| Forschung

„Weniger Traffic bedeutet weniger Kapazität, Inhalte zu produzieren“

Seit Google KI-Antworten auf Suchanfragen gibt, wechseln Nutzer*innen immer weniger auf ein anderes System. Und das, obwohl die Antworten in vielen Fällen gar nicht stimmen oder auf Quellen verweisen, die es nicht gibt. Welche Auswirkungen hat das auf die Informationsvielfalt im Netz? Und gibt es auch positive Aspekte? Der Informationswissenschaftler Prof. Dr. Dirk Lewandowski über mögliche Transparenzpflichten, das „Wild-West-Spiel“ der Suchmaschinen und darüber, wie die Suchmaschinentechnologie der Zukunft aussehen könnte.

Porträt Dirk Lewandowski© Jonas Fischer / HAW HH

„Jede Aussage in einer Suchmaschinen-Antwort sollte mit einer Quelle belegbar sein“: Informationswissenschaftler Prof. Dr. Dirk Lewandowski.

Herr Prof. Lewandowski, welche Such- und KI-Tools nutzen Sie in Ihrem Arbeitsalltag?
Dirk Lewandowski: Ich teste berufsbedingt sehr viele Suchtools. Eine bewusste Auswahl ist das für mich oft gar nicht – ich schaue mir eben an, was auf dem Markt ist und probiere alles konsequent durch, denn das ist die Grundlage für unsere späteren systematischen Tests. Natürlich muss ich dabei den Überblick behalten. Und es ist sicher keine Überraschung, dass ich auch sehr viel Google benutze. Das entspricht ja dem allgemeinen Nutzungsverhalten. Grundsätzlich lassen sich Alltagsaufgaben aber mit fast jedem dieser Tools zufriedenstellend erledigen. Es gibt keine zwingende Notwendigkeit, eine ganz bestimmte Suchmaschine zu verwenden.

Das scheint die überwiegende Mehrheit der Nutzer*innen aber nicht zu interessieren. Google dominiert den Suchmaschinenmarkt nach wie vor.
Dirk Lewandowski: Dabei sollte man meinen, der Einfluss sei geringer geworden, seit Tools wie ChatGPT auf dem Markt sind, die Google angeblich das Wasser oder zumindest Marktanteile abgraben. In den Zahlen können wir das allerdings nicht sehen. Es scheint eher so, dass der Kuchen insgesamt größer geworden ist und Platz für mehr Anbieter bietet. Schaut man in die Bilanzen von Google, hat das Unternehmen im letzten Jahr mehr Geld verdient als jemals zuvor. 
Und der gesellschaftliche Einfluss wächst klar weiter: Seit Google in der Lage ist, direkt im System KI-Antworten auf Suchanfragen zu geben, besteht in vielen Fällen überhaupt keine Notwendigkeit mehr, auf ein anderes System zu wechseln. Der Einfluss wächst auch deshalb, weil diese Antworten sehr überzeugend wirken und man viel seltener direkt auf die Quellen schaut. Die Information wird stark Google selbst zugeschrieben und ihr wird geglaubt, basierend auf dem ohnehin starken Vertrauen in die Suchmaschine.

„Integration von KI-Anwendungen in Suchmaschinen und ihre Auswirkungen auf die Meinungsvielfalt“, so der Titel Ihres im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichten Gutachtens, in dem Sie diese Entwicklungen untersucht haben. Was ist gegenüber der klassischen Websuche-Ära die größte Veränderung?
Dirk Lewandowski: Das ist die Generierung von Informationsobjekten als Antwort auf eine Suchanfrage. Die Antworten, die Google und andere Suchmaschinen uns geben, sind keine bloß reproduzierten Aussagen aus externen Webseiten, die einfach zusammengefasst werden. Diese Antworten stellen eigene Informationsobjekte dar. Sie stehen oft allerdings so gar nicht unbedingt in den Dokumenten; zudem kommt es häufig vor, dass falsche Aussagen gemacht werden. Fehler in den KI-Antworten sind also nicht unbedingt Fehler, die im Quellenmaterial vorkommen.

