| Campus

Containerprojekt für obdachlose Frauen

Das soziale Projekt auf dem Campus der HAW Hamburg unterstützt obdachlose Frauen, Transgender und queere Menschen. Wir haben mit der Dozentin Andrea Hniopek über die Geschichte und die Bedeutung der Wohncontainer gesprochen.

Container Projekt der Caritas Hamburg

Zehn obdachlose Frauen können in dem sozialen Projekt einen kleinen Container bewohnen und erhalten gleichzeitig Beratung und Unterstützung durch Studierende der Hochschule.

 

 

Ein Ort des Rückzugs und der Sicherheit – das Projekt mit bewohnbaren Containern für obdachlose Frauen wurde von der Hamburger Caritas in Kooperation mit Studierenden der HAW Hamburg schon 2012 am Campus Berliner Tor ins Leben gerufen. Die Initiatorin ist die Dozentin Andrea Hniopek aus dem Department Soziale Arbeit. In den Container-Räumen können bedürftige Frauen wie auch Transsexuelle und queere Menschen dem gefährlichen Leben auf der Straße entfliehen, das auch von sexueller Ausbeutung geprägt ist. Sie werden von den Studierenden der Soziale Arbeit betreut, die ihnen helfen, zurück in die Gesellschaft zu finden. Bis dahin bietet ihnen das Containerdorf ein sicheres Zuhause wie auch eine soziale Gemeinschaft. Regelmäßig rufen verschiedene Institutionen oder Medien bei Benefizaktionen zu Spenden für das Projekt auf. Das Geld dient der Grundversorgung der Frauen und soll ihnen durch den Winter helfen und eine schöne Weihnachtszeit bereiten.

Liebe Frau Hniopek, 2012 kam das Containerdorf an den Campus Berliner Tor. Können Sie uns etwas über die Geschichte sagen, was war das Motiv?
Das Container-Projekt gibt es bereits seit Anfang der 90er Jahren. Es wurden von zwei Kollegen aus der Wohnungshilfe gegründet. Ich habe damals als Studentin der Sozialen Arbeit dort mitgearbeitet. 2004 habe ich es dann als Dozentin der HAW Hamburg übernommen. 2012 kam es an den Campus Berliner Tor. Was uns antrieb, war die Tatsache, dass die Wohnungshilfe und die Notprogramme nicht zu den Bedürfnissen der Menschen passten, die sie am dringendsten benötigen: die Obdachlosen. Wir haben also nach einem Winternotprogramm gesucht, was darauf abgestimmt war. Deshalb gründeten wir das Container-Projekt.

Frauen sind von Obdachlosigkeit und Armut häufig stärker betroffen.

Andrea Hniopek, Initiatorin des Projekts

Vor welchen Herausforderungen standen Sie am Anfang und wie hat sich das Projekt für die obdachlosen Frauen entwickelt?
Das Containerdorf hat sich seit seiner Gründung 1992/93 stark weiterentwickelt. Dabei haben mich vor allem Professor Harald Ansen und die damalige Hochschulleitung sehr unterstützt, so dass wir 2012 zehn Container am Campus Berliner Tor aufstellen konnten. Die Hochschule stellte damals Parkflächen für das Containerdorf bereit, also wirklich wertvolle Flächen. Das bewerte ich heute als große Leistung! Auch sorgten wir mit Flyern in den Mensen für Akzeptanz unter den Mitarbeitenden und Studierenden. Eigentlich gab es in der Rückschau keine ernstzunehmenden Probleme.

Warum liegt der Fokus des Projekts auf Frauen und nimmt obdachlose Männer nicht auf? Gibt es hier inzwischen eine erweiterte Haltung?
Jeder freiwerdende Platz wird schnell mit obdachlosen Frauen wiederbelegt. Dabei kommen sie manchmal nur wenige Tage oder bleiben bis zu vier Monaten. Manche kommen sogar nach Jahren wieder. Der Fokus liegt bei uns deshalb auf den Frauen und Menschen mit transsexueller Identität, da die Obdachlosenhilfe insgesamt eher männerorientiert ist und Frauen mit ihren Bedürfnissen ausschließt. Frauen sind von Obdachlosigkeit und Armut häufig stärker betroffen, dazu haben sie meistens „verlorene Kinder“, also Kinder, die bei Dritten untergebracht sind. Auf der Straße sind sie von Gewalt betroffen, viele Frauen sind Opfer von Vergewaltigungen. Tatsächlich unterscheiden sich die Bedürfnisse von Frauen und Transsexuellen im Wesentlichen nicht voneinander. Im Gegenteil haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Aufnahme von queeren und Menschen mit transsexuellem Geschlecht gut für die Dorfgemeinschaft ist. Wir behandeln sie als Frauen und machen keinen Unterschied in der Betreuung. Als Frau möchte ich selbst dazu beitragen, Frauen zu helfen, auch aus der Solidarität heraus.

