht vergleichbar mit dem gemeinsamen Besuch der Mensa der HAW Hamburg oder eines Restaurants am Steindamm.

Der Effekt eines echten Dialogs ist mit Geld nicht zu kaufen. „Das bereichernde Leben besteht zu einem Großteil aus kleinen und großen Geschichten und Anliegen, die wir weitergeben und erzählt bekommen möchten“, schreibt der Autor Jon Christoph Berndt in seinem aktuellen Buch „Aufmerksamkeit“. „Schenken wir dem anderen unser Ohr und bauen auf dem Gehörten auf, knüpfen wir an die Bande, die echten Austausch ermöglichen und darüber immer fester werden. Nachhaken, Perspektivenwechsel und andere Blickrichtungen sorgen für fruchtbare Wendungen, Überraschendes und Verblüffendes – und das Gefühl von Glück. Denn wer im Dialog steht, steht in einer Beziehung. Ein echter Dialog hinterlässt ein Gefühl der Zufriedenheit und Bereicherung.“

Echter Dialog braucht Aufmerksamkeit. Echter Dialog braucht Präsenz. Und wirksame Weiterbildung braucht echten Dialog. Wenn Lernen wirklich nachhaltig funktionieren soll, dann muss es gelingen, den Lernenden nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern mit ihnen einen lebendigen Dialog zu führen, ihre Neugier und Begeisterung zu wecken. Wie heißt es doch so trefflich beim antiken griechischen Schriftsteller Plutarch:
„Der Geist ist kein Gefäß, das gefüllt werden soll, sondern ein Feuer, das entfacht werden muss.“

(MHW)