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Fakultät Technik und Informatik
Department Maschinenbau und Produktion
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Ansprache des Dekans anlässlich der Absolventenverabschiedung des Fachbereichs Maschinenbau und Produktion im Mai 2002

Der Sprachraum des Ingenieurs

Liebe Absolventen, sehr verehrte Gäste, liebe Angehörige des Fachbereichs,

in die Anrede "Liebe Absolventen" schließe ich neben den Diplom-Ingenieuren, bei denen die Tinte der Unterschrift auf dem Diplomzeugnis gerade getrocknet ist, alle ein, die hier am Berliner Tor jemals ihr Examen gemacht haben, und der Zeitrahmen, den ich damit aufspanne, wird von Jahr zu Jahr größer, denn für Herrn Hildebrandt dort in der zweiten Reihe - Examensjahrgang 1940 -, dessen 60-jähriges Jubiläum wir vor zwei Jahren hier feiern konnten, sind es nunmehr 62 Jahre seit seinem Examen hier im Hause, und deshalb fällt es mir recht schwer, gerade Ihnen, lieber Herr Hildebrandt, die traurige Mitteilung machen zu müssen, dass selbst Ihr Rekord, den wir für unantastbar hielten, gebrochen ist.

Ing. Horst Vogeler mit seiner Frau

Ganz besonders herzlich begrüße ich Herrn Vogeler, Absolvent dieses Hauses des Jahrgangs 1936, der heute gemeinsam mit seiner Frau unser Gast ist. Vor 66 Jahren, lieber Herr Vogeler, waren Sie in der Situation wie unser heutiger Absolventen-Jahrgang, dem Sie die wunderbare Hoffnung mit auf den Berufsweg geben können, dass Ingenieur-Sein nicht nur jung, sondern vor allem geistig frisch hält, denn Herr Vogeler hat uns vor wenigen Wochen das Ergebnis seiner Tätigkeit der letzten Jahre vorgelegt, ein Projekt für den aktiven Küstenschutz, realisiert von der Idee über die Konstruktion und Berechnung bis hin zu einem Modell. Wir lassen das Projekt gegenwärtig von Experten begutachten.

Fast schon zur Tradition geworden ist es, im Jahr des "Goldenen Examens-Jubiläums" hier zu erscheinen. Besonders herzlich begrüße ich deshalb 9 Absolventen des Jahrgangs 1952, die wieder den Weg zu uns gefunden haben.

Ich habe vor 4 Jahren, als Sie, sehr geehrter Herr Möhlenbrock - Absolvent des Examensjahrgangs 1948 -, mit Ihren ehemaligen Kommilitonen Ihr Jubiläum feierten, in meiner Ansprache den Bogen gespannt über 50 Jahre Technik-Entwicklung, um den Absolventen des aktuellen Jahrgangs eine Ahnung davon zu geben, was sie etwa in ihrem Berufsleben an Veränderungen erwartet, und dass das lebenslange Lernen für den Ingenieur eine berufliche Überlebensfrage ist, dass aber andererseits die naturwissenschaft-technischen Grundlagen damals wie heute die gleichen und nach wie vor gleich schwierig sind.

Ich habe mir natürlich auch diesmal von Frau Krämer aus unserem gut sortierten Archiv Ihre Zensurenlisten, liebe "1952er", heraussuchen lassen, und was ich da lese, wird bei Ihnen sicher die gleichen Gefühle aufkommen lassen wie bei den Absolventen von heute: Mathematik, Mechanik, Fertigung, Maschinenteile, Stoffkunde, Wärmelehre ... Dies ist Ihnen damals nicht erspart geblieben, das haben die heutigen Absolventen durchleiden müssen, das werden auch in 50 Jahren die Scharfrichter sein. 32 Namen stehen auf der ersten Liste, als Sie die Gruppe M1b waren, 22 Namen waren beim Zieleinlauf 1952 dabei. Auch an der Schwundquote hat sich über die Jahrzehnte nichts geändert.

Absolventen des Examensjahrgangs 1952

Schließlich provozieren diese Zahlen auch noch eine andere Überlegung: 22 Absolventen in einer Gruppe, die damals noch Klasse genannt wurde, 3 Klassen pro Semester, etwa 70 Ingenieure pro Semester, 140 bis 150 pro Jahr für Hamburg und das Umland. Das ist weniger als allein unser Fachbereich heute produziert, und hier am Berliner Tor gibt es jetzt 4 Ingenieur-Fachbereiche. Dazu kommen Ingenieure aus Bergedorf, aus den Fachbereichen der City-Nord, aus der TU in Harburg, aus der Universität der Bundeswehr. Und alles das reicht heute nicht aus. Der Bedarf an Ingenieuren hat sich dramatisch vervielfacht, ist größer als die Anzahl der jungen Menschen, die sich diesem nicht gerade leichten Studium stellen.

