KOMPETENZ KOMPAKTschool Beratungs- und Unterstützungs- angebot für geflüchtete Schüler*innen und Abiturient*innen

Arbeitsstelle Migration
Stiftstr. 69 | 20099 Hamburg

Ansprechperson:
Yvonne Fietz
yvonne.fietz(@)haw-hamburg.de
Tel. 040 / 428 75-98 56

Zur Ausgangssituation geflüchteter Schüler*innen an weiterführenden Schulen

In Hamburg – einer Stadt mit 85 Stadtteilschulen und 73 Gymnasien – besuchten im Schuljahr 2017/18 insgesamt 3506 Schüler*innen mit Fluchterfahrung im Alter zwischen 11 und 15 Jahren eine internationale Vorbereitungsklasse  an einer weiterführenden allgemeinbildenden Schule. Im letzten Jahr waren es 2851 in diesem 2062 Schüler*innen, die nach einem Jahr Beschulung in der Vorbereitungsklasse in Regelklassen an einer Stadtteilschule (80%) oder an einem Gymnasium (20%) wechseln.
Geflüchtete, die beim Schuleintritt zwischen 16 und 18 Jahre alt sind, werden in einer der berufsbildenden Schulen eingeschult. Die Anzahl der Schüler*innen in Vorbereitungsklassen  an berufsbildenden Schulen lag im Schuljahr 2017/18 bei 2712, und in den letzten beiden Schuljahren bei insgesamt 2644 Schüler*innen. An den einjährigen Besuch der Vorbereitungsklasse schließt für diese Zielgruppe entweder eine Ausbildung, eine berufsvorbereitende Maßnahme, der direkte Berufseinstieg oder der Übergang an eine weiterführende allgemeinbildende Schule an. Der Anteil der Absolvent*innen in Vorbereitungsklassen an berufsbildenden Schulen, die im Anschluss eine weiterführende Schule besuchen, liegt durchschnittlich bei gut 12 Prozent .

Angesichts dieser sich durch fluchtbedingte Migration verändernden Schülerschaft steht der sekundäre Bildungssektor vor der Herausforderung, dieser signifikant zunehmenden Heterogenität Rechnung zu tragen und Schüler*innen kompetenzorientiert und lebenslagensensibel so zu fördern, dass diese im Sinne der Chancengerechtigkeit ihr Potential ausschöpfen können.
Wenn man sich die Zielgruppe näher betrachtet, lässt sich feststellen, dass sich die Lebens-situation von Schüler*innen mit Fluchthintergrund signifikant von der anderer unterscheidet:

  1. Schüler*innen mit Fluchthintergrund müssen sich innerhalb eines Jahres durch den Besuch einer Vorbereitungsklasse das erforderliche Deutsch-C1-Sprachniveau erarbeiten, um in der Lage zu sein, sich anschließend den Schulstoff in allen Fächern an der weiterführenden Schule anzueignen. Nach Übertritt in das Regelsystem erhal-ten sie unzureichende Unterstützung, um den sprachbedingten Wettbewerbsnachteil in Deutsch als Fremdsprache auszugleichen.
  2. Aufgrund der Flucht mussten geflüchtete Schüler*innen ihren Wissenserwerb meist für längere Zeit unterbrechen. Auf benötigtes Fachwissen in Schulfächern wie Physik, Deutsch, Geschichte, PGW, u.a. als Voraussetzung, um die eigene Anschlussfähigkeit im Regelsystem nach Besuch der Vorbereitungsklasse zu gewährleisten, kann aufgrund der Unterschiedlichkeit der Bildungssysteme in Herkunfts- und Ankunftsland oft nur lückenhaft oder gar nicht zurückgegriffen werden, was zu strukturellen Benachteiligungen und demzufolge großen Herausforderungen im Schulalltag führt.
  3. Die herausfordernde Lebenssituation geflüchteter Jugendlicher, die mit Familienangehörigen in Hamburg wohnen, ist geprägt durch verschiedene Faktoren wie:
    - den Asylstatus und die damit verknüpfte Frage einer Zukunftsperspektive in Deutschland,
    -    die familiäre Lebenssituation sowie die damit einhergehenden altersuntypischen Erwartungen des sozialen Umfelds in Bezug auf die Übernahme von Verantwortung im bürokratischen und lebensweltlich problembelasteten Alltag der Familie,
    -    die meist fehlenden sozialen Netzwerke und die räumliche Segregation des Wohnortes (dezentrale Lage der Folgeunterkünfte),
    -    die eigene psychische Verfasstheit sowie die Ansprüche an das eigene Leistungsvermögen beim Quereinstieg in das fremde Bildungssystem sowie
    -    den häufigen Wohnortwechsel und der fehlende Raum zum konzentrierten Arbeiten.  

