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Fakultät Technik und Informatik
Department Maschinenbau und Produktion
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Ansprache des Dekans anlässlich der Absolventenverabschiedung des Fachbereichs Maschinenbau und Produktion im Mai 1999

Prognose: Ingenieurmangel

Liebe Absolventen, sehr verehrte Gäste, liebe Angehörige des Fachbereichs,

in die Anrede "Liebe Absolventen" schließe ich neben den frischgebackenen Diplom-Ingenieuren alle ein, die hier am Berliner Tor ihr Examen gemacht haben, und damit spanne ich einen Bogen über 51 Jahre, denn dort in der ersten Reihe sehe ich Herrn Gawande, der zum Absolventenjahrgang 1948 gehört, den ich natürlich besonders herzlich begrüße. Der Bogen spannt sich aber auch über Generationen, denn ich weiß von der heute hier zu ehrenden Werner-Baensch-Preisträgerin, dass sie, der guten Tradition folgend, zu dieser Veranstaltung Familienangehörige mitzubringen, ihren Vater eingeladen hat, der auch Absolvent dieses Hauses ist. Ein "Herzliches willkommen" an alle Ehemaligen, und hier schließe ich nun auch noch die pensionierten Professoren des Fachbereichs ein.

Ganz gewiss letztmalig entschuldigen muss ich mich bei allen Anwesenden, dass wir Sie auf eine Baustelle eingeladen haben. In der Computer-Animation sind wir vor einigen Wochen schon durch die renovierte Aula spaziert, und in den Sommerferien wird die gründliche Renovierung abgeschlossen werden. Dank an Herrn Domke und seine Mannschaft, daß er die Baustelle so schön hergerichtet hat.

Der Fachbereich Maschinenbau und Produktion verabschiedet mit dieser Veranstaltung die Absolventen des letzten halben Jahres der Studiengänge Maschinenbau und Chemieingenieurwesen, die hier am Berliner Tor studiert haben, und die Absolventen des Studiengangs Produktionstechnik, die den wesentlichen Teil ihres Studiums in Bergedorf, und die Absolventen des Studiengangs Anlagenbetriebstechnik, die den wesentlichen Teil ihres Studiums im Nachbarfachbereich in der Stiftstraße absolviert haben. Für die beiden letztgenannten auslaufenden Studiengänge ist unser Fachbereich seit über einem Jahr verantwortlich, die Studenten sind Angehörige unseres Fachbereichs.

Wenn ich als Stichtag den 5. November 1998 nehme, an dem wir vor fast exakt einem halben Jahr die letzte Absolventen-Verabschiedung veranstalteten, dann hat der Fachbereich in diesem Zeitraum genau 141 Diplom-Ingenieure produziert. Es sind 78 Maschinenbauer, 27 Anlagenbetriebstechniker, 22 Chemieingenieure und 14 Produktionstechniker, und wenn ich bei dieser Aufzählung – hart an der Grenze der "political correctness" - nur die männlichen Bezeichnungen verwendet habe, dann trifft das in 91% der Fälle sogar im engeren Sinne zu, nur 9% weibliche Absolventen, und dies mit stark abnehmender Tendenz, denn uns gehen mit dem Auslaufen dieses Studienganges die Chemieingenieurinnen aus, die diese Statistik wesentlich gestützt haben. Würde ich diesen Studiengang schon heute nicht mit in die Statistik nehmen, hätten wir mit 6% weiblichen Absolventen etwa den Stand gehalten, der seit einigen Jahrzehnten für diese Studiengänge – ich erinnere mich da auch an mein eigenes Studium - trotz aller Bemühungen typisch ist.

Wenn ich mit der Absolventen-Statistik des letzten halben Jahres versuche, den mittleren Absolventen zu charakterisieren, so hat dieser sein Diplom mit der Abschlussnote "Gut" bestanden (genauer Mittelwert: 2,2) und ist vor einigen Wochen (genau am 16. März) 30 Jahre alt geworden. Ich gebe zu, den Mittelwert im Lebensalter würde ich mir schon etwas kleiner wünschen. Er ist allerdings nicht (zumindest nicht in erster Linie) das Resultat besonders langer Studienzeiten. Das Durchschnittsalter der Absolventen wird wesentlich bestimmt durch den relativ hohen Anteil unserer Studenten, die über den zweiten Bildungsweg erst recht spät zu uns kommen oder vor dem Studium eine komplette Lehre absolvierten, außerdem sind auch Absolventen des Abendstudiums in dieser Statistik, die in der Regel älter sind als ihre Kommilitonen des Tagesstudiums. Der jüngste Absolvent des letzten Halbjahres war übrigens gerade 24 Jahre alt, als er das Diplom machte.

