Wenn Corona dein Semester auf den Kopf stellt

Als das Corona-Virus im März 2020 einschlug, mussten viele unserer internationalen Austauschstudierenden leider in ihre Heimatländer zurückkehren. Jesse Mar Ramirez, Filmstudent an der California State University, Long Beach (CSULB), beschloss, trotzdem in Hamburg zu bleiben. Ein Fahrrad und eine "special someone" haben das Semester in Hamburg gerettet und zum Erfolg geführt.

"Hamburg, Deutschland: ein Ort, von dem ich bis zu meinem Herbstsemester 2019 nie gehört hatte, bis mein Drehbuchprofessor ankündigte, dass Filmstudierende dort ein Auslandssemester machen könnten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur von Austauschprogrammen durch Fernsehsendungen und Filme gehört, die fantastische Abenteuer in einem anderen Land versprachen, aber das interessierte mich nie besonders. Diese Gelegenheit fühlte sich jedoch anders an. Ich fühlte einen Ruck im Magen, der mir sagte, dass ich es vielleicht bereuen würde, eine so großartige Gelegenheit wie diese versäumt zu haben. Also bewarb ich mich, wurde angenommen, und ehe ich mich versah, war ich schon unterwegs.

Die Begrüßungswoche der HAW Hamburg machte die neuen Austauschstudierenden mit der Stadt und miteinander bekannt. Hier traf ich eine Gruppe von Menschen aus allen möglichen Ländern wie Australien und Finnland. Wir haben in den ersten Wochen vor Unterrichtsbeginn viel zusammengemacht. Normalerweise haben alle Klassen einen festen Wochenplan mit engagierten Professoren, die uns per E-Mail über Aufgaben und Treffpunkte informierten. Gerade als das Programm beginnen sollte, schlug Corona ein. Der CSULB bat alle Austauschstudierende, nach Hause zurückzukehren, und in mir machten sich Trauer und Wut breit. Waren all die Planung und Mühe, die ich in diesen Austausch gesteckt hatte, nun vergeblich? Ich hatte Nacht für Nacht so hart gearbeitet, um an diesen Punkt zu gelangen. Und persönlich hatte ich das Gefühl, dass ich lieber in den sauren Apfel beißen und meine Zeit in Deutschland abwarten wollte, als zu riskieren, dass ich mir auf dem Heimflug das Virus einfange. Ich schickte eine E-Mail an meine Koordinator*innen bei der CSULB und informierte sie über meine Entscheidung, da ich es für das Beste hielt, es darauf ankommen zu lassen und auf die hervorragende deutsche Gesundheitsversorgung zu vertrauen.

Ein Fahrrad kann dein Leben retten
 

Der Wechsel vom Präsenz- zum Online-Unterricht dauerte einige Wochen. Es war eine merkwürdige Zeit, in der ich mich damit beschäftigte, Bücher, die ich von zu Hause mitgebracht hatte, noch einmal zu lesen und mit meinem Nintendo-Switch zu spielen. Da sagte ich mir, dass ich etwas ändern müsse. Ich wusste, dass die Monotonie in meinem Zimmer in einem so schönen Land wie Deutschland eine völlige Zeitverschwendung sein würde. Ich hatte jetzt zusätzliche Mittel, mit denen ich etwas Nützliches machen konnte, und beschloss, mir ein Fahrrad zu kaufen. Mit einem nagelneuen Stadtfahrrad vom Geschäft loszufahren, fühlte sich wie ein Schritt in die richtige Richtung an, um das Beste aus meinem Semester zu machen. Ich würde in der Lage sein, mich in der Stadt fortzubewegen und gleichzeitig die "social distancing" Regeln zu respektieren. Es war mein One-Way-Ticket, um die Schönheit Hamburgs in vollen Zügen genießen zu können. Während des Semesters unternahm ich oft Fahrradtouren, die den ganzen Abend dauerten. Sie haben mich gerettet. Vier bis fünf Stunden waren für die Radtour nach Blankenese, einem meiner Lieblingsorte in Hamburg, reserviert. Ich hatte zufällig davon gehört, als ich eines Abends mit meinen Mitbewohner*innen das Abendessen kochte. Neugierig geworden, fand ich am nächsten Tag einen Fahrradweg und machte mich auf eine einstündige Fahrt zum schönen Strand gleich neben dem Hafen.

