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Fakultät Technik und Informatik
Department Maschinenbau und Produktion
Fakultät Technik und Informatik

Ansprache des Dekans anlässlich der Absolventenverabschiedung des Fachbereichs Maschinenbau und Produktion im Mai 2000

Absolventen 1940 – Absolventen 2000

Liebe Absolventen, sehr verehrte Gäste, liebe Angehörige des Fachbereichs,

in die Anrede "Liebe Absolventen" schließe ich neben den frischgebackenen Diplom-Ingenieuren alle ein, die hier am Berliner Tor jemals ihr Examen gemacht haben, und damit spanne ich heute einen Bogen über den rekordverdächtigen Zeitraum von 60 Jahren, denn dort in der ersten Reihe sitzen 6 Absolventen dieses Hauses, die an unserer Vorgängereinrichtung, der Ingenieurschule am Berliner Tor, im Jahre 1940 ihr Examen abgelegt haben. Ein "Herzliches Willkommen" aber generell an alle Ehemaligen, und hier schließe ich nun auch noch die pensionierten Professoren des Fachbereichs ein.

Natürlich kann ich der Versuchung nicht widerstehen, mit  Absolventen der Jahrgänge 1940 und 2000 in einem Raum etwas über diese 2 mal 30 Jahre zu sagen, wie sie sich aus meiner ganz persönlichen Sicht darstellen, denn mein eigenes Examen, wenn auch nicht in diesem Hause, liegt zeitlich ziemlich genau in der Mitte. Und wenn ich das Ingenieurstudium am Ende der 30er Jahre, als Sie hier in den Technischen Staatslehranstalten studierten, die während Ihres Studiums in Ingenieurschule am Berliner Tor umbenannt wurden, mit meinem Studium Ende der 60er Jahre vergleiche, dann finde ich viel mehr Ähnlichkeiten als bei einem Vergleich meines Studiums mit dem, das Sie, liebe Absolventen des letzten Halbjahres, am Ende des Jahrtausends absolviert haben. Daran wurde mir besonders deutlich, dass die technische Entwicklung nicht nur rasant, sondern rasant beschleunigt verläuft.

Natürlich, der Rechenschieber, damit waren wir – Sie, liebe Senior-Ingenieure, und ich - fit während des Studiums, und sicher werden sich viele der heutigen Absolventen jetzt fragen, wovon ich wohl gerade rede. Und die Ausziehtusche – erinnern Sie sich, das war die Flüssigkeit, die mit absoluter Zuverlässigkeit einen Klecks auf die fast fertige Zeichnung lieferte (ich kann das den Jüngeren jetzt nicht erklären, vielleicht nur die Hinweise: Ein Rechenschieber ist nicht etwa ein Schwarzhändler für Gartengeräte und Ausziehtusche dient nicht zur Tätowierung von Striptease-Tänzerinnen, vielleicht aber doch wenigstens der Hinweis: Die Linien der mit Bleistift "aufgerissenen" technischen Zeichnung wurden mit schwarzer Tusche "ausgezogen"). Und die Normschriftübungen. Durften Sie eigentlich Normschriftschriftschablonen verwenden in den Technischen Staatslehranstalten, gab es die Ende der 30er Jahre schon. Wegen der Tusche und der Normschrift allein hätte ich mich kein zweites Mal für ein Maschinenbaustudium entschieden, und weiß heute wie Sie, dass dies ein unverzeihlicher Fehler gewesen wäre. Denn nach über 30 Jahren als Ingenieur bin ich – zugegebenermaßen aus meiner natürlich subjektiven Sicht – immer noch und gerade jetzt der ganz festen Überzeugung, dass es der schönste aller Berufe ist. Diese Erfahrung steht Ihnen, liebe 2000er Absolventen, noch bevor, freuen Sie sich darauf.

Ich möchte mich darauf beschränken, an zwei Beispielen der technischen Entwicklung den Bogen über diese 60 Jahre zu spannen, technische Entwicklungen, die in ganz besonderem Maße die menschliche Gesellschaft beeinflusst, rational aber auch emotional alle Menschen in irgendeiner Weise zur Stellungnahme herausgefordert haben. Die vergangenen 60 Jahre sind die historische Spanne, die wir heute bei den beiden Stichworten "Computer" bzw.  "Kernenergie" betrachten, beide haben die Geschichte auch dieses Hauses von den Technischen Staatslehranstalten bis zum heutigen Fachbereich Maschinenbau und Produktion nicht nur begleitet, sondern geprägt.