Die Lebenssituation unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter ist im Vergleich zu der geflüchteter Schüler*innen mit Familienangehörigen in Hamburg durch zusätzliche Herausforderungen wie die Trennung von der Familie oder eine Inobhutnahme gekennzeichnet.

Fazit: Schüler*innen stehen neben dem zu meisternden Schulalltag aufgrund ihrer fluchtbedingten Migration vielfältigen lebenslagenspezifischen Herausforderungen gegenüber. Dennoch erhalten sie nach Übertritt in das Regelsystem kaum zusätzliche Unterstützungsangebote im Vergleich zu den Schüler*innen, die im deutschen Bildungssystem auf-wachsen und auf den Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung hinwirken.
 

Flucht, Abitur und dann Studium?

Für studieninteressierte Schüler*innen mit Fluchthintergrund, die in Hamburg auf eine Hochschulzugangs­berechtigung hinarbeiten, gibt es derzeit keine lebenslagensensiblen und ressourcenorientierten Abitur- oder Studienorientierungsangebote, die den Übergang von der weiterführenden Schule in ein Studium unterstützen. Als ausländische Bildungsinländer*innen erhalten geflüchtete Hamburger Abiturient*innen bei einer Studienplatzbewerbung derzeit keinen Nachteilsausgleich für ihre Abiturnote, da in den Härtefallricht­linien  (§ 3 Besondere gesundheitliche, familiäre, wirtschaftliche oder soziale Gründe) Flucht keine Berück­sichtigung findet. Und langfristig gesehen wird diese Zielgruppe mit Erhalt der deutschen Staatsangehörigkeit statistisch betrachtet in der Gruppe der Studierenden ohne Migrationshintergrund aufgehen, obwohl die lebenslagenspezifischen Herausforderungen weiterbestehen.

Nur wenige Schüler*innen und Abiturient*innen mit Fluchthintergrund nehmen bisher an Informationsveranstaltungen für das Vorbereitungsstudium Kompetenz Kompakt an der HAW Hamburg teil. Diese Teilnehmer*innen berichten, dass ihnen Berufsberater*innen empfehlen, nach dem (Fach)Abitur lieber eine Ausbildung zu absolvieren oder zunächst ein freiwilliges ökologisches bzw. soziales Jahr zur Lebensorientierung einzuschlagen.
    
Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass die HAW Hamburg als Lernende Institution im Rahmen ihrer heterogenitätssensiblen und kompetenzorientierten Hochschulentwicklung die verschiedenen Phasen des Student Life Cycle mit seinen spezifischen Herausforderungen an die Zielgruppe analysiert und:

  1. strukturelle Barrieren abbaut, um Hamburger Schüler*innen und Abiturient*innen mit Fluchthintergrund beim Übergang von Schule in Studium zu unterstützen.
  2. pädagogische Angebote konzipiert, die die Zielgruppe bis hin zu einem erfolgreichen Studieneinstieg lebenslagensensibel unterstützen und begleiten.

Vor diesem Hintergrund hat die Arbeitsstelle Migration unter der Leitung des Beauftragten für migrationsbedingte Hochschule des Präsidiums der HAW Hamburg, Prof. Dr. Louis Henri Seukwa, in Kooperation mit ihrer studentischen Organisation Bunte Hände die Maßnahme KOMPETENZ KOMPAKTschool entwickelt.


Ziele und Bestandteile der Maßnahme KOMPETENZ KOMPAKTschool

Das pädagogische Programm KOMPETENZ KOMPAKTschool wendet sich explizit an Ham-burger Schüler*innen mit Fluchthintergrund auf dem Weg zum Abitur, um sie dabei zu unterstützen:

  • ihre fachliche Hochschulzugangsberechtigung zu erlangen,
  • sich in Bezug auf den eigenen Studienwunsch zu orientieren,
  • fachliche und überfachliche Studierfähigkeitskompetenzen zu erwerben und
  • erfolgreich sich in das tertiäre Bildungssystem zu integrieren.

