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Fakultät Design, Medien und Information
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Prof. Dirk Lewandowski. Foto: Paula Markert/HAW Hamburg

Wie viele Daten werden wirklich für die Verbesserung der Suchergebnisse gebraucht?

20.04.2017

Zum Auftakt der Ringvorlesung „Digitale Information und Manipulation“: Interview mit dem Suchmaschinen-Experten Prof. Dr. Dirk Lewandowski

Was hat Sie dazu motiviert, eine Ringvorlesung zum Thema digitale Information und Manipulation zu veranstalten?
Es ist ein aktuelles Thema, welches nicht nur für Wissenschaftler interessant ist, sondern auch für Leute, die von außen an die Hochschule kommen. Für mich war es eine Motivation, den Kontakt zwischen der Hochschule und der „Welt da draußen“ stärker zu knüpfen. Zudem ist es inhaltlich spannend, weil man mein Thema Suchmaschinen in einem weiteren Kontext betrachten kann – und da kommt man auf digitale Information und Manipulation zu sprechen. 

Was macht Google mit unseren Daten?
Zuerst einmal wertet Google unsere Daten aus, etwa unsere Suchanfragen oder Seiten, die wir angeklickt haben, um unsere Suchergebnisse zu verbessern. Das finde ich grundsätzlich positiv, da dadurch die Suchergebnisse erheblich verbessert und individuell auf die Nutzer angepasst werden. 

Wo liegt der Fehler im System?
Der Wermutstropfen ist, dass man sich fragen muss, wie die Daten gesammelt werden und in welchem Umfang. Der Ansatz von Google und anderen Anbietern ist, erst einmal alles zu sammeln, was man über die Nutzer sammeln kann und erst hinterher über die Auswertung nachzudenken. Das ist aus meiner Sicht der falsche Ansatz. Denn vieles kann bei Suchanfragen aus dem Kontext ausgeschlossen werden. Dafür braucht man nicht das komplette Nutzerverhalten. 

Warum sammeln Anbieter wie Google trotzdem so viele Daten?
Die Daten werden auch für andere Zwecke, etwa für die Werbung, verwendet. Da stellt sich die Frage, wie viele Daten tatsächlich für die Verbesserung der Suchergebnisse gebraucht werden und wie viele eigentlich nur dafür, um die Werbung genauer auszutarieren. 

Was würde aus Ihrer Sicht eine Verbesserung ergeben?
Zur wirklichen Verbesserung der Dienste für den Nutzer brauchen wir erheblich weniger Daten, als sie momentan von Google, Facebook und anderen bekannten Anbietern erfasst werden. 

Inwiefern haben wir in Europa ein anderes Verhältnis zur Datensparsamkeit als die USA?
In Europa haben wir in den Datenschutzrichtlinien ganz klar den Grundsatz der Datensparsamkeit festgeschrieben. Nur können wir die Datensparsamkeit leicht aushebeln, indem ein Nutzer ankreuzt, er habe die Nutzungsbedingungen gelesen und damit letztendlich alles erlaubt, was der Anbieter dort vorgibt.

Was ist daran problematisch?
Die meisten Nutzer lesen die Nutzungsbedingungen nicht. Zudem können sie die Dienste nicht nutzen, wenn sie den Bedingungen nicht vollständig zustimmen. Von der europäischen Tradition her haben wir ein anderes Verständnis von Datenschutz, aber wir geben das schnell auf, um Dienste nutzen zu können. 

Was können wir in Europa von US-Unternehmen in Bezug auf den Datenschutz erwarten?
Ich würde nicht zu viel erwarten. In den letzten Jahren hat speziell Google jegliche Verantwortung für seine Suchergebnisse und die Verwendung von Daten abgelehnt. 

Warum sollte Google dafür Verantwortung übernehmen?
Ein Unternehmen wie Google hat aufgrund seiner Bedeutung für den Informationserwerb in der Gesellschaft eine gewisse Verantwortung. Nur möchte es diese nicht wahrnehmen, teilweise aus nachvollziehbaren Gründen. Würde Google die Verantwortung für bestimmte Suchergebnisse übernehmen, könnte plötzlich jeder klagen, wenn bestimmte Suchergebnisse nicht in der gewünschten Reihenfolge auftauchen. 

Liegt die Problematik also in der Umsetzbarkeit?
Das wird von Technologiekonzernen gerne als erstes genannt. Diejenigen, die unglaubliche Dinge umsetzen können, sagen jetzt: das können wir nicht umsetzen. Das passt nicht zusammen. 

Inwieweit ist eine Regulierung eine Aufgabe von Regierungen?
Es gibt Dinge, die sind ganz klar zu regulieren, bei Suchmaschinen ist das beispielsweise die Trennung von organischen Suchergebnissen und Werbetreffern. 

Kommen wir aus dem System Daten gegen Serviceleistung überhaupt noch raus?
So lange wir ein werbefinanziertes Internet haben, wird das schwierig. 

Was wäre die Alternative?
Wenn weiterhin so wie viele Nutzer Werbeblocker verwenden, also letztlich niemand mehr Werbung sieht oder sie anklickt, gibt es fast keine andere Alternative als ein Bezahlweb aufzubauen. In gewissen Bereichen fände ich das großartig, da das gut für die Qualität der Information wäre. 

Wobei jene ausgeschlossen wären, die sich das Bezahlweb nicht leisten können.
Momentan schließen wir die Leute aus, die es sich nicht leisten können, Suchmaschinen-optimierung zu betreiben und somit ihre Angebote nie nach oben in die Ergebnisliste bringen. In den Neunzigern haben wir gesagt, das Internet ist frei, jeder kann seine Informationen verbreiten, dadurch wird Vielfalt geschaffen. Heute sehen wir eine erhebliche Gegenentwicklung dazu. 

Sollten Nutzer sich weigern mit ihren Daten zu zahlen, um das freie Web zu retten?
Solange wir wissen, dass wir mit unseren Daten zahlen und die Möglichkeit haben, Alternativen zu wählen, ist das in Ordnung. Wenn wir also beispielsweise entscheiden könnten, ob wir Facebook werbefrei nutzen und dafür einen Monatsbeitrag zahlen. Man kann Facebook aber nur mit Werbung akzeptieren. 

Inwiefern wäre eine alternative Suchmaschine eine Lösung?
Davon bin ich kein Freund. Wir müssen eine öffentliche Infrastruktur, also einen Datenbestand schaffen, sodass wir tausend Suchmaschinen aufbauen können. Das aber wäre eine staatliche Aufgabe. 

Was wäre der Vorteil einer solchen Infrastruktur?
Jeder könnte eigene Dienste, ob Suchmaschinen, Analysetools oder ganz etwas anderes, darauf aufbauen. Dadurch würden wir Vielfalt gewinnen und endlich einen Wettbewerb um die besten Ideen haben. Zudem könnten wir vergleichen und feststellen, welche Verzerrungen in den Ergebnissen der einzelnen Suchmaschinen liegen. So hätten wir ein klareres Bild auf die Wirklichkeit oder zumindest auf die Inhalte des Webs. 

(Das Interview führte die HAW-Masterstudentin und Journalistin Anna Gröhn)

Weitere Informationen:

Pressemitteilung: Ringvorlesung „Digitale Information und Manipulation“ startet heute mit Twitter-Takeover

Letzte Änderung: 27.10.11

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