Als Sie, liebe Absolventen des Jahres 1940, hier studierten, bastelte Konrad Zuse gerade an den beiden ersten Varianten Z1 und Z2 einer Rechenmaschine, die beide den Namen Computer noch nicht verdienten. Sie werden es während Ihres Studiums ebensowenig bemerkt haben wie die Fertigstellung des Z3 im Jahre 1941, des ersten betriebsfähigen programmgesteuerten Rechenautomaten. Dieser konnte immerhin in der Sekunde 20 arithmetische Grundoperatioen ausführen, war mit 2600 Relais ausgestattet und hatte eine Speicherkapazität von 64 Zahlen zu je 22 Dualstellen, in unserer heute dafür verwendeten Maßeinheit sind das 176 Byte, knapp ausreichend, um im ASCII-Code den Satz, den ich gerade spreche, zu speichern.

Es dauerte Jahrzehnte, bis der Ingenieur tatsächlich in seiner täglichen Arbeit vom Computer unterstützt wurde. Als ich studierte, gab es immerhin an einigen Hochschulen schon Rechenzentren, in denen in klimatisierten Räumen riesige Monster gewaltige Lochkartenstapel in sich hineinfraßen, um nach einigen Minuten, manchmal Stunden, auf einer herkömmlichen Fernschreibmaschine eine lapidare Fehlermeldung auszugeben. Der Kunde des Rechenzentrums – übrigens nur in seltenen Ausnahmefällen mit einer Sondergenehmigung auch ein Student – hatte das Programm selbst zu schreiben – es gab noch nicht das, was man heute Anwendungssoftware nennt -, musste es in aller Regel selbst in Lochkarten stanzen und seinen Lochkartenstapel im Rechenzentrum an einem Schalter abgeben. Ich glaube, nur bei der Bundesbahn hielt sich die demütigende Prozedur, als Kunde an einem Schalter anstehen zu müssen, noch länger als in deutschen Hochschulrechenzentren.

In gut organisierten Rechenzentren konnte man sich schon am darauffolgenden Tag das Ergebnis – in aller Regel also eine mehr oder weniger mysteriöse Fehlermeldung - wieder abholen. Talentierte Programmierer schafften es trotzdem, in ein bis zwei Wochen die Lösung einer Aufgabe zu realisieren.

Rechenschieber, Rechenzentrum mit Schalterbetrieb, PC mit Internet-Anbindung, die typischen Helfer dreier aufeinanderfolgender Ingenieur-Generationen. Und ich möchte diese Ausführungen von mir nicht so verstanden wissen, dass es früher viel schwieriger war, ohne die modernen Hilfsmittel, die heute selbstverständlich sind, Ingenieur zu werden bzw. zu sein, ganz im Gegenteil. Ganz abgesehen davon, dass der Umgang mit dem Rechenschieber doch etwas einfacher war als das Bedienen der Benutzeroberfläche von Programmen wie Mathematica, MathCad oder Derive, war früher alles das, was über die Fähigkeiten des Rechenschiebers hinausging, als intelligente Ingenieurleistung einzustufen. Heute ist es geradezu unmöglich, die Fähigkeiten der genannten Mathematikprogramme zu übertreffen. Der Ingenieur muss das leisten, was ihm der Computer nicht abnehmen kann, die Formulierung der Aufgaben, das Kreative, das nicht in Algorithmen zu gießende, sind nach wie vor sein Geschäft. Natürlich, das war es immer, aber wenn es früher hieß "10% Inspiration, 90% Transpiration", dann fehlt heute meist die durchaus auch erholsame zweite Phase, und wenn jemand behauptet, dass der Computer beim Menschen die Transpiration durch Frustration ersetzt, so ist das wohl nur ein ganz kleiner Teil der Wahrheit. Ganz gewiss ist der Ingenieurberuf in den letzten Jahrzehnten ganz besonders durch den Computereinsatz um vieles interessanter geworden.

Und wenn Sie, liebe Absolventen, die wir heute offiziell verabschieden, aus dem eben Gesagten entnommen haben, dass die Absolventen vor 6 Jahrzehnten gar nichts und die vor 3 Jahrzehnten fast nichts von dem, was heute prägend ist, in ihrem Studium gelernt haben können und trotzdem im Berufsleben erfolgreich waren, dann dürfen wir Ihnen mit absoluter Sicherheit versprechen, dass auch Sie in dreißig Jahren schmunzelnd den Ausführungen über das primitive Internet am Ende des 20. Jahrhunderts zuhören werden. Auch Ihr Berufsweg wird eine permanente Lernstrecke sein, genau darauf aber haben wir Sie vorbereitet.