Sie, liebe Absolventen des Jahres 2002, kommen auf einen Arbeitsmarkt, der Sie sehnsüchtig erwartet, der Start vor 50 Jahren war erheblich schwieriger. Und weil der Start in das Berufsleben heute für den Ingenieur vergleichsweise einfach ist und junge Menschen nach meiner persönlichen Erfahrung gegen sogenannte "gute Ratschläge" der älteren Generation einigermaßen resistent sind - so war es zumindest noch, als ich mein Diplom bekam -, habe ich auf solche in meiner Ansprache bei den Absolventen-Verabschiedungen weitgehend verzichtet. Um so überraschter war ich, dass auf einen mit "Fettnäpfchen in der Probezeit" überschriebenen Artikel von Peter Sawitzki in der letzten Ausgabe unserer Freundeskreis-Zeitung besonders positive und dankbare Reaktionen gerade von Absolventen kamen. Und so habe ich mich entschlossen, noch zwei ganz persönliche Hinweise hinzuzufügen, die mir mehrfach als Probleme bei Absolventen auffielen, zumal ich unter all den Tipps, Hinweisen, Warnungen, die man jungen Leuten mit auf den Weg gibt, den folgenden Hinweis bisher nicht gehört oder gelesen habe:

Sie wechseln in einen neuen Sprachraum. Natürlich, das könnte eine ausländische Firma sein oder auch ein deutscher global operierender Konzern, dessen Konzernsprache Englisch ist. Es kann sogar noch schwieriger sein, wenn es Sie als überwiegend gelernte Norddeutsche z. B. nach Bayern verschlägt und Sie u. a. lernen müssen, wie spät es ist, wenn jemand "Dreiviertel Zehn" sagt.

Aber alles dies meine ich nicht.

Durch Zufall wurde ich einmal Ohrenzeuge eines Gesprächs zweier Studenten, die sich in ihrem Sprachraum bewegten, und ich registrierte: "Ey, Alter, das war ja mal wieder voll krass mit diesem Thermo-Prof." Mehr konnte ich mir von dieser für mich Beinahe-Fremdsprache nicht merken, und auch dieser Satz hat sich mir nur eingeprägt, weil ganz kurz danach der gleiche Student bei mir erschien und fragte, ob ich nicht Einfluss nehmen könnte, dass Professor S. nicht mehr gar so schwierige Klausuren schreiben lässt. Es war für ihn kein Problem, die gleiche Aussage in der Sprache zu formulieren, von der er wusste, dass ich sie verstehen würde.

Sie sind also durchaus gut trainiert in dieser Art von Mehrsprachigkeit, das wird Ihnen den Wechsel in den neuen Sprachraum, den Ihnen das Berufsleben bescheren wird, erleichtern. Aber Sie sollten dies ganz bewusst angehen, denn Missverständnisse sind sonst geradezu vorprogrammiert.

Das fängt beim Lesen von Stellenanzeigen an: Darin bedeutet das Wort "jünger" (" ... suchen wir einen jüngeren Mitarbeiter ...") nicht annähernd so jung wie das Wort "jung". Bei dem Wort "jung" sind z. B. Sie gesucht, liebe Absolventen, bei der Formulierung "jüngerer Mitarbeiter" ist eher jemand mit schon einigen Jahren Berufserfahrung gemeint, und meistens sind beide Formulierungen in Stellenanzeigen nur ein Synonym für das eigentlich gemeinte "billiger".

Das Wort "Teamfähigkeit" dürfen Sie übrigens in aller Regel getrost mit "Fähigkeit zur Einordnung" - um nicht zu sagen "Unterordnung" - übersetzen. Sie dürfen auch fast darauf vertrauen, dass Sie bei Vorstellungsgesprächen gefragt werden, ob Sie sich selbst für teamfähig halten. Sie müssen dann natürlich sagen, dass Sie sich Teamarbeit als einzig sinnvolle Art von Tätigkeit vorstellen. Und Sie sind gut beraten, sich dann auch als gutes Teammitglied zu erweisen, aber ganz persönlich möchte ich Ihnen zwei Bemerkungen mit auf den Weg geben:

    1.) Ein Team ist immer so gut wie der oder die Key-Player, und Sie sollten Ihren Ehrgeiz darin sehen, Key-Player zu werden, denn

    2.) noch nie ist ein auch noch so gutes Team zum Abteilungsleiter befördert worden.

