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„Die Ingenieure haben ein komplexes Arbeitsumfeld“

Silke Wöhrmann, Human-Ressources-Managerin und Lehrbeauftragte der HAW Hamburg, forscht im Rahmen der New Skills. Das sind Kompetenzen, die uns befähigen, die berufliche Zukunft nicht nur zu bestehen, sondern aktiv zu gestalten. Sie führte dazu ein Interview mit dem Mathematik-Professor Dr. rer. nat. Peter Möller der HAW Hamburg.

Prof. Peter Möller erklärt Jugendlichen und Lehrern Physik im Einstein-Forum

Prof. Peter Möller organisierte 2018 das Einstein-Forum an der HAW Hamburg

Wöhrmann: Herr Prof. Möller, die Zeiten für Ingenieure*innen haben sich geändert. Sie haben die vergangenen Jahrzehnte mitverfolgt und gesehen, wie sich die Arbeitswelt, das Arbeitsumfeld verändert hat. Für HR ist es wichtig jetzt zu sehen, welche Skills erforderlich sind, um rechtzeitig zu fördern, zu qualifizieren, angepasste Arbeitsumgebungen zu schaffen. Welche Skills gewinnen Ihrer Meinung nach an Bedeutung?

Möller: Teamarbeit. Technische Probleme können nicht mehr alleine im Elfenbeinturm gelöst werden. Sie haben massiv an Komplexität gewonnen. Der einsame Ingenieur, der herumexperimentiert, der Solo-Tänzer der Informatik, der allein in seinem Zimmer programmiert – beides sind veraltete Bilder.
Aber es geht nicht nur um Zusammenarbeit. Sie müssen ihr Wissen auch vermitteln können, und das geht über Kenntnisse der Präsentationstechnik. Dabei geht es insbesondere darum, dass jeder seine ganz eigene persönliche Methodik auch im Umgang mit den neuen Medien entwickelt. Zwar bleiben die Grundsätze bei der Präsentation gleich. Aber bei dem Einsatz neuer Medien ist es eine besondere Aufgabe Menschen auch virtuell mitzunehmen und diejenigen, die man nicht kennt, zu motivieren und zu binden.

Wöhrmann: Wie bereiten Sie, wie bereitet die HAW Hamburg die Studierenden darauf vor?

Möller: Zum einen bieten wir – Sie sind ja in dem Fach bei uns Lehrbeauftragte – den Kurs "Erfolgreich studieren und kommunizieren" an. Die Studierenden erlernen Kernkompetenzen: Präsentations-, Lern- und Kommunikationstechniken, Team- und Zusammenarbeit, ganzheitliches Denken und Handeln, Konflikt- und Projektmanagement. Zusätzlich planen wir an der HAW Hamburg einen virtuellen Hörsaal einzurichten.

Wöhrmann: Ingenieure haben oft eine andere Persönlichkeitsstruktur als beispielsweise Wirtschaftswissenschaftler. Ich möchte keine Schubladen öffnen, kann es aber in meinen Vorlesungen häufig beobachten, dass sie doch introvertierter sind, teilweise mehr Zeit brauchen, um sich zu öffnen... wie kann man Ingenieure*innen auf die oft extrovertierte Welt vorbereiten?

Möller: Ingenieure sind Menschen, die sehr schnell Informationen aufnehmen können. Ich unterrichtete auch an der Wirtschaftsakademie "Ganzheitliches Denken und Handeln". Die Unterrichtsmethode: viele Impulse geben. Über 50 Prozent die Studierenden aktiv einbinden, zum Beispiel über Vorträge. Motivieren, aus den Stärken zu lernen. Dabei zeigten sich durchaus Unterschiede in der Bereitschaft, Lehre der Kernkompetenzen zu akzeptieren. Duale Studierende haben dazu eher einen Bezug, weil sie Erfahrungen aus der Praxis schon besser transformieren können. Das Rangeln bei der Definition welches Lernen gut ist und welches keinen Nutzen bringt: beenden!

Wöhrmann: Egal ob Kernkompetenzen oder Wissen über Quantenmechanik: Beides ist Lernen. Wenn Kolleg*innen Skepsis gegenüber anderen Themen und Fächern haben, dann sagen sie auch indirekt: "Lernt meins, das andere ist nicht wichtig". Ist das nicht eine reine nutzenbezogene Einstellung zum Lernen? Ich beobachte in Unternehmen: Sollen Mitarbeiter*innen SAP lernen, bekommt man dafür sofort ein Budget. Sollen Sie zum Beispiel Kommunikationstechniken lernen, muss erst einmal lange begründet werden, weil der Nutzen hinterfragt wird.

Möller: Lernen ist das Anpassen an die neue Situation, ob bei Mitarbeitern, Studierenden oder Azubis. Ich sehe keinen Widerspruch zum Nutzen. Lernen ist der größte Nutzen, den man haben kann, Lernen ist das Wichtigste überhaupt.

Wöhrmann: Was bedeutet für Sie Lernen?