Lassen Sie mich bitte, verehrte Anwesende, gewissermaßen aus gegebenem Anlass, noch ein paar Worte sagen zu einem anderen ganz großen Thema der letzten 60 Jahre: Als Sie, liebe Ingenieur-Senioren, hier studierten, im Jahre 1938, in dem die Staatslehranstalt zur Ingenieurschule wurde, gelang Otto Hahn die erste Kernspaltung. Die erste Kettenreaktion gelang Enrico Fermi 1942, wie beim Computer Z3 der eigentliche Durchbruch der Technik kurz nach Beendigung Ihres Studiums. Und auch hier dauerte es etwa 3 Jahrzehnte, fast zeitgleich übrigens mit meinem Studienabschluss, bis in Deutschland das erste Kernkraftwerk ans Netz ging und damit diese Technik nutzbar wurde (ich weigere mich, die Kernwaffen, bei denen funktionstüchtige Exemplare wesentlich früher existierten, in einem Satz mit dem Begriff "nutzbar" zu verwenden). Unser Fachbereich war noch früher dabei. Schon im Januar 1965 wurde hier in diesem Gebäudes einer der wenigen Reaktoren an deutschen Hochschulen in Betrieb genommen, der einzige Kernreaktor, der im Bundesland Hamburg je betrieben wurde, in der Leistung wahrlich nicht vergleichbar mit Krümmel und Co., aber betrieben nach allen atomrechtlichen Vorschriften wie "die Großen" köchelte er hier im 2. Stock mehr als 3 Jahrzehnte lang. Wir konnten also von Beginn an die Diplomingenieure mit der qualifizierten Ausbildung liefern, die für diese schwierige Technologie gebraucht werden.

Doch auch hier ist inzwischen eine Ära vorbei. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre wollte kein Student mehr die Vertiefungsrichtung Kerntechnik wählen, und ab der Prüfungsordnung von 1993 haben wir das Angebot nicht mehr vorgesehen, 1998 schließlich haben wir den Reaktor stillgelegt und im vorigen Jahr verschrottet, eine technisch übrigens durchaus beherrschbare Prozedur, an den bürokratischen Aufwand allerdings erinnere ich mich mit einem mittleren Grauen.

Tapfer widerstehe ich der Versuchung, nach dem Hinweis auf unseren abgebauten Kernreaktor stolz auf unseren seit Jahren besonders erfolgreichen Forschungsschwerpunkt "Brennstoffzellen und rationelle Energieverwendung" zu verweisen, obwohl das durchaus gerechtfertigt wäre, denn es ist eigentlich wie seit Jahrzehnten: Bei den modernen Technologien sind wir ganz vorn mit dabei. Aber die Verschrottung des völlig intakten und teuersten Gerätes, das der Fachbereich jemals beschafft hat, hat uns doch ein ungutes Gefühl beschert, auch noch aus einem anderen Grund: Wir haben zur Stilllegung unseres Reaktors glücklicherweise einen bereits seit Jahren im Ruhestand befindlichen Professor gewinnen können, und ich kam doch ins Grübeln bei dem Gedanken, wer denn wohl – nach welchen Restlaufzeiten auch immer – die deutschen Kernkraftwerke einst stilllegen soll. Das geht wahrlich nicht einfach mit der Abrissbirne, und der letzte Absolvent der Vertiefungsrichtung Kerntechnik aus diesem Hause geht heute schon stramm auf die 50 zu. Das Stichwort dafür, wer Deutschland dabei dann helfen soll, scheint nach der Greencard-Aufregung der letzten Monate geradezu im Raum zu schweben. Ja, Kakrapur, Rajasthan, Madras, Narora, Tarapur, wir wissen, wo die Fachleute sind. Das klang eben übrigens nicht nur indisch.

Aber natürlich ist die Ausbildung der Ingenieure und Physiker an deutschen Universitäten und Fachhochschulen so breit angelegt, dass unsere heutigen Absolventen beinahe beliebig komplizierte Probleme – und damit gegebenenfalls auch das gerade angesprochene – lösen könnten. Wenn es diese Spezies denn noch in ausreichender Anzahl geben wird. Ich prophezeie, dass Maschinenbau-Ingenieure noch knapper als Informatiker werden. Wir haben das gleiche Problem, das gegenwärtig in aller Munde ist, leicht zeitversetzt, aber aus unterschiedlichen Gründen wird es diese Branche noch viel härter treffen.