Die Frauen, die wir aufnehmen, wollen sich zunächst einfach nur ausruhen und erholen.

Andrea Hniopek, Dozentin für Soziale Arbeit

Das Projekt dient unter anderem der Resozialisierung der Frauen, um ihnen zurück in das gesellschaftliche Leben zu helfen. Wie geschieht das und wie unterstützen hier die Studierenden?
Tatsächlich ist es oft so, dass die Frauen, die wir aufnehmen, von den Hilfsangeboten kaum Gebrauch machen, wenig Chancen auf Leistungen und eine Wohnung haben und sich zunächst einfach nur ausruhen und erholen wollen. Daher kann man nicht wirklich von `Resozialisierung´ sprechen. Die Studierenden der Sozialen Arbeit studieren im ersten und zweiten Semester. Sie sind zwei Mal täglich vor Ort und leisten unterschiedliche Betreuungen. Zum Beispiel die Postzustellung, Beantragung von Papieren oder die Suche nach einem Arbeitsplatz. Sie gewinnen dabei jede Menge Praxiserfahrungen und lernen, wie das Sozialrecht anzuwenden ist. Wir konnten auch schon eine obdachlose Frau in einer dezentralen Einrichtung unterbringen, wo sie noch immer wohnt. Aber die meisten Frauen gehen zurück auf die Straße; wir wissen meistens nicht, was aus ihnen wird. Unter meiner Leitung haben die Studierenden wöchentliche Theoriephasen, in denen wir uns eng abstimmen und die einzelnen Aspekte der Betreuung reflektieren. Insgesamt leisten die Studierenden 3.000 Stunden Sozialhilfe pro Jahr, was wirklich enorm ist! Oftmals treffe ich sie nach dem Studium bei der Caritas oder der Wohnungshilfe wieder, das freut mich dann sehr.

Und eine grundsätzliche Frage zum Abschluss: Wie sehen Sie den Umgang mit obdachlosen Menschen in der Gesellschaft und speziell in Hamburg?
Grundsätzlich ist die Spendenbereitschaft zu Weihnachten sehr hoch und die Menschen zeigen Mitgefühl. Aber Obdachlosigkeit ist ein strukturelles Problem und so muss es auch angegangen werden. Das meint mehr Wohnraum und spezielle Leistungen für diese Gruppe. Es gibt nach wie vor keine validen Zahlen, die über die Anzahl obdachloser Menschen in Deutschland Auskunft gibt. Im nächsten Jahr wird eine solche Zahl erstmals erhoben. Alle Einrichtungen müssen die Anzahl untergebrachter Menschen offiziell melden. Ich habe aber das Gefühl, dass der Anteil der Migranten in der Obdachlosenhilfe insgesamt zugenommen hat. Corona hat die Lage dieser äußerst bedürftigen Gruppe noch weiter verschärft. Wir selbst hatten einen Coronafall im Container-Projekt und mussten in Quarantäne, das war äußerst herausfordernd für uns alle. Für Frauen auf der Straße macht Corona ihre Situation noch schwerer.

Interview: Katharina Jeorgakopulos

Wie jedes Jahr im Wintersemester sammeln auch in Pandemie-Zeiten alle Erstsemesterstudierenden des Studiengangs Wirtschaft in der Veranstaltung Absatz von Prof. Dr. Anette Corves Spenden durch Online- und Offline-Aktivitäten für das Winterquartier.

Wenn Sie auch für das Projekt spenden möchten, tun Sie dies gerne:

Spendenkonto: DE 34 400 602 650 20 20 20 800
Verwendungszweck: Containerprojekt für Frauen Caritas & HAW Hamburg.

Kontakt

Andrea Hniopek
Leiterin des Projekts und Dozentin am Department Soziale Arbeit
andrea.hniopek (@) haw-hamburg.de

x