Die Tools sind hervorragend darin, grammatisch korrekte und überzeugende Texte zu generieren. Das heißt aber eben nicht, dass die Aussagen in diesen Texten wahr sind.

Prof. Dr. Dirk Lewandowski

Warum ist das so schwer zu durchschauen?  
Dirk Lewandowski: Weil die Antworten einfach sehr souverän wirken. Die Tools sind hervorragend darin, grammatisch korrekte und überzeugende Texte zu generieren. Das heißt aber eben nicht, dass die Aussagen in diesen Texten wahr sind. Selbst bei Systemen, die auf Quellen zurückgreifen und im Hintergrund eine Recherche durchführen – wie es etwa bei den KI-Antworten von Google der Fall ist –, sehen wir, dass bei weitem nicht alle Antworten richtig sind. Wir haben hier momentan eine schlechtere Zuverlässigkeit als bisher in der konventionellen Suche.

Würden Regeln oder Transparenzpflichten für KI-Suchmaschinen helfen, damit Nutzende besser nachvollziehen können, wie die Antworten zustande kommen?
Dirk Lewandowski: Jede Aussage in einer Antwort sollte tatsächlich mit einer Quelle belegbar sein. Aktuell ist es oft so, dass zwar Quellen angegeben werden, sich die entsprechenden Aussagen in diesen Quellen jedoch gar nicht finden. So etwas darf eigentlich nicht passieren. Das liegt in der Verantwortung der Anbieter und ist zudem ein großes Problem für die Inhalteanbieter, wenn sie plötzlich für Aussagen zitiert werden, die sie nie getätigt haben. Zur Transparenz: Man kann natürlich alle Quellen angeben. Die Frage ist aber, ob die Nutzenden diese auch anklicken. Oft schauen die Leute nur kurz auf die Quelle, sehen einen Namen, den sie kennen, und glauben der Antwort dann, ohne die Quelle zu konsultieren. Ein Beleg durch die Nennung der Quellen allein ist also bei Weitem nicht ausreichend.

Dass die Nutzer*innen die Quelle nicht mehr anklicken, hat Auswirkungen auf die Erstanbieter der Informationen. In Ihrem bereits erwähnten Gutachten sprechen Sie von „Trafficverlusten“. Hat sich dieser Befund seit Veröffentlichung bestätigt, vielleicht sogar verstärkt?
Dirk Lewandowski: Es ist ja offensichtlich: Wenn ausführliche Antworten direkt auf der Suchergebnisseite angezeigt werden, sinkt die Notwendigkeit, ein Suchergebnis anzuklicken, deutlich. Das ist intuitiv. Viele Anfragen werden so direkt erledigt, ohne dass die Nutzenden weiterklicken. Für die Anbieter bedeutet das ein Problem bei der Monetarisierung ihrer Inhalte. Sie wollen Abos verkaufen, Werbung schalten oder Produkte vertreiben. Weniger Traffic bedeutet weniger Einnahmen und damit letztlich auch weniger Kapazität, um neue Inhalte zu produzieren. Die genauen Zahlen schwanken zwar, aber alle Studien zum Thema stellen einhellig fest, dass es zu Traffic-Verlusten kommt. Die Stärke des Verlusts hängt von der Form der Inhalte ab. Bei aktuellen Nachrichten zeigt Google momentan noch keine KI-Antworten an, da sind die Verluste geringer als beispielsweise bei magazinartigen Angeboten. Dort sehen wir erhebliche Verluste bei den Anbietern.

Wie können journalistische Inhalte auch im Zeitalter der KI-Suche wirtschaftlich tragfähig bleiben?
Dirk Lewandowski: Das ist in der Tat die große Frage, und ich habe keine abschließende Antwort darauf. Es muss sichergestellt werden, dass journalistische Inhalte Geld verdienen können und sich Suchmaschinen bzw. KI-Systeme nicht einfach fleißig an den Inhalten bedienen, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Bisher lautete das Geschäftsmodell des Webs: Anbieter lassen ihre Seiten crawlen und erhalten als Gegenleistung Traffic, den sie monetarisieren können. Dieses System wurde von den KI-Anbietern kaputt gemacht. Sie crawlen weiterhin die Inhalte, nutzen sie jetzt aber so, dass die Inhalteanbieter nicht mehr davon profitieren. Dafür muss eindeutig eine Lösung gefunden werden.

