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Das AniTa-Team, v.l.n.r.: Kristina Woock, Nele Mindermann, Marc Rosenberger, Prof. Dr. Susanne Busch. Foto: www.anita-familie.de

HAW Hamburg entwickelt deutschlandweite Tauschbörse für die Betreuung Angehöriger

28.01.2019

Viele alte Menschen werden von ihren Angehörigen gepflegt und versorgt. Damit ist die Familie in Deutschland immer noch der `größte Pflegedienst´. Wie der Barmer Pflegereport 2018 ermittelte, stellt die Pflege von Angehörigen eine erhebliche physische und psychische Belastung für die Betroffenen dar. Das vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen geförderte und unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Busch initiierte Projekt „AniTa – Angehörige im Tausch“ will hier eine Lücke schließen und unterbreitet ein Angebot für entfernt lebende erwachsene Kinder und ihre unterstützungsbedürftigen Angehörigen

Die Pflege und Unterstützung von nahestehenden Personen setzt oftmals örtliche Präsenz voraus. Damit bleiben aber entfernt lebende Angehörige häuft ungewollt außen vor. Oftmals gibt es aus privaten oder beruflichen Gründen zu den eigenen Eltern eine Beziehung auf Distanz. Das wird für weiter weg lebende Angehörige zum Problem, wenn der Vater und die Mutter älter und zunehmend unterstützungsbedürftig werden. Selbst wenn die klassische „hands-on“ Pflege vor Ort nicht geleistet werden kann, so übernehmen entfernt lebende erwachsene Kinder dennoch viele zeitaufwendige und kostspielige Aufgaben.

Was Angehörige leisten

Zu diesen Aufgaben entfernt lebender Angehöriger gehören beispielsweise das Knüpfen, das Anpassen und das Aufrechterhalten eines funktionierenden Unterstützungsnetzwerks für die versorgungsbedürftigen Eltern. Da die Kinder nicht selber vor Ort leben, haben sie häufig keine genauen Kenntnisse über die Abläufe; auch können Aussagen am Telefon oftmals nicht eingeordnet werden – wie zum Beispiel die Bemerkung der Mutter, dass es ihr gut gehe, wobei ihre Stimme `nicht wirklich gut klingt´. Es bleibt die Frage, wie man aus der Entfernung reagieren kann.

Das von Prof. Busch und ihrem Team aus wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Department Pflege und Management im Rahmen des Competence Center Gesundheit entwickelte Projekt „AniTa – Angehörige im Tausch“ schafft ein Angebot für entfernt lebende erwachsene Kinder. Die Tauschbörse vernetzt sie mit dem Ziel, niedrigschwellige Unterstützung und Fürsorge für versorgungsbedürftige Eltern auf einem niedrigen Level zu leisten und – wie es der Name AniTa sagt – miteinander zu tauschen.

Die Idee hinter AniTa

Die Expertin für Gesundheitsökonomie und -politik Prof. Susanne Busch erklärt die Funktionsweise der Tauschbörse: „Der Angehörige A lebt in Hamburg, sein Vater, Herr A, in München. A kann nicht so oft und vor allem nicht spontan zu seinem Vater reisen. Über AniTa wird ihm der Kontakt zur Angehörigen B vermittelt, die in München lebt und eine Mutter, Frau B, in Hamburg hat. Die beiden Angehörigen treffen sich und überlegen gemeinsam, wie eine mögliche Unterstützung jeweils aussehen könnte: Angehöriger A trifft sich nun einmal in der Woche mit Frau B in Hamburg zu einer Partie Backgammon, während die Angehörige B mit Herrn A in München regelmäßig im Park spazieren geht. Dieses Angebot funktioniert selbstverständlich auch in einer Art Ringtausch; wie auch ein zeitlich versetzter Tausch denkbar ist.“

Kristina Woock, wissenschaftliche Mitarbeiterin im AniTa-Team, ergänzt: „Wichtig ist uns allerdings die Bereitschaft der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Hilfe nicht nur anzunehmen, sondern im eigenen Umfeld auch aktiv anzubieten. Aber auch Menschen, die sich gerne freiwillig engagieren und keine eigenen Angehörigen haben, können sich für die Tauschbörse anmelden. Dabei kann jeder frei entscheiden, in welchem zeitlichen Umfang er oder sie tätig werden will oder kann.“

AniTa ersetzt keine professionelle Pflegeleistung

Was damit auch gesagt ist: Die getauschte Hilfestellung ist ein ergänzendes und die Angehörigen im Idealfall entlastendes Angebot. Sie ersetzt keinen Pflegedienst, keine Haushaltshilfe und stellt auch nicht das tägliche Mittagessen zur Verfügung. Sondern es verhilft den alten Menschen zu einem Mehr an Teilhabe und einem persönlichen Ansprechpartner vor Ort. Das könnte zum Beispiel sein: Die durchgebrannte Glühbirne, die es zu wechseln gilt oder die Geranien, die vor dem ersten Frost hereingebracht werden müssen.