141 Absolventen, das ist eine beachtliche Zahl, von der wir in der absehbaren Zukunft sicher noch oft träumen werden. Als absehbare Zukunft können wir auf jeden Fall die nächsten vier Jahre bezeichnen, für die wir die potentiellen Absolventen ja schon im Hause haben.

Mit diesen 141 Diplom-Ingenieuren können wir aber schon heute den Stellenmarkt nicht ausreichend bedienen. Die Produzenten für Diplom-Ingenieure, die Hochschulen, haben Lieferschwierigkeiten - es ist ein schwacher Trost, dass alle anderen Hersteller die gleichen Probleme haben wie wir.

Und ich möchte Ihnen, liebe Absolventen, ein paar Worte über den Ernst der Lage zumuten, obwohl die Situation ja gerade für Sie höchst angenehm ist. Sie sind, um bei dem betriebswirtschaftlichen Gleichnis zu bleiben, ein knappes Gut, für das sich bekanntlich immer Interessenten finden, die auch bereit sind, angemessen dafür zu bezahlen. Das knappe Gut wird knapper werden, viel knapper. Meine Prognose, die sich auf die gegenwärtigen Studentenzahlen in den einzelnen Semestern stützt, ist, daß wir in zwei Jahren nur noch etwa 80 und in vier Jahren nur noch etwa 50 bis 60 Absolventen pro Semester zur Verabschiedung einladen können.

Maschinen- und Anlagenbau mit allen Spezialbereichen, Automobilindustrie und Chemie, das waren und sind die typischen Abnehmer für die Absolventen, die dieser Fachbereich produzierte und produziert. Es sind - ich nenne sie mal so - die "Brot- und Butterbranchen" Deutschlands, in denen das Geld verdient wird, mit dem der Wohlstand finanziert, der Sozialstaat erst möglich wird, die letztlich auch die Subventionen für notleidende Branchen ermöglichen. Eine Schwächung der Branchen, die die typischen Abnehmer unserer Absolventen sind, durch den sich heute schon klar abzeichnenden Ingenieurmangel in wenigen Jahren wird sicher dramatische Folgen für unser Land haben. Aber wir können nur die Studenten zu Ingenieuren ausbilden, die zu uns kommen.

Dies ist – Sie merken es – eine Bitte an Sie, liebe Absolventen, für das Ingenieurstudium zu werben. Sagen Sie allen jungen Menschen, mit denen Sie Kontakt haben, was für einen schönen Beruf sie haben. Ich selbst, der den Titel Diplom-Ingenieur, den Sie gerade erworben haben, bereits seit mehr als drei Jahrzehnten besitze, bezeichne unseren Beruf übrigens aus voller Überzeugung als den schönsten der Welt. Sagen Sie es weiter, wie gut es auf dem Stellenmarkt aussieht und dass sich der Trend nachhaltig verstärken wird. Sie brauchen ganz sicher keine Angst zu haben, sich die eigenen Konkurrenten zu schaffen, wenn Sie junge Menschen heute überzeugen, ein Ingenieurstudium zu beginnen. In vier bis fünf Jahren, wenn die Studienanfänger der Jahre 1999 und 2000 auf den Stellenmarkt kommen, sind Sie ja geradezu der Prototyp aus den Stellenanzeigen: Jung, modern ausgebildet und mehrjährige Berufserfahrung. Vermutlich haben Sie zu diesem Zeitpunkt Ihren zweiten Karriereschritt schon hinter sich und suchen selbst in verantwortlicher Position nach dem Ingenieur-Nachwuchs.

Aber gegenwärtig sind Sie gerade dabei, Ihren ersten Karriereschritt zu vollziehen oder vorzubereiten. Sie sehen sich dabei vor einer ganz anderen Situation als viele Absolventen anderer Studiengänge unserer Hochschule. Die beiden Architektur-Studenten, die uns diese Aula schon einmal in renovierter Form im Computer vorführten, erzählten mir, dass sie jede Stelle annehmen würden, wenn sich nur eine Chance bieten würde. Auf diese Weise erfuhr ich erst, dass wir sie noch als studentische Hilfskräfte beschäftigten, obwohl sie bereits ihr Diplom hatten, was natürlich – ich sage es mal so – nur sehr bedingt legal war. Die Alternative wäre eine Auftragsarbeit gewesen, was die beiden dann sofort in den Verdacht der Scheinselbständigkeit gebracht hätte. Wie dem auch sei, es hat mich doch sehr berührt, wie pessimistisch diese beiden ausgezeichneten und engagierten Absolventen ihre Berufsaussichten schilderten.

