Die Fackel tragen - Deutsch-Amerikanischer Filmworkshop

Es ist Freitagabend und gleichzeitig Freitagmorgen. 18.30 Uhr in Hamburg und draußen ist es bereits dunkel. In Long Beach, USA, ist es dagegen 9.30 Uhr und die kalifornische Sonne scheint. Auf einem Laptop-Bildschirm sieht man fünfundzwanzig Gesichter in Briefmarkengröße. Wolfgang Willaschek, Dramaturgie-Professor an der HAW Hamburg, und Kent Hayward, Filmprofessor an der California State University, Long Beach (CSULB), treffen sich über ZOOM mit ihren Studierenden zur Auftaktveranstaltung eines Hochschulexperiments: einem gemeinsamen dreitägigen virtuellen Filmworkshop, geleitet von den renommierten Künstler*innen und Filmermacher*innen Cassis B. Staudt (Deutschland) und Patrick Scott (USA).

Seit 2014 arbeiten Lehrende und Dozent*innen der HAW Hamburg und CSULB mit Studierendenteams in Long Beach und Hamburg zusammen, um ihnen ihr Fachwissen in den Bereichen Regie, Drehbuch, Dramaturgie, virtuelle Realität und Sounddesign zu vermitteln. Aus einem gemeinsamen Studierendenprojekt entstand so 2018 der Kurzfilm "Oceans Across". Anfang 2020 gab es bereits Pläne für eine weitere Runde von Workshops, als Corona zuschlug und alles abrupt zum Stillstand kam. Es sah so aus, als würde es keinen Austausch und keine Zusammen­arbeit geben. Doch als die Welt lernte, virtuell zusammenzuarbeiten, wurde eine neue Idee geboren - ein gemeinsamer Online-Workshop über den Atlantischen Ozean hinweg. Zwischen inspirierenden Vorträgen und Gesprächen über die persönlichen und beruflichen Wege der Gastdozent*innen sollten Geschichten, Bilder und Töne entstehen. Alles an einem Wochenende.

Für Wolfgang Willaschek war es ein neuer Ansatz: "Irgendwie ist es völlig verrückt. Seit acht Monaten reden Hochschulen auf der ganzen Welt über nichts anderes als über die Herausforderung, einen Weg zwischen Online- und Präsenzlehre zu finden. Als wäre es eine Formel, die es zu lösen gilt. Man kann Nähe nicht durch digitale Distanz ersetzen, aber man kann Menschen zusammenbringen, die sich sonst nicht treffen würden. Sie können zusammen­arbeiten, indem sie durch das Schlüsselloch des digitalen Mediums in die Ferne schauen, mit einem Blick in die Intimität und das Innenleben, das sie einander näherbringt. In der Vergangenheit hatten wir verschiedene Workshop-Formate, aber nie Studierendenteams auf verschiedenen Seiten des Atlantiks. Was für eine Herausforderung! Was für ein Reiz!"

Die Aufgabe


Neun Studierende des CSULB und acht Studierende der HAW Hamburg wurden am Freitagabend (europäische Zeit) in deutsch-amerikanische Teams aufgeteilt. Nach einer kurzen Einführung formulierten Cassis und Patrick die Aufgabe: Die Studierenden sollten anhand ihrer eigenen Geschichten ihre persönliche Held*innenreise auf dem Weg zur Verwirklichung ihrer Träume beschreiben. Es galt vier Fragen* in je fünf Minuten zu beantworten. Jedes Team sollte dann die Geschichten eines anderen Teams bearbeiten, und die Ergebnisse sollten dann die Grundlage für einen gemeinsamen Kurzfilm bilden. Dabei sollte zusätzlich als Metapher eine Figur mit einer Fackel, die Hindernisse überwindet, visuell dargestellt werden. Für die Visualisierung und Sound Design durften die Studierenden weder Animationsprogramme noch vorgefertigte Sounds verwenden, sondern nur das, was sie in ihrer Corona-bedingten unmittel­baren Umgebung zur Hand hatten. Die Teams sollten bis 2 Uhr morgens deutscher Zeit arbeiten und dann am nächsten Tag um 12 Uhr mittags weiterarbeiten, um die gemeinsame Zeit aufgrund der Zeitverschiebung zwischen Hamburg und Long Beach so gut wie möglich auszunutzen.