Jedes wirklich gute Team braucht aber auch die Menschen, die man in Spitzenteams wie Fußball-Bundesliga-Mannschaften schlicht die "Wasserträger" nennt, und in Ihrer ersten Position nach dem Studium werden Sie natürlich zunächst diesen Part übernehmen müssen. Aber schon in den ersten Wochen sollten Sie genau darauf achten, was der oder die Spitzenleute im Team anders machen, und Ihr Ehrgeiz sollte sein, das noch besser zu können.

Und mit diesem Stichwort bin ich bei einem zweiten Gedanken, der mich beim Verfolgen einer groß angelegten Untersuchung von Sozialwissenschaftlern besonders berührte.  Bei insgesamt 6500 Ingenieuren, Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern wurde der Zusammenhang von Karriere und sozialer Herkunft untersucht und das Ergebnis schien zu beweisen, dass die soziale Herkunft ganz wesentlich (statistisch deutlich relevant) die Karriere beeinflusst. Also doch: Soziale Ungerechtigkeit? Diejenigen, die dies gern so sehen möchten, verweisen darauf, dass Studenten aus wohlhabenden Elternhäusern schneller studieren können, weil sie nicht jobben müssen, dass sie sich leichter ein Auslandspraktikum leisten können.

Das, so haben die Soziologen, die der Frage sehr intensiv nachgegangen sind, herausgefunden, ist es aber alles nicht oder jedenfalls nicht entscheidend - Studenten aus wohlhabenden Elternhäusern studieren z. B. durchaus nicht schneller - . Sie fanden vielmehr einen besonders wichtigen Grund, der allen Absolventen mitgeteilt werden sollte: Kinder aus Akademiker-Haushalten wissen, dass ein Hochschulstudium die Voraussetzung für die Karriere ist (natürlich wissen z. B. unsere Söhne, dass Mutter und Vater studiert haben müssen, um irgendwann einmal Professor zu werden). Kinder aus sogenannten "bildungsfernen Schichten", die vielleicht die ersten in ihrer gesamten Ahnenreihe sind, die einen Hochschulabschluss erreichen, haben - aus ihrer Sicht natürlich berechtigt - das Gefühl, ein großes Ziel erreicht zu haben. Und genau das ist der Unterschied: Die einen sehen sich am Start und die anderen am Ziel. Und wie auch immer ihr Elternhaus gewesen sein mag, liebe Absolventen, sagen Sie es sich selbst noch einmal ganz deutlich: Ich bin Dipl.-Ing. und stehe am Start, bin hochtrainiert, habe alle Voraussetzungen für einen erfolgreichen Berufsweg, den ich nun aber erst angehen muss.

Und zum Thema Berufsstart möchte ich noch einmal auf das Stichwort "Sprache" zurückkommen: Es bildet sich in jeder Firma eine Spezialsprache mit Begriffen, die der Außenstehende nicht kennt, nicht kennen kann. Fragen Sie sofort, und Sie bekommen die Antworten. Nach relativ kurzer Zeit müssen Sie zum Insider werden, und wenn Sie einmal auf eine Frage die Gegenfrage hören: "Wie lange sind Sie jetzt schon bei uns?", dann haben Sie zu spät gefragt. Und wenn man glaubt, dass man sich viele Bezeichnungen ja irgendwie selbst erklären kann, dann spielt einem die deutsche Sprache oft einen Streich. Ich bin dafür sensibel, seit ich in meinem Industriepraktikum darüber grübelte, was wohl der Schlaghebel an einer Verseilmaschine sei, von dem ein Ingenieur gesprochen hatte, ohne dass ich sofort nachfragte. Nirgends fand ich einen Hebel, der irgendwelche Schläge ausführte. Als ich schließlich doch fragte, sagte mir ein anderer Ingenieur, dass dieser wohl so heißt, weil die Drähte beim Verseilvorgang dagegen schlagen, ein anderer wusste allerdings, dass dadurch der "Schlag", die sogenannte Schlaglänge des Seils bestimmt wird. Also Schlaghebel wegen des Schlagens, des Geschlagenwerdens oder der Schlaglänge? Schließlich aber wusste es ein älterer Ingenieur ganz genau: "Der heißt Schlackhebel und schreibt sich mit ck, weil sich Otmar Schlack aus der Versuchsabteilung diesen Hebel ausgedacht hat."