Aber es ist fast zum Verzweifeln: Weder die Aussichtslosigkeit, mit Abschlüssen in vielen anderen Studiengängen eine vernünftige Stelle zu bekommen, noch die exzellenten Aussichten unserer Absolventen noch unserer intensiven Bemühungen in den Schulen, in den Berufsberatungszentren und bei allen Veranstaltungen, bei denen man Kontakt mit jungen Menschen bekommen kann, führen dazu, dass die Studentenströme, die nach wie vor in die Hochschulen hineinfließen, in die attraktiven technischen Fachbereiche gelenkt werden. Auch hierzu nur einige Zahlen:

Für das letzte Wintersemester und das laufende Sommersemester zusammen hatte unser Fachbereich insgesamt 339 Studienplätze bereitzustellen, für die sich nur 192 Bewerber interessierten, das Studium tatsächlich begonnen haben 158 Studenten. 181 Studienplätze blieben allein in diesen beiden Semestern unbesetzt. Das war einmal ganz anders: Vor genau acht Jahren hatte unser Fachbereich insgesamt (für seinerzeit zwei Studiengänge) 938 Bewerber auf 367 Plätze.

Wo sind die potentiellen Kandidaten geblieben, ständig liest man von überfüllten Hörsälen an deutschen Hochschulen. Sie sind in nicht-technische Studiengänge und Mode-Studiengänge abgewandert, nur wenige Beispiele: Sozialpädagogik an der FH Hamburg, nur für das vergangene Wintersemester: 1103 Bewerber auf 272 Studienplätze, Architektur: 642 Bewerber auf 72 Studienplätze, Universität Hamburg, Studiengang Psychologie: 79 Studienplätze, 1200 Bewerber nur für das gerade angelaufene Sommersemester.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland garantiert die freie Berufswahl. Aber wenn die gegenwärtigen Berufswünsche der jungen Generation in Deutschland erfüllt würden, hätten wir sehr bald für jedes Haus einen eigenen Architekten und für jede Ehe zwei Scheidungsanwälte. Und die Frage nach der freien Berufswahl muss ja doch die Gegenfrage gestatten: Und wer finanziert die Ausbildung, garantiert freie Berufswahl auf Kosten der Steuerzahler?

Und nach soviel ernsten Bemerkungen atmen wir nun ganz tief durch und freuen uns, dass Sie,  liebe Absolventen, alles richtig gemacht haben. Ihnen bieten sich viele Chancen, und schon beginnen die Probleme. Man möchte diese Chance nutzen, nicht das erstbeste Angebot annehmen, aber eine kleine Warnung ist angebracht: Lassen Sie keine größere Lücke entstehen zwischen dem Diplom und der ersten Anstellung, sonst müssen Sie sich zumindest eine gute Antwort auf die dann ganz sicher einmal kommende Frage überlegen, was Sie denn in dieser Zeit gemacht haben, in der doch der Stellenmarkt so günstig war.

Natürlich kann ich, der ich ja nun der letzte Professor bin, dem Sie hier ausgeliefert sind, der Versuchung nicht widerstehen, Ihnen noch einige gute Ratschläge mit auf den Weg zu geben.