Drei Tage später begrüßen Kent und Wolfgang ihre Filmstudierenden sowie ein größeres Publikum von Lehrenden und Studierenden zur Abschlusspräsentation über ZOOM. Alle sind gespannt zu sehen, was die Studierenden in so kurzer Zeit erreicht haben. Unter den Studierenden herrscht allgemein ein Gefühl der Erschöpfung, aber auch der Freude über all die Dinge, die sie erlebt haben. „Das Wochenende war eine totale Achterbahnfahrt", sagt Shane Brunton vom CSULB und eingefleischter Filmenthusiast. Ich war ein bisschen unsicher, ob ich einen Beitrag leisten könnte, aber wir waren eine lustige und starke Gruppe und haben uns gegenseitig unterstützt. Mir haben der Schnitt und das Finden der Geschichte wirklich Spaß gemacht.“

Luke Wagner von der CSULB bekam die Aufgabe, aus den einzelnen Videos einen Kurzfilm zu schneiden. „Das war eine echte Herausforderung. Ich musste zwanzig Minuten Material auf acht Minuten kürzen und eine Geschichte erzählen. Es galt das einzufangen, was ich als emotional mitreißend empfand.“ Das Material wurde dann an Ole Christiansen, Patric Pappenberg und Tim Passgang in Hamburg weitergegeben, die für Ton und Postproduktion verantwortlich waren. Der Soundtrack musste zum „Do it yourself-Ansatz“ der Visualisierung passen. „Ich hatte vier Stunden Zeit, mir neue Sounds auszudenken. Normalerweise würde ich dafür drei Tage brauchen", gibt Ole lachend zu. „Ich ging raus und nahm Pferdegeräusche auf den Feldern hinter meinem Haus auf. Es hat mich besonders gefreut, dieses schnaufende Geräusch einzufangen, das sie machen. Das ist schwer hinzukriegen.“

Erste Eindrücke


Als sie mit der Planung des Workshops begannen, wussten Wolfgang und Kent, dass das Onlineformat ein großes Risiko mit vielen Hindernissen war. So waren beide von dem Ergebnis begeistert. „Der Film ist ein sehr bewegendes, von Herzen kommendes Dokument, das die Herausforderungen der Studierenden in einer Pandemie und im Leben dokumentiert. Er fühlt sich hausgemacht an und sieht auch so aus, was seine Aufrichtigkeit nur noch verstärkt.“ Kent beschreibt seinen ersten Eindruck so: „Dies ist eine der Situationen, in denen es wirklich schwer ist, das Produkt vom Prozess zu trennen. Beide waren auf unterschiedliche Weise wichtig und erfolgreich. Letztendlich war das Entscheidende die Zusammenarbeit, das Überwinden internationaler Barrieren, aber auch das Überwinden persönlicher Barrieren, die jeden von uns davon abhalten, neue Dinge auszuprobieren, neue Leute kennen zu lernen, Risiken einzugehen und möglicherweise albern auszusehen.“ Und die Beziehungen wurden nicht nur über den Atlantik hinweg geknüpft. CSULB-Student Luke sprach für viele, als er sagte: "Ich habe einige wirklich großartige Leute kennen gelernt - auch aus Long Beach. Jetzt kenne ich andere kreative Leute auch aus meiner eigenen Hochschule, die die gleiche Leidenschaft teilen.

Erfahrungen sammeln für den Beruf


Beim Kick-off Meeting erzählte Patrick Scott, oder PScott, wie er lieber genannt werden möchte, den Studierenden, was sie von dem Workshop erwarten könnten: „Es werden seltsame Herausforderungen von euch abverlangt. Sie werden euch helfen, die Muskeln zu trainieren, die ihr für das Filmemachen brauchen werdet. Es geht darum, euch mit Fähigkeiten auszustatten. Es ist eure Aufgabe als Künstler/in, egal unter welchen Umständen, euren Stil zu entwickeln.“ Beim Reflektieren über die Zusammenarbeit mit den Studierenden waren Cassis und Patrick beide der Meinung, dass sie dieses Ziel erreicht haben. „Wir wollten einen Workshop machen, der die Studierenden auf ihrem Weg zur beruflichen und kreativen Unabhängigkeit unterstützt. In jeder Phase wiederholten wir die Binsenweisheit, dass die Studierenden “dem Prozess vertrauen sollten“. Ich glaube, das ist eine Kernphilosophie unserer beiden Künstlerkarrieren. Es ist dann ironisch, dass wir am Ende beide überrascht waren, wie hervorragend diese Philosophie für den Workshop war. Es zeigt, dass egal wie viele Jahre man in einem Handwerk arbeitet, man immer von der beständigen Kraft der Zusammenarbeit überrascht und bewegt sein kann.“