Wir entließen im letzten Jahr noch fast die Sollzahl an Ingenieuren auf den Arbeitsmarkt, und es reichte nicht aus, aber der Rückgang hat eingesetzt. Im vergangenen Halbjahr, dem diese Absolventenverabschiedung heute gewidmet ist, waren es mit  46 Maschinenbauern, 26 Anlagenbetriebstechnikern, 16 Chemieingenieuren, 14 Produktionstechnikern und 2 Absolventen unseres neuen Studiengangs Maschinenbau und Produktion insgesamt 104 Diplomurkunden, die ich unterschreiben konnte. Im entsprechenden Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es noch 133. Und ich kann hochrechnen, dass es zumindest noch 2 Jahre so weitergeht, bevor wir uns auf niedrigem Niveau vorerst stabilisieren können. Nach 133 und 104 rechne damit, im Mai nächsten Jahres etwa 75 und im Jahr darauf hoffentlich noch mehr als 50 sagen zu können.

Aber es ist nicht nur der Rückgang der Absolventenzahlen allein, die die vorwiegend mittelständischen Firmen des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus, unsere klassischen Abnehmer, beunruhigen muss, denn ein großer Teil unserer Absolventen wanderte in der letzten Zeit in die boomende Automobilindustrie ab, die kräftigste Abwanderungswelle haben wir jedoch durch unsere Ausbildung geradezu zwangsweise herbeigeführt. Die erweiterte Informatikausbildung, die wir unseren Absolventen mitgeben, befähigt sie natürlich zum Einstieg in die IT-Branche, und wenn das Werben um Absolventen auf  das Gebiet des Gehaltspokers verlagert wird, können viele Maschinenbaufirmen einfach aus dem Grunde nicht mitmachen, weil sie ihre interne Gehaltsstruktur, die es bei vielen jungen IT-Firmen noch gar nicht gibt, nicht dadurch völlig durcheinander bringen können, dass ein Berufsanfänger plötzlich mehr bekommt als ein erfahrener Mitarbeiter.

"Obwohl", sagte mir neulich ein Unternehmer, "auch für den Fall habe ich mir schon die Argumente zurechtgelegt: Während früher die Berufsanfänger von den älteren eingearbeitet wurden, kommt es heute immer häufiger vor, dass der Neuling den Älteren zeigen muss, wie man mit den modernen Tools von CAD bis Internet, von Numeric Control bis E-Commerce umgeht."

Sie werden entschuldigen, liebe Absolventen, wenn ich in diese Rede, die ja eigentlich eine Festrede sein soll, diese ernsten Bemerkungen einfließen ließ. Aber es sind seit einiger Zeit die Sorgen des Fachbereichs, heute schon die Sorgen der Industrie, morgen ganz sicher die Sorgen der Gesellschaft, über die wir hier reden, denn es betrifft die Brot- und Butterbranchen Deutschlands, die Exportbranchen, die Firmen, die subventionsfrei das Geld verdienen, das uns den Sozialstaat ermöglicht. Aber Feststimmung braucht man bei Ihnen ja nicht durch eine Festrede zu erzeugen. Wer dieses sicher nicht ganz leichte Studium geschafft hat und von den Abnehmern geradezu umworben wird, ist ja automatisch in Feststimmung. Wir entlassen Sie, liebe Absolventen, in einen Arbeitsmarkt, der für Sie ungeahnte Chancen bereithält, und ich kann mir gerade deshalb eine Warnung nicht ersparen.

Jede Karriere, die – auch im günstigsten Umfeld – gestartet wird, ist so individuell wie der Mensch, der letztlich den Erfolg oder Misserfolg durch sein Handeln herbeiführt. Sie haben in einem beinahe idealen Umfeld mit dem Abschluss Ihres Studiums die beinahe idealen Voraussetzungen, aber mehr nicht. Wenn Sie bereit sind, Ihre Persönlichkeit und Ihre positiven Charaktereigenschaften gemeinsam mit Ihren erworbenen Fähigkeiten einzubringen,  ist das die Voraussetzung, aber immer noch keine Garantie für einen Erfolg. Und dass das Lernen mit dem Ende des Studiums nicht vorbei ist, wissen Sie ohnehin. Ich wünsche Ihnen die Ausdauer dafür, möglichst 2 mal 30 Jahre, glauben Sie mir, glauben Sie den Senioren hier in der ersten Reihe, es lohnt sich. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.

Letzte Änderung: 26.02.15

An die Redaktion

Prof. Dr. Jürgen Dankert bei seiner Ansprache