Abschluss COP26

"Wir brauchen mehr Engagement und mutigere Maßnahmen"

Die weltweite Klimakonferenz COP26 ist am Wochenende in Glasgow zuende gegangen. Wir haben Prof. Dr. Dr. Walter Leal zu den Ergebnissen befragt.

Poträt-Foto von Prof. Dr. Walter Leal, u.a. Leiter des Forschungs- und Tranferzentrums "Nachhaltigkeit und Klimafolgenmanagement" am Department Gesundheitswissenschaften der HAW Hamburg

Prof. Dr. Walter Leal ist u.a. Leiter des Forschungs- und Tranferzentrums "Nachhaltigkeit und Klimafolgenmanagement" am Department Gesundheitswissenschaften der HAW Hamburg

Auf der Klimakonferenz 2015 in Paris wurde vereinbart, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. War die COP26 die letzte Chance, das 1,5 Grad-Ziel zu halten und wurde diese Erwartungshaltung erfüllt?
In Glasgow wurde eine klare Vereinbarung zur Verringerung der wachsenden Emissionen getroffen, und die Vertragsparteien haben sich gemeinsam darauf verständigt, an deren Reduzierung zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass der Anstieg der Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad begrenzt wird. Die Vertragsparteien werden allerdings lediglich ermutigt, ihre Emissionsreduzierungen zu verstärken und ihre nationalen Klimaschutzzusagen mit dem Pariser Abkommen in Einklang zu bringen.

2015 in Paris konnte sich die Staatengemeinschaft nicht auf ein festes Regelwerk für den Handel von CO2-Kompensationen einigen. Liegen jetzt überarbeitete globale Verträge vor?
Ein wichtiges Ergebnis ist in der Tat der Abschluss des sogenannten Pariser Regelwerks. In Glasgow wurde nun eine Einigung über die grundlegenden Normen im Zusammenhang mit Artikel 6 über Kohlenstoffmärkte erzielt, die das Pariser Abkommen voll funktionsfähig machen werden. Hierbei geht es vor allem um Kohlenstoff-Kompensationen, die sowohl marktwirtschaftlichen als auch den nicht-marktwirtschaftlichen Ansätzen folgen. 
Auch die Verhandlungen über einen verbesserten Transparenzrahmen wurden abgeschlossen. Er sieht genaue und einheitliche Vorgaben für die Rechenschaftsberichte über Ziele und Emissionen in den jeweiligen Ländern vor.

Es gibt große Industrien oder Branchen, die Probleme mit der Transformation zur CO2-Neutralität haben. Ist der Klimaschutz ein Markt der Zukunft?
Ja. Um ihr Potenzial jedoch auszuschöpfen, sind mehr Engagement und mutigere Maßnahmen erforderlich. Die Eindämmung des Klimawandels ist nicht nur eine Angelegenheit der etablierten Industriestaaten. Auch die neuen oder aufstrebenden Wirtschaftsnationen sollten einen konkreten Beitrag leisten, insbesondere Länder wie China, Südafrika und Indien, damit die Bemühungen in einem Teil der Welt nicht durch übermäßige Emissionen in anderen Teilen der Welt untergraben werden.

Die Staaten des globalen Südens fordern, dass das Budget für Anpassungsmaßnahmen an die Folgen des Klimawandels auf 50 Prozent zu erhöhen. Sie sind stärker von Stürmen, Überschwemmungen und Dürren betroffenen als die Industrie-Nationen und tragen kaum zu den CO2-Emissionen bei. Gibt es finanzielle Zugeständnisse seitens der Industrieländer und neue Lösungsansätze dazu im Abschlusspapier?
Es ist eine Henne-Ei-Geschichte: Reiche Länder wie die USA und viele EU-Länder zögern, mehr finanzielle Unterstützung zu gewähren, wenn nicht sichergestellt ist, dass die unterstützten Länder sich stärker für den Klimaschutz engagieren. In jedem Fall sind wir noch weit von den 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr entfernt, die 2015 in Paris als Geldtransfer an arme Länder vereinbart wurden. 

Herr Leal, Sie sind an sehr vielen Projekten und Publikationen beteiligt, bei denen sich internationale Wissenschaftler*innen und Institutionen mit Anpassungen an den Klimawandel befassen. Gibt es zum Beispiel durch Ihr neues Handbuch Impulse, die von der COP26 aufgegriffen wurden?
Ja, natürlich. In dem von uns in Glasgow veröffentlichtem "Handbook of Climate Management " – das übrigens mit 200 Kapiteln und fast 500 Autor*innen das größte nicht öffentlich finanzierte redaktionelle Projekt zur Anpassung an den Klimawandel ist –, dokumentieren wir die durch den Klimawandel verursachten Probleme, aber auch einige der Lösungen. Dazu gehört zum Beispiel, wie man die in vielen Ländern knappe Wasserressourcen optimal nutzen kann. Aber auch, welche Anpassungen in der Landwirtschaft vorgenommen werden können, um weniger anfällig für den Klimawandel zu sein. Und welche Instrumente können eingesetzt werden, um ländliche Gemeinden in armen Ländern weniger anfällig zu machen. Da die teilnehmenden Länder der COP26 Lösungen finden müssen, wie sie die in Glasgow vereinbarten Maßnahmen umsetzen können, wird unser Handbuch ihnen in den kommenden Jahren sicher eine Hilfe sein. 
 
Greta Thunberg sagt, die Weltklimakonferenz habe sich zu einer PR-Veranstaltung entwickelt. Sie spricht von Greenwashing-Festival. Was ist Ihre Einschätzung?
Die Staats- und Regierungschefs sowie die Delegierten, die an der COP26 teilgenommen haben, waren sich der Schwere der Klimakrise, mit der die Welt und wir alle konfrontiert sind, und der Notwendigkeit, der historischen Verantwortung gerecht zu werden, die Welt auf den Weg zu bringen, um diese existenzielle Herausforderung zu bewältigen, sehr bewusst. Sie verlassen Glasgow mit Klarheit, was noch zu tun ist, mit robusteren und wirksameren Instrumenten, um dies zu erreichen, und mit einem verstärkten Engagement, Klimaschutzmaßnahmen in allen Bereichen zu fördern – und zwar schneller als bislang. Dies allein macht die COP26 in Glasgow meiner Einschätzung nach zu einer bedeutsamen Konferenz.

Interview: Katharina Jeorgakopulos

Kontakt

HAW Hamburg
Fakultät Life Sciences
Prof. Dr. (mult.) Dr. h.c. (mult.) Walter Leal
Leiter Forschungs- und Transferzentrum „Nachhaltigkeit und Klimafolgenmanagement"
Tel.: 040. 428 75-6313
walter.leal2 (@) haw-hamburg.de

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