Ihnen steht die Gratwanderung bevor – viele von Ihnen sind schon mittendrin -, die der Hochschulabsolvent in seiner ersten Stelle bewältigen muss. Sie treffen in Ihrer ersten Firma auf Spezialisten, die unendlich viel mehr von den Dingen verstehen, die das Kerngeschäft dieser Firma ausmachen. An keiner Hochschule kann man das lernen, vieles steht noch in keinem Buch, nicht einmal in Fachzeitschriften. Es gehört zur Charakteristik unseres schönen Berufs, dass fast jede neue Aufgabe absolutes Neuland sein kann. Aber Sie sind hochtrainiert, haben Methoden zur Lösung unterschiedlichster Probleme eingeübt, Sie haben "lernen gelernt", und eigentlich – denken Sie nur einmal an Ihre eigene Studienarbeit und an Ihre Diplomarbeit - schreckt Sie doch gar nichts mehr: "Dem Inschinör ist nichts zu schwör." Aber in Ihrem ersten Job sind Sie wahrscheinlich der Einzige im Team, der nicht wie alle anderen bereits an ganz ähnlichen Aufgaben mitgearbeitet hat, und Sie werden – und sollten – den Ehrgeiz haben, sich möglichst schnell das Spezialwissen anzueignen, das man am schnellsten – und eigentlich nur – "on the job" erwerben kann. Man wird Ihnen dabei helfen, aber Sie müssen vor allen Dingen selbst aktiv sein. Saugen Sie alle Informationen auf, die Sie bekommen können, aber ich nannte das Ganze eine "Gratwanderung", denn:

Bleiben Sie kritisch. Sie sind in Ihrem Studium mit modernen Methoden, aktuellen Fakten, mit neuester Software und Arbeitstechniken vertraut gemacht worden, die durchaus noch nicht überall in der Praxis zum Standard gehören. Und dieses Problem, mit dem mit Sicherheit jeder Berufsanfänger in irgendeiner Form konfrontiert wird, ist Ihre Chance, um sich z. B. auch ganz besonders unbeliebt zu machen. Hier ist sehr viel Vorsicht empfehlenswert. Zunächst müssen Sie herausfinden, warum man – ich will es an einem ganz konkreten Beispiel verdeutlichen – in diesem Konstruktionsbüro, in dem Sie gelandet sind, noch mit einem 2D-CAD-System arbeitet, während Sie in Ihrem Studium die Vorteile der 3D-Modellierung kennengelernt haben. Das kann sehr vernünftige Gründe haben, auch sehr prosaische, weil eine Umstellung wesentlich mehr kostet als das, was man für Soft- und Hardware bezahlen muss. Gegebenenfalls müssen Sie sich also mit 2D wieder anfreunden, aber Sie sollten unbedingt hier auch Ihre Chance sehen, das Know-how einzubringen, das Sie in Ihrer Ausbildung erworben haben.

Wir haben Sie auf Ihr Berufsleben gut vorbereitet, da sind wir ganz sicher. Gehen Sie es optimistisch und selbstbewusst an. Selbstbewusst auch deshalb, weil Sie gerade vom Kostgänger des Steuerzahlers zu seinem Partner werden. Wenn ich den Gesamtbetrag, der alle Kosten, die dieser Fachbereich verursacht (einschließlich der Pensionslasten für die Professoren im Ruhestand, die sicher auch deshalb so gern zu dieser Veranstaltung kommen, um diejenigen noch einmal zu sehen, die ab sofort ihre Pensionen sichern werden), wenn ich also alle Kosten, die unser Fachbereich in einem Jahr verursacht, durch die Anzahl der Produkte (sprich: Absolventen) teile, komme ich auf eine Zahl von etwa 80.000 bis 90.000 DM, die für einen Absolventen zu veranschlagen ist. Sie, liebe Absolventen, werden erstaunt sein, wie schnell das Finanzamt einen Betrag dieser Größenordnung bei Ihnen wieder eintreibt.

Und weil ich gerade beim Stichwort Finanzamt bin: Diese Feier wird ausgerichtet vom Freundeskreis Maschinenbau und Produktion, der auch das jährliche Absolvententreffen im Februar sponsert. Dazu werden Sie in jedem Fall eingeladen, auch wenn Sie nicht Mitglied des Freundeskreises sind. Ich würde es allerdings für eine prächtige Idee halten, wenn Sie eines der kleinen mit dem schlichten Wort "Beitrittserklärung" überschriebenen Kärtchen, die hier im Raum überall wie zufällig herumliegen, ausfüllen würden, denn der ohnehin geringe Beitrag ist steuerlich absetzbar, und das ist bei den guten Aussichten für Ihre Gehaltsentwicklung in den nächsten Jahren eine ideale Möglichkeit, Ihre immense Steuerlast zu reduzieren.

Aber unabhängig davon, ob Sie das tun, wünsche ich Ihnen im Namen aller Angehörigen des Fachbereichs für Ihren Berufsweg und im privaten Bereich alles erdenklich Gute. Viel Erfolg!

Letzte Änderung: 26.02.15

An die Redaktion

Prof. Dr. Jürgen Dankert bei seiner Ansprache