Möller: Die Suche nach dem besten Weg. In meinem Buch habe ich das Kontinuierliche Verbesserungsprinzip KVP beschrieben, und es gilt nicht nur für Ingenieure*innen, es kann auf alle Bereiche übertragen werden.

Ich bin Physiker und habe das, was die Natur uns zeigt beobachtet und ganz einfach auf den Menschen übertragen. Es geht um Evolution, Mutation, Selektion. Die Natur probiert alles Mögliche aus – das, was sich durchsetzt, ist der optimale Weg.

Beispiel: Es sieht für uns so aus, als ginge ein Laserstrahl geradeaus von A nach B. Tatsächlich aber geht das Photon (Anm.: Wechselwirkungsteilchen der elektromagnetischen Wechselwirkung) dabei diverse Wege. Erst das Optimum setzt sich durch.

Wöhrmann: Heißt das: Wir müssen suchen, ausprobieren, scheitern, wieder suchen, um das Optimum zu finden? Heißt das, wir müssen Fehler machen, um von A nach B den optimalen Weg zu finden?

Möller: Es kommt darauf an. Im Unterricht: Ja. Hier möchte ich, dass Studierende bewusst Fehler machen. Ein Beispiel aus dem Programmieren. Wenn man 4 durch 3 teilt, erhält man 1,333. Beim Programmieren erhält man schlicht: 1. Dieser Fehler entsteht durch die Komplexität der Programme. Jetzt lasse ich die Studierenden suchen. Durch Suchen, Probieren, Hinterfragen wiederum lernen sie das Programm deutlich genauer kennen.

Wöhrmann: Haben Sie ein Beispiel für das Lernen über KVP?

Möller: Ja, meine Wohnungssuche. Insgesamt habe ich zweiundzwanzig Mal gewechselt. Wieder war ich auf Wohnungssuche, diesmal in Hamburg. Viele empfahlen mir, mich für ein paar Wochen in Hamburg einzunisten, weil es hier ja so schwierig sei. Ich wollte aber nur drei Tage investieren.
KVP sagt: Wiederholen und aus dem Besten lernen. Also holte ich mir Hilfe von einem Marketingfachmann, entwickelte Inserate und der beste Text mit den meisten Antworten wurde genommen. Ich rechnete mit 30 Angeboten. Ich bekam über einhundert. Dann bildete ich Rangfolgen. Nummer fünf auf der Liste hatte Elbblick, mein Favorit. Trotzdem schaute ich noch andere Alternativen an. Doch dem Elbblick konnte ich nicht widerstehen.

Wöhrmann: Viele Menschen denken: Ich muss mich erst verbessern, wenn ich unzufrieden bin – oder umgekehrt: Wenn ich mich verbessere, muss ich vorher unzufrieden gewesen sein. Sind wir zu schnell zufrieden? Oder zu lange unzufrieden?

Möller: Das muss jeder für sich entscheiden. Ich denke nicht so, mein Leben ist durch KVP einfacher geworden, denn ich bin zufrieden, aber kann es trotzdem besser machen. Ich war zum Beispiel Leistungssportler und wenn ich etwas erreicht habe, habe ich mich darüber gefreut. Das hat mich aber nicht daran gehindert trotzdem zu schauen, was ich verbessern kann:

Wöhrmann: In unserem Interview erwähnen Sie, dass jeder selbst entscheiden muss wie er zu den Dingen steht, was er tut und was er lässt. Dahinter steht die Überzeugung, dass jeder Mensch selbst verantwortlich ist. Ist die Fähigkeit zur Selbstverantwortung auch eine Kernkompetenz für Studierenden, für Berufstätige?

Möller: Ich würde sagen: Selbstbestimmung. Und hier sind wir bei der Mitarbeiterbindung und Mitarbeiterbestimmung. Ich bin zum Beispiel sehr frei in meiner Arbeit: Ich mache das, was mir Spaß bringt, ich habe einen Job, wo ich zu 90 Prozent machen kann, was ich will.

Wöhrmann: Herr Prof. Möller, ein Gespräch mit Ihnen und schon gibt es neue, tolle Ideen. Herzlichen Dank dafür!

(Das Interview wurde der HAW Hamburg freundlicherweise von HR zur Verfügung gestellt und ist hier eingekürzt wiedergegeben. Redaktion: Katharina Jeorgakopulos. Das ganze Interview hier)

Prof. Dr. rer.nat. Peter Möller lehrt an der HAW Hamburg, Fakultät Technik und Informatik Department Informations- und Elektrotechnik Physik, Mathematik. Er ist zudem Beauftragter für Lehrbeauftragte, Beauftragter für die "Dualen Studiengänge", Beauftragter für das Hauptpraktikum und für die Vorpraxis. Darüber hinaus engagiert er sich für zahlreiche Projekte u.a. das Einstein-Forum.

Kontakt

Fakultät Technik und Informatik
Department Informations- und Elektrotechnik
Prof. Dr. Peter Moeller
Professor für Physik und Mathematik
T +49 40 428 75-8112
peter.moeller (@) haw-hamburg.de

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