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„Wir wissen erstaunlich wenig über Sporternährung bei Frauen“

Richtiges Essen für bessere Leistung: Sporternährungsforschung soll Athlet*innen unterstützen, ihre individuell optimale Ernährung zu finden. Doch noch immer beruht ein Großteil der Erkenntnisse auf Daten von Männern. Im Interview erklärt Prof. Dr. Anja Carlsohn, wo die größten Wissenslücken liegen, was sie für Leistungssportlerinnen bedeuten und warum es eine multidisziplinäre Gesundheitsversorgung braucht.

Dr. Anja Carlsohn, Professorin für Ernährungswissenschaft der HAW Hamburg© Olaf Lumma

„Lange ist man davon ausgegangen: Ergebnisse aus Studien mit Männern sind auf Frauen übertragbar“: Dr. Anja Carlsohn, Professorin für Ernährungswissenschaft an der HAW Hamburg

Sporternährung gilt als hochmodernes Forschungsfeld. Warum sprechen Sie trotzdem von einem Gender Data Gap?
Anja Carlsohn: Weil ein Großteil unseres Wissens in der Sporternährung auf Daten von Männern beruht. Das ist übrigens in vielen gesundheitsbezogenen Disziplinen so. Forschung war historisch lange männlich geprägt, und das wirkt bis heute nach: 62 Prozent der Senior Authors in sportwissenschaftlichen Publikationen – also derjenigen, die Themen setzen – sind männlich. In Editorial Boards liegt der Frauenanteil bei nur rund 23 Prozent. Genau dort wird entschieden, welche Forschung sichtbar wird und welche nicht.

Wo liegen die Ursachen für diese Schieflage?
Anja Carlsohn: Frauen sind in Verbands- und Vereinsvorständen, in wissenschaftlichen Gremien und anderen Entscheidungspositionen noch immer in der Minderheit. Damit fehlt oft die Perspektive für geschlechterdifferenzierende Forschung – und auch das Bewusstsein dafür, wie zentral physiologische und hormonelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind. 

Was genau meinen Sie damit? 
Anja Carlsohn: Zyklische Hormonschwankungen, Schwangerschaft, Stillzeit oder Menopause beeinflussen das Ernährungsverhalten und den Stoffwechsel, die sportliche Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden. Es sind Faktoren, die ein sehr hohes Maß an Standardisierung sowie an diagnostischer Quantifizierung und Validierung erfordern. Nur so können wir Zusammenhänge –oder gar Kausalitäten – zwischen Ernährungsinterventionen und leistungsphysiologischen Outcomes verlässlich untersuchen. Das ist entsprechend aufwändig und teuer. Lange ist man deshalb davon ausgegangen: Ergebnisse aus Studien mit Männern sind auf Frauen übertragbar; Menstruation oder Menopause galten als „besondere Lebensphasen“. Tatsächlich befinden sich Frauen aber mit Beginn der Pubertät dauerhaft in einer physiologisch besonderen Situation – und genau diese ist bislang unzureichend erforscht. Unterm Strich wissen wir erstaunlich wenig über die Sporternährung bei Frauen. 

Wir wissen oft nicht, ob Ernährungsempfehlungen wirklich passen. Die Datenlage ist schlicht zu dünn.

Prof. Dr. Anja Carlsohn

Zeichnen sich hier Veränderungen ab, sind sich die Forschenden der Unterschiede stärker bewusst?
Anja Carlsohn: Studien zeigen: Der Anteil weiblicher Probandinnen in der Sportwissenschaft hat sich in den vergangenen 15 Jahren nicht erhöht – er ist sogar leicht gesunken. Zwar wird aktuell verstärkt zum weiblichen Zyklus geforscht, das ist wichtig. Aber der Zyklus ist ja nur ein Aspekt. Unterschiede in der Körperzusammensetzung, der Thermoregulation beim Sport oder bei der Nährstoffspeicherung spielen ebenfalls eine Rolle. Frauen schwitzen zum Beispiel weniger und verfügen über mehr isolierendes Unterhautfettgewebe. Was bedeutet das etwa für Trinkempfehlungen bei Hitze? Darauf haben wir bislang kaum belastbare Antworten.

Welche Folgen hat diese Datenlücke konkret für Sportlerinnen?
Anja Carlsohn: Viele Ernährungsempfehlungen lassen sich für sie wissenschaftlich nicht ausreichend absichern. Auch die Ergebnisse qualitativ hochwertiger Studien mit überwiegend männlichen Teilnehmern können wir nicht einfach uneingeschränkt auf den weiblichen Stoffwechsel übertragen oder sie nicht an die Zyklusphasen anpassen. Das betrifft Fragen der Nährstoffbedarfe, der Regeneration oder der Verträglichkeit bestimmter Ernährungsstrategien. Kurz gesagt: Wir wissen oft nicht, ob Empfehlungen wirklich passen. Die Datenlage ist schlicht zu dünn.

Mögliche Verzerrungen in der Sporternährungsforschung untersuchen Sie im Projekt „Nutr‑e‑Bias“. Worum geht es dabei?
Anja Carlsohn: Wir analysieren, ob Ernährungserhebungen selbst einem Zyklusbias unterliegen. Verändern sich Appetit, Hunger oder Essverhalten je nach Zyklusphase? Wenn Athletinnen ihr Ernährungsprotokoll während der Menstruation führen, könnte die erfasste Energiezufuhr höher ausfallen als in anderen Phasen, mit direkten Folgen für Beratung und Empfehlungen. Ähnliches gilt für Screeningbögen, etwa zu Essstörungen oder zum körperlichen Wohlbefinden. Solche Effekte müssen wir verstehen, um valide Daten zu erheben.

Es ist wichtig, dass wir das Feld nicht ungeprüften Einzelmeinungen von Fitness-Influencer*innen oder KI-generierten Schlagzeilen in sozialen Medien überlassen, die schnell Reichweite erzielen.

Prof. Dr. Anja Carlsohn

Welche Frage zur Zukunft der Sporternährung treibt Sie persönlich am meisten um?
Anja Carlsohn: Wie es uns gelingt, fundiertes und evidenzbasiertes Wissen praxisnah an Sportlerinnen aller Alters- und Leistungsniveaus zu vermitteln – und das Feld dabei nicht ungeprüften Einzelmeinungen von Fitness-Influencer*innen oder KI-generierten Schlagzeilen in sozialen Medien überlassen, die schnell Reichweite erzielen. Und: Wie wir eine bessere Betreuung im Leistungssport hinbekommen. Wir brauchen eine athlet*innenzentrierte, multidisziplinäre Gesundheitsversorgung, in der alle eng zusammenarbeiten: Trainer*innen, Sportmediziner*innen, Ernährungswissenschaftler*innen, Physiotherapeut*innen und Sportpsycholog*innen. Denn im Mittelpunkt steht die Gesundheit der Athlet*innen. Dafür braucht es Vertrauen, Austausch und echte Kooperation zwischen den Fachdisziplinen.

Interview: Matthias Echterhagen

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