Neue Technologien entdecken und Regie führen
 

In Hamburg waren alle Kurse projektbezogen. Daher setzte ich mich regelmäßig mit den Verantwortlichen in Verbindung, um die Projekte fortzuführen und über den nächsten Schritt informiert zu werden. Vieles von dem, was ich in Hamburg lernte, war Stoff, mit dem ich bereits vertraut war. Gleichzeitig hatte ich aber auch Kurse, die einen eher technischen Schwerpunkt hatten, was neu für mich war. Der Kurs Sound Design von Thomas Görne ist das beste Beispiel dafür, da er sich mit der Mechanik von Klangprogrammen und der Philosophie von Klangräumen beschäftigt. Seine Projekte bestanden oft darin, dass wir Szenen mit Ton untermalten und erläuterten, wie sie die Bedeutung eines Klangraums erhöhen.

Einer der herausragendsten Kurse, die ich im Ausland belegt habe, war der Short Cut-Kurs. Die Aufgabe meiner Gruppe war es, Ideen für Kurzgeschichten zu entwickeln, die zunächst in die Vorproduktion gehen und schließlich am Set auf dem Campus gefilmt werden konnten. Wir trafen uns wöchentlich für diesen Kurs und einigten uns schließlich auf eine Kurzgeschichte von einem Studenten namens Matias. Er bat mich, sein Drehbuch zu überarbeiten, und durch diesen Prozess wurden wir gute Freunde. Nachdem er meiner Gruppe das endgültige Drehbuch vorgeschlagen hatte, legte unser Professorin die Teamrollen fest. Sie fragte, wen die Gruppe zum Regisseur ernennen wollte, und meine Gruppe wählte mich fast einstimmig. Sehr geschmeichelt nahm ich die Rolle an. Ich begann mit dem Storyboarding, legte also fest, wie der Dreh ablaufen sollte, sobald wir uns wieder am Set treffen konnten. Denn erfreulicherweise begann sich Hamburg Mitte Mai wieder zu öffnen, und gegen Ende des Semesters durften wir auf dem Campus im Produktionslabor sein und unter Einhaltung der Corona-Richtlinien vor Ort zusammenarbeiten.

Unsere Vorproduktion war umfangreich. Alle am Set trugen Masken und achteten darauf, sich regelmäßig die Hände zu waschen. Sobald das Set sicher vorbereitet war, stellten wir die Scheinwerfer an und begannen zu drehen. Das Filmen im Produktionslabor erinnerte mich an die ersten Male, als ich anderen Menschen in Kalifornien dabei geholfen hatte. Zum Glück hatte ich genügend Set-Erfahrung, um zu wissen, wie man Projekte professionell und zeitnah umsetzen kann. Ich war gleichzeitig nervös und begeistert, meine eigene Gruppe leiten zu dürfen. Letztenendes hatte ich die Wahl, wie ein Bild aussehen sollte, aber ich musste mich auch auf alle Situationen am Set einstellen. Es war ein großartiges Gefühl, dieses Projekt zum Abschluss zu bringen. Es war das erste Mal bei meinem Austausch, dass mein Studium etwas Persönliches beinhaltete, und ich sehnte mich nach mehr, aber aus Respekt vor den Bedingungen, unter denen wir standen, wusste ich, dass ich mich mäßigen musste.

Einige Wochen nach diesem Projekt begannen wir in allen meinen anderen Kurse damit, große Projekte in Angriff zu nehmen, die für meine Abschlussnote wichtig waren. Dieser Teil war der anstrengendste, aber das ist gegen Ende des Semesters zu erwarten. Insgesamt wurden mir zwei Audioprojekte, drei Kurzfilme, die ich selbst geschnitten hatte, und ein paar Hausarbeiten zugeteilt. Der Unterschied zwischen den Kursen an der CSULB und den Kursen an der HAW Hamburg besteht darin, dass nicht ständig neue Aufgaben dazwischen kommen, die meine amerikanischen Professoren in dieser Woche vielleicht haben wollen. Ich bevorzuge vielmehr den Ansatz bei deutschen Filmprojekten, bei denen genügend Zeit zur Verfügung steht, um alle Aufgaben in Ruhe zu erledigen.