Hierfür bietet die studentische Organisation Bunte Hände  der Arbeitsstelle Migration unter Anleitung der hauptamtlichen Mitarbeiterin Janina Hertel für Schüler*innen mit Fluchthintergrund kostenlos:

  • Multilinguale Fachtutorien in Kleingruppen für Fächer der 12. und 13. Jahrgangsstufe (Mathematik, Physik, Deutsch, Philosophie, PGW, Englisch)
  • Peer-to-Peer Beratung zur Studienorientierung (Interessenstest, Bewerbungs¬prozess) und zur Vermittlung überfachlicher Studierfähigkeitskompetenzen (Selbstwirksamkeit, Motivation, Lernstrategien, Zeit- und Aufgabenmanagement)
  • Sozial-integrative Freizeitaktivitäten zur Stärkung des Empowerments

Von diesem Programm profitieren aktuell pro Schuljahr rund 50 Schüler*innen.

Zudem führen die Studierenden von Bunte Hände gemeinsam mit Mitarbeiter*innen der Arbeitsstelle Migration multilinguale Informationsveranstaltungen für Multiplikator*innen durch, die sich um geflüchtete Jugendliche kümmern sowie für Eltern von geflüchteten Jugendlichen. Hier erhalten die Teilnehmer*innen Informationen und Beratung zu den wichtigsten Themen im Zusammenhang mit einem Studium (Studienberatung, Zugangsvoraussetzungen, Bewerbungsschritte, Bewerbungswege) in Deutschland.


Kooperation mit der Zentralen Studienberatung und dem Schulcampus

Die Teilnehmer*innen an KOMPETENZ KOMPAKTschool werden in Kooperation mit der Zentralen Studienberatung über die unterschiedlichen Studiengänge an der HAW Hamburg informiert:

  • Vorstellung des Studienangebots, des HAW-Navigators und des individuellen Beratungsangebots für Studieninteressierte bei Gruppenveranstaltungen für Kompetenz Kompakt School Teilnehmer*innen durch Mitarbeiter*innen der Zentralen Studienberatung
  • Gemeinsamer Besuch von Studienorientierungsveranstaltungen im Rahmen der peer-to-peer Beratung (Programmteilnehmer*innen und Mitglieder der studentischen Initia-tive Bunte Hände), z.B. HAW Insight, Hochschultage
  • Bewerbung der Angebote für Schüler*innen im Rahmen des Schulcampus, z.B. Sommercamps

Die Kolleg*innen des Studierendenzentrums weisen die begleitenden Lehrpersonen bei Gruppenbesuchen auf das Angebot Kompetenz Kompakt School hin. Auf diese Weise entstehen größtmögliche Synergien zwischen den unterschiedlichen Angeboten in der Studienvorbereitung und Studienorientierung an der HAW Hamburg.

Arbeitsstelle Migration - Labor für migrationsbedingte Hochschulentwicklung
Die Arbeitsstelle Migration – Migrationsforschung und Integrationspraxis wird von Prof. Dr. Louis Henri Seukwa geleitet, dem Beauftragten für migrationsbedingte Hochschulent-wicklung des Präsidiums der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Das Hauptziel der Arbeitsstelle ist die Förderung empirischer Forschung u.a. für evidenzbasierte politische Impulse zu migrationsspezifischen Themen sowie zu Fragen der Integrations-praktiken. Strategisches Ziel ist es, die wissenschaftlichen Aktivitäten im Bereich Migration und Integration zu bündeln und zu vernetzen, um eine systematische und kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung von Diskursen und Praktiken zu gewährleisten. Dazu ist die Arbeitsstelle an einer Vielzahl von Kooperationen mit verschiedenen operativen und strate-gischen öffentlichen und privaten Partnern auf lokaler und nationaler Ebene beteiligt. Darüber hinaus trägt die Arbeitsstelle zur qualitativen Weiterentwicklung des Praxisfeldes der Migrationsarbeit bei, indem es die institutionelle, organisatorische und konzeptionelle Ent-wicklung von Institutionen berät, begleitet und bewertet. Sie berät und unterstützt Verwaltun-gen, Organisationen und Institutionen in Fragen der Migrationspolitik und Migrationsarbeit in kommunalen Entwicklungsprojekten durch wissenschaftliches Know-how. Mehr