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Studierendenprojekt

Ein etwas anderer Stadtspaziergang

So sieht Interdisziplinarität aus: Studierende aus Gesundheitswissenschaften, Illustration, Geschichte und Sozialer Arbeit haben einen historischen Stadtrundgang zum Thema Public Health entwickelt. In ihm stellen sie wichtige Stationen in der Geschichte der öffentlichen Gesundheit Hamburgs vor. Der Rundgang wird künftig Teil von Lehrveranstaltungen sein. Begleitet wurde das Projekt von Dr. Ralf Reintjes, Professor für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung. Wir haben uns einige Stationen angeschaut.

Gruppenfoto der Macher*innen des Stadtspaziergangs© HAW Hamburg

Dieses Team hat den historischen Stadtspaziergang konzipiert und umgesetzt.

„In Zeiten, in denen es immer normaler wird, Geschichte umzudeuten, ist es umso wichtiger, sich mit der Geschichte der eigenen Wissenschaft auseinanderzusetzen", sagt Leonie Corinth. Die Studentin der Gesundheitswissenschaften und ihre Kommiliton*innen haben einen Stadtrundgang zu Hamburgs Public Health-Geschichte konzipiert, der genau das tut: hinschauen, auch wenn es manchmal unangenehm ist. 
An verschiedenen Orten der Hansestadt haben sie beispielhaft Stationen herausgegriffen, die verdeutlichen, welche politischen und gesellschaftlichen Konflikte die Gesundheit der Stadtbevölkerung beeinflusst haben. Beim Stadtrundgang sollen die Selbstreflexion und politische Handlungsfähigkeit von Studierenden gestärkt werden: „Uns ist wichtig, dass Studierende Politik als etwas verstehen, was nicht nur in den Parlamenten gemacht wird“, erklärt Corinth. „Vielleicht lernen sie durch unseren Stadtrundgang, ihre eigene Umwelt mitzugestalten und ihre eigene Rolle in der gesellschaftlichen Zukunftsentwicklung zu sehen. Das würde uns freuen!“

Weltoffenheit und koloniales Erbe: Der Hamburger Hafen
Der Rundgang beginnt im Hamburger Hafen. Er sorgte im 14. Jahrhundert durch den Beitritt zur Hanse für Hamburgs Wohlstand. Denn über den Seeweg wurden Kolonialwaren wie Tabak, Gewürze, Kaffee oder Tee importiert und gehandelt. Außerdem wurden Kolonialsoldaten verschifft, um Machtansprüche in den deutschen Kolonien abzusichern. 
„Der Hamburger Hafen spielt aus historischer und epidemiologischer Sicht eine wichtige Rolle“, erklärt Prof. Dr. Ralf Reintjes. „Beispielsweise gibt es heute noch den Hafenärztlichen Dienst als Teil des öffentlichen Gesundheitsdienstes“, erklärt Corinth.

Das Gängeviertel: Gesundheit, Wohnraum und soziale Gerechtigkeit
Im 16. Jahrhundert wuchs Hamburgs Stadtbevölkerung rasant an. Es entstanden drei Gängeviertel, in denen Hinterhöfe mit einfachen Buden eng bebaut wurden. „Besonders das Gängeviertel in der Neustadt wurde zum Inbegriff von Armut und Dichte“, erzählt Reintjes. „Phasenweise lebten hier zehntausende Menschen auf engstem Raum“. Im 19. Jahrhundert verdichtete sich das Viertel zu einem der größten Armenviertel Europas. Tagelöhner, arme Familien und Hafenarbeiter lebten hier ohne medizinische Versorgung, oder Zugang zu Trinkwasser und Kanalisation. Enge, Feuchte und mangelnde Hygiene begünstigten den Ausbruch von Tuberkulose und Cholera. Die Cholera-Epidemie von 1892 machte die Missstände für die Öffentlichkeit besonders deutlich. Die Politik reagierte mit umfassenden Sanierungen und Verdrängung. Gesundheitliche Belastungen und soziale Ungerechtigkeiten blieben durch die Verdrängung allerdings bestehen und wurden letztendlich nur verlagert.
Nach den Maiunruhen von 1890 und einem Hafenarbeiterstreik im Jahr 1896 betrachtete der Senat die Gängeviertel zunehmend als Rückzugsort für politisch unerwünschte Gruppen. Bis heute steht es sinnbildlich für den Widerstand und für die Frage, wie städtisches Gemeingut gestaltet werden kann.

Fürsorge oder Kontrolle? Das Gesundheitsamt
Nach der großen Cholera-Epidemie Ende des 19. Jahrhunderts wurde vom Hamburger Senat das Hygienische Institut gegründet. Es sollte Ursachen und Verbreitungswege von Krankheiten erforschen und war als Vorläufer des Gesundheitsamts – eines der ersten seiner Art in Deutschland. 
Das Hamburger Stadtbild war zu dieser Zeit geprägt von Überbevölkerung, mangelnder Hygiene und sozialer Ungleichheit. Hygiene wurde zu einem Leitbegriff städtischer Modernisierung, aber auch zu einem Begriff, der mit moralischem Diskurs und Kontrolle verknüpft war. Besonders im Nationalsozialismus wurde diese Kontrolle auf die Spitze getrieben: Menschen mit Behinderungen, psychischen Erkrankungen wurden stigmatisiert und verfolgt. 
Heute erfüllen Gesundheitsämter wichtige Aufgaben im Gesundheitswesen, auch wenn sie mit Themen wie mangelnder Digitalisierung und Fachkräftemangel kämpfen: Beispielsweise überwachen sie Infektionsgeschehen, kümmern sich um Schuleingangsuntersuchungen, führen sozialmedizinische Beratungen durch und unterstützen psychisch belastete Menschen. 


Weitere Stationen des Stadtrundgangs sind:
- das Hafenkrankenhaus, das verdeutlicht, dass Gesundheit auch immer eine Frage der Macht ist
- das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, das eine koloniale Geschichte hat
- der Hygieia-Brunnen im Innenhof des Hamburger Rathauses als Symbol für konsequente Priorisierung von Sozialpolitik
-die Buchhandlung Felix Jud am Jungfernstieg als Symbol für Widerstand gegen den Faschismus

Hier finden Sie eine Broschüre, welche die einzelnen Stationen des Stadtspaziergang erklärt.
 

Nach­hal­tige Bildung

Im Jahr 2015 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Agenda 2030. In 17 Zielen wurde ein Fahrplan festgehalten für eine gerechtere und nachhaltigere Welt. Der Stadtrundgang widmet sich dem Thema der nachhaltigen Bildung im Bereich der Gesundheitswissenschaften.

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