Die Balance halten und neue Menschen kennen lernen
 

Das Semester war jedoch nicht nur Arbeit. Während der ersten Wochen in Hamburg versuchte ich mein Bestes, mit allen Menschen auf meinem Stockwerk im Studentenwohnheim Kontakte zu knüpfen. Eine meiner ersten Bekanntschaften war Jana aus Spanien. Wir verstanden uns gut, weil wir beide fließend Spanisch sprachen und gerne die verschiedenen Aspekte unserer Kulturen miteinander verglichen. Ich hatte noch meine Gruppe von Freunden aus der Begrüßungswoche, aber die Mehrheit der Gruppe kehrte leider nach Hause zurück. Nach und nach, im Laufe des Semesters, blieben nur noch drei von uns übrig. Es dauerte jedoch nicht allzu lange, bis ich eine französische Studentin, Oriane, kennen lernte. Wir unterhielten uns an einem Abend, als wir den Müll rausbrachten, und beim nächsten Mal, als wir zu Abend aßen. Eines Morgens beschlossen wir dann, ein wenig im Park spazieren zu gehen, um etwas frische Luft zu schnappen. Da wurde mir klar, dass wir trotz unserer völlig unterschiedlichen Erziehung auf vielen Ebenen ähnlich dachten. Aus einem gemütlichen Spaziergang wurde schließlich ein vierstündiges Gespräch, das von Heißluftballons bis zum politischen Klima der Vereinigten Staaten reichte. Sie stellte mich ihrer Gruppe von Freunden vor, und sie wurden zu den Menschen, mit denen ich den Rest meines Austauschsemesters verbringen würde. Wir gingen picknicken und genossen die vielen Möglichkeiten, die Hamburg bietet, als dies im Sommer wieder möglich wurde. Im Juli durfte ich sogar Orianes Familie in Frankreich besuchen. Wenn die meisten Menschen an Frankreich denken, denken sie an Paris mit seinen belebten Straßen und seinem extravaganten Nachtleben. Das ist zwar völlig richtig, aber Frankreich ist so viel mehr als nur der Eiffelturm. Frankreich, das sind Schlösser, Wälder, Flüsse und wunderschöne Sonnenblumenfelder. Mit Oriane an meiner Seite war ich nicht mehr nur ein amerikanischer Tourist in Europa, sie gab mir das Gefühl, Teil ihrer Kultur zu sein.

Am Ende des Semesters gab es noch eine große Aufgabe, als ich einen Kurzfilm über ein ganzes Wochenende drehen musste, dessen letzter Schnitt Anfang der Woche fällig war. Ohne zu zögern holte ich ein Kurzfilmdrehbuch hervor, das ich zu Beginn des Semesters zusammengestellt hatte, und mietete die Ausrüstung vom Produktionslabor. Ich hatte das Glück, einen Austauschstudenten und Freund, Hunter Uman, als Hauptdarsteller casten und die Wohnung eines anderen Austauschstudenten für die Dreharbeiten nutzen zu können. Da das gesamte Projekt so kurzfristig fertiggestellt wurde, wurde alles in einer Art Guerilla-Taktik durchgeführt. Das heißt: keine Stative, keine Vorplanung, alles im Moment erledigt. Überraschenderweise gab es am Ende einen recht ordentlichen kurzen Clip, der meine Fähigkeit demonstrierte, ein kurzes Gespräch zwischen drei Charakteren mit widersprüchlichen Interessen zu schreiben und gleichzeitig auf subtile Weise aufzuzeigen, wie sich ihre Charaktere in Zukunft gegenseitig beeinflüssen könnten. Da ich nur eine Szene filmen konnte, handelte es sich nur um einen Beispielclip. Prof. Willaschek war mit meiner Arbeit zufrieden, so wie ich - auch mit meinem ganzen Semester in Hamburg. Meine Gesamtnote für alle meine Kurse lag im Durchschnitt bei 1,3 (entspricht dem "A-" im US-Notensystem). 

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