Abgesehen von den kreativen und technischen Lernaspekten des Workshops waren die Studierenden vor allem von den persönlichen Erfahrungen begeistert, die Cassis und Patrick mit ihnen teilten. „Wir sprachen abends über das Filmemachen und damit hatte ich nicht gerechnet. Das war wirklich interessant", sagt Ole. „Ich hätte dieses Semester im Rahmen des Austauschprogramms an der CSULB sein sollen, aber ich konnte wegen Corona nicht hingehen. Es war also eine großartige Möglichkeit, auf eine andere Art und Weise mit Long Beach in Verbindung zu treten.“ Für viele bot der Workshop auch persönliches Wachstum. Ariana Gutierrez vom CSULB erzählte bei der Auftaktveranstaltung, dass sie eine sehr schüchterne Person sei, und den Workshop auch dazu nutzten konnte, ihre Comfortzone zu verlassen. Am Montagabend sagte sie der Gruppe: "Ich fand die letzten drei Tage sehr herausfordernd und es gab viele Dinge, mit denen ich mich nicht wohl fühlte. Aber ich habe viel gelernt und so viele weise Worte für die Zukunft mitgenommen. Ich würde es auf jeden Fall gerne wieder machen."        

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DANKE: Dieser virtuelle Workshop wäre ohne die äußerst engagierte Arbeit und Unterstützung von Andreas Rippert und Martina Hentig, wissenschaftliche Mitarbeiter/in des Media Technology Production Lab an der HAW Hamburg Kunst- und Mediencampus Finkenau, nicht möglich gewesen.

Die Hochschulkooperation mit der CSULB ist ein wichtiger Baustein der Strategie "HAW goes USA". Seit 2017 ist der Filmaustausch zwischen der HAW Hamburg und dem CSULB vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) als strategische Partnerschaft anerkannt. Die HAW Hamburg erhält ISAP-Fördermittel für Stipendien und Reisekostenzuschüsse. Der Workshop wurde aus diesen Mitteln finanziert. www.daad.de/isap

“HAW goes USA” Strategie: www.haw-hamburg.de/hawgoesusa

* Die Workshop-Fragen: Jedes Teammitglied stellte einem anderen Teammitglied eine der folgenden Fragen: 1. Als du den Weg eines Kreativen wähltest, was war dein Ziel? 2. Wenn du deinem jüngeren Ich etwas darüber sagen könntest, was du zu erwarten hast, was würdest du dir sagen? 3. Die Zukunft ist voller Ungewissheiten, aber worüber kannst du sicher sein, was deine Zukunft bringen wird? 4. Was war die schwierigste Zeit oder die schwierigste Entscheidung in deinem Leben und warum?

Cassis B. Staudt (www.cassisb.com)
Die Komponistin Cassis B. Staudt studierte Musik in Hamburg und an der Juilliard University in New York City. Als Mitarbeiterin des Regisseurs Jim Jarmusch gewann sie eine Goldene Palme bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes als eine der Produzenten des Iggy Pop und Tom Waits-Segments "Kaffee und Zigaretten". Im Jahr 2004 führte eine ihrer Ideen zu dem Oscar-nominierten Film "Ferry Tales", dessen Titelsong sie komponierte.

Patrick Scott (www.zoochosis.com)
Patrick Scott, der für seine erfolgreichen viralen Videos bekannt ist, erhielt seinen Bachelor- und Master-Abschluss in Filmproduktion vom California Institute of the Arts. Als kommerzieller Regisseur gehören HBO, National Geographic und Warner Brothers zu seinen Kunden. Scotts Filme wurden auf Filmfestivals in der ganzen Welt gezeigt, darunter das Sundance Film Festival.

Workshop Teilnehmer*innen:
HAW Hamburg:  Ole Christiansen, Ahmad Hamamah, Jonas Oelke, Patric Pappenberg, Tim Passgang, Laura Trivedi, Niko Wetzer, Lennart Witting

CSULB: Shane Brunton, Augustine Escalera, Azeez Gabsi, Ariana Gutierrez, Kai Johnson, Marie Kili, Marcos Rodriguez, Han Rodriguez, Luke Wagner

 

Kontakt

Ingrid Weatherall
International Office
Leitung HAW goes USA


Prof. Wolfgang Willaschek
Dept. Medientechnik

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