Wiederum gewinnen die weiter weg lebenden Angehörigen einen zuverlässigen Ansprechpartner oder eine Ansprechpartnerin vor Ort, die erreichbar und informiert ist. „Das ist hilfreich, egal, ob man gerade nur vage beunruhigt ist oder ob es sich um eine handfeste Krise handelt wie beispielsweise bei einer ungeplanten Krankenhauseinweisung“, berichtet Prof. Busch. „Das gilt im Übrigen auch für Menschen, deren Eltern bereits in einer stationären Pflegeeinrichtung leben.“ Auch hier hilft der regelmäßige Besuch oder das Begleiten zum Sommerfest, damit sich der alte Mensch wohler, weniger einsam und der Angehörige entlasteter fühlen kann.

Erfahrungsbericht einer Teilnehmerin der Tauschbörse

Katrin B.-K. (57) erzählt: „Ja, ich bin eine entfernt lebende Angehörige. Was das bedeutet? Das bedeutet in meinem Fall 556 Kilometer am Tag zu fahren für einen Besuch – 1668 km pro Monat - 20.000 km im Jahr – auf die letzten drei Jahre rückblickend: 60.000 km über die A 20 - A 7 - A 2 und wieder zurück. Um mit Mutti ins Restaurant zu gehen, anschließend Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen, damit Mutti mal wieder rauskommt, erzählen kann und richtig isst – mal durch die Stadt bummeln und Besorgungen machen kann.

Später kamen dann die obligatorischen Kühlschrankinspektionen und Großeinkäufe hinzu, Arztbesuche an Wochentagen, schnell noch Unterwäsche besorgen, Post nachschauen, Rechnungen überwiesen, Boden wischen und vor allem `sich Sorgen machen´. Haushaltshilfe bestellen, Essen auf Rädern ordern, Pflegedienst anfordern für eine 24 Stunden Betreuung. Dann kam das Krankenhaus vor Weihnachten. In zwei Tagen und vier Stunden bringe ich meine Mutter zum Probewohnen in die Kurzzeitpflege. Ich fahre dann nur noch zehn Minuten zu Mutti. Ich weiß noch nicht, wie ich es ihr sage. Das wird wohl mein längster Weg.

Warum die Tauschbörse AniTa wichtig ist: Mutti und ich hätten uns über Mitmenschen gefreut, die wissen, was es bedeutet als Angehörige nicht immer da sein zu können, die in der gleichen Situation sind, wie man selbst. Die aus eigener Erfahrung wissen, dass Kontakt für ältere Menschen so wichtig ist, die wissen, dass Essen am besten in Gemeinschaft schmeckt und sich nicht davor scheuen einen Blick in den Kühlschrank zu werfen. Ein Anruf von mir hätte dann vielleicht genügt: „Wären Sie so freundlich und könnten mal nach meiner Mutter schauen? Sie nimmt den Hörer nicht ab … .“ Aus diesem Grund habe mich vor Weihnachten bei AniTa registrieren lassen. Einfach mal für andere da sein. Eigentlich ganz einfach.“

Wie es mit AniTa weitergeht

Das Projekt wird wissenschaftlich evaluiert, mittels eines mixed-methods-Ansatzes wird überprüft ob es gelingt, einerseits die Angehörigen zu entlasten und andererseits den älteren Menschen beim Erhalt der Teilhabe und der Selbstständigkeit zu unterstützen. Es ist geplant, die Tauschbörse nach Projektabschluss zu verstetigen. Das Team an Projektmitarbeitern steht für Informationen rund um die Tauschbörse telefonisch unter 040/42875-7230 oder per E-Mail (anita-familie(@)haw-hamburg.de) zur Verfügung. Die Möglichkeit sich anzumelden gibt es über die Webseite des Projektes www.anita-familie.de.

(Autorinnen: Katharina Jeorgakopulos/Kristina Woock)

Weitere Informationen 

KONTAKT:

Fakultät Wirtschaft und Soziales
Department Pflege und Management/Competence Center Gesundheit (CCG)
Projekt „AniTa – Angehörige im Tausch“
T +49.40.428 75-7230
anita-familie(@)haw-hamburg.de

Quelle: 

Themendienst der HAW Hamburg

 

FÜR RÜCKFRAGEN
Dr. Katharina Jeorgakopulos
Pressesprecherin und Pressereferentin/Ltg. Redaktion Themendienst
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Letzte Änderung: 18.07.16

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