Ein möglicher Weg sind Lizenzvereinbarungen der Verlage mit den KI-Systemen. Wie bewerten Sie das?
Dirk Lewandowski: Wenn Verlage ihre Inhalte an Plattformen lizenzieren, ist das zunächst gut für den jeweiligen Verlag. Wir haben das bei Axel Springer und ChatGPT gesehen; Springer-Inhalte tauchen in ChatGPT prominent als Quellen auf. Der Effekt ist jedoch, dass für große Anbieter wie OpenAI das Thema „deutsche Nachrichten“ damit erledigt scheint. Für kleinere Verlage wird das wahrscheinlich kein gutes Modell sein, weil sie ihre Inhalte entweder gar nicht verkauft bekommen oder damit keine nennenswerten Einnahmen erzielen. 

Die Entwicklung muss nicht nur negative, sie kann auch durchaus positive Folgen für die Informationsvielfalt haben.

Prof. Dr. Dirk Lewandowski

Wie wird sich aus Ihrer Sicht die Suchmaschinentechnologie in naher Zukunft entwickeln?
Dirk Lewandowski: Ich erwarte eine Entwicklung, wie wir sie bei KI-Chatbots wie ChatGPT heute schon sehen: Die Suche wird deutlich dialogischer. Dadurch können wir zum einen Rückfragen zu den Ergebnissen stellen. Noch bedeutender erscheint mir aber das Zusammenwachsen von Informationssuche und Informationsaufbereitung: Bisher haben wir Ergebnisse bekommen und mussten halt sehen, was wir damit machen. Die neuen Systeme helfen uns bei der Aufbereitung und Verarbeitung des Gefundenen. Und die Entwicklung muss nicht nur negative, sie kann auch durchaus positive Folgen für die Informationsvielfalt haben. Eine KI-Antwort kann verschiedene Aspekte und Meinungen zusammenfassen. Ich betone: Sie kann. Im Vergleich zum bisherigen Verhalten, bei dem Nutzende oft nur die ersten ein bis zwei Ergebnisse angeklickt haben, könnte in einer KI-Antwort durchaus eine größere Meinungsvielfalt dargestellt werden.

In der Politik werden immer mehr Forderungen laut, Regulierungen umzusetzen, um die Meinungsvielfalt zu sichern. Überfällig?
Dirk Lewandowski: Da ist gerade viel im Fluss und es lässt sich noch nicht genau absehen, wohin es geht. Es ist aber offensichtlich, dass es politische Maßnahmen braucht, um dieses „Wildwest-Spiel“, das wir im Moment bei den Suchmaschinen erleben, in geregelte Bahnen zu bringen.

Interview: Matthias Echterhagen 

Infor­mationen zu Prof. Dr. Dirk Lewandowski

Dirk Lewandowski ist Professor für Information Research & Information Retrieval an der HAW Hamburg. Im Mittelpunkt seiner Forschung steht das komplexe Zusammenspiel zwischen Nutzer*innen, Algorithmen, künstlicher Intelligenz und kommerziellen Interessen in digitalen Suchumgebungen.
Um Forschung in diesem Bereich zu unterstützen, entwickelt Dirk Lewandowskis Team das „Result Assessment Tool“ (RAT) – ein Software-Toolkit für verschiedene Studien, die sich auf Suchmaschinendaten beziehen, insbesondere auf Suchergebnisse und Suchanfragen. Mit RAT ist es möglich, Suchmaschinen und andere Suchtools automatisch abzufragen und somit erstmals Suchmaschinen-Daten in großer Menge zu erheben und zu analysieren.

 Mehr auf searchstudies.org
 

Kontakt

Prof. Dr. Dirk Lewandowski
Fakultät Informatik und Digitale Gesellschaft
Professor für Information Research & Information Retrieval
Finkenau 35, Raum  268
22081 Hamburg

T  +49 40 219 04-2197
dirk.lewandowski@ haw-hamburg.de

x