Das ist so in der deutschen Sprache: Die Bezüge zusammengesetzter Wörter - und Fachvokabeln sind in der Regel zusammengesetzt - sind nicht eindeutig. Die Frühstückspause ist eine Pause zum Frühstücken, die Arbeitspause ist aber nicht zum Arbeiten sondern gerade eine Pause von der Arbeit, und was Politiker machen, wenn sie eine Denkpause einlegen, bleibt also offen.

Wenn ich in Fuhlsbüttel lande und bei der Passkontrolle meinen Pass und bei der Gepäckkontrolle mein Gepäck vorlege, frage ich mich, wenn ich auf der Fahrt mit dem Auto nach Hause das Schild "Radarkontrolle" lese, was ich wohl jetzt kontrollieren lassen soll. Und wenn ich Naturschutz für eine sinnvolle Sache halte - die Natur muss geschützt werden -, dann komme ich bei der Begründung für die Geschwindigkeitsbegrenzung in der Nähe der Horner Rampe mit dem Zusatz "Lärmschutz" ins Grübeln. Gibt es nicht ohnehin genug Lärm, muss der auch noch unter Schutz gestellt werden.

Wir Ingenieure, die wir zu Eindeutigkeit und Klarheit neigen, sollten uns in diese linguistischen Besonderheiten nicht einmischen. Es war auch sicher nicht gut, dass jemand zu einem Zeitpunkt, als auch der letzte unbegabte Heimwerker in Deutschland wusste, was ein Schraubenzieher ist, neunmalklug daherkam und dozierte, dass dies ein Schraubendreher sei. So genau ist die deutsche Sprache nun einmal nicht. Aber wenn Sie auf solche Begriffe beginnen zu achten, dann kann das richtig Spaß machen. Gerade gestern lese ich im Bericht des Studentenwerkes Hamburg, dass alle Studentenwohnheime mit Münzwaschanlagen ausgestattet seien, und da ich den Begriff Geldwäsche aus der Politik kenne, habe ich mich zunächst gefragt, ob vielleicht Münzwäsche die auf die Finanzlage von Studenten zugeschnittene etwas kleinere Variante von Geldwäsche sei.

Damit bin ich beim Thema Geld. Liebe Absolventen, gehen Sie Ihren Berufsstart auch deshalb selbstbewusst an, weil Sie gerade vom Kostgänger des Steuerzahlers zu seinem Partner werden. Wenn ich den Gesamtbetrag, der alle Kosten, die dieser Fachbereich verursacht (einschließlich der Pensionslasten für die Professoren im Ruhestand, die ich an dieser Stelle ganz besonders herzlich begrüße und die sicher auch deshalb so gern zu dieser Veranstaltung kommen, um diejenigen noch einmal zu sehen, die ab sofort ihre Pensionen sichern werden), wenn ich also alle Kosten, die unser Fachbereich in einem Jahr verursacht, durch die Anzahl der Produkte (sprich: Absolventen) teile, komme ich auf eine Zahl von etwa 50.000 €, die für einen Absolventen zu veranschlagen ist. Sie, liebe Absolventen, werden erstaunt sein, wie schnell das Finanzamt einen Betrag dieser Größenordnung bei Ihnen wieder eintreibt.

Und weil ich gerade beim Stichwort Finanzamt bin: Diese Feier wird ausgerichtet vom Freundeskreis Maschinenbau und Produktion, der auch das jährliche Absolvententreffen im Februar sponsert. Dazu werden Sie in jedem Fall eingeladen, auch wenn Sie nicht Mitglied des Freundeskreises sind. Ich würde es allerdings für eine prächtige Idee halten, wenn Sie einen der mit dem schlichten Wort "Beitrittserklärung" überschriebenen Zettel, die hier im Raum überall wie zufällig herumliegen, ausfüllen würden, denn der ohnehin geringe Beitrag ist steuerlich absetzbar, und das ist bei den guten Aussichten für Ihre Gehaltsentwicklung in den nächsten Jahren eine ideale Möglichkeit, Ihre immense Steuerlast zu reduzieren.

Aber unabhängig davon, ob Sie das tun, wünsche ich Ihnen im Namen aller Angehörigen des Fachbereichs für Ihren Berufsweg und im privaten Bereich alles erdenklich Gute. Viel Erfolg!

Letzte Änderung: 27.02.15

An die Redaktion

Prof. Dr. Jürgen Dankert bei seiner Ansprache