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Die Lenzsiedlung aus den 1970er Jahren in Hamburg-Eimsbüttel ist die in Deutschland wohl am dichtesten besiedelte. Fotos von Anne Eickenberg und Ralf Helling

Kooperationsprojekt untersucht Familienkulturen in der Lenzsiedlung in Hamburg-Eimsbüttel

30.04.2019
Wie gestaltet sich das Zusammenleben von unterschiedlichen Kulturen auf engem Raum? Welche Vielfalt im Familienleben lässt sich beobachten? Wie beeinflussen und verändern sich Familienkulturen gegenseitig? Welche Herausforderungen entstehen? An diesen Fragen forscht seit September 2018 ein Team vom Studiengang Angewandte Familienwissenschaften am Department Soziale Arbeit der HAW Hamburg. Kooperationspartner sind das Institut für Germanistik der Universität Hamburg und der Verein Lenzsiedlung e.V. Das BMBF fördert das Projekt bis 2022 mit rund einer Million Euro.

Im Vordergrund der Untersuchung stehen Familienkulturen und die Alltagsgestaltung in der Lenzsiedlung in Hamburg-Eimsbüttel. Dabei geht es unter anderem um die Praktiken, Normen und Wertevorstellungen in Bezug auf Familie, Alltagsleben, Rituale und soziale Beziehungen. Auch das Thema Sprache und Kommunikation in der Familie, untereinander und mit Institutionen wird untersucht. „Unser Ziel ist es zu ermitteln, wie sich kulturell und sozial unterschiedliche Formen der Familienführung auf das Zusammenleben im Quartier auswirken. Wir wollen langfristig unsere Erkenntnisse auch für die Gestaltung von Beratungs- und Unterstützungsangeboten nutzbar machen“, sagt die Projektleiterin und Studiengangsbeauftragte für den Masterstudiengang Angewandte Familienwissenschaften, Prof. Dr. Katja Weidtmann.

Was meint „postmigrantische Gesellschaft“?

Das Leben in Deutschland wurde nie durch nur eine einzige Kultur geprägt. „Das Kommen, Gehen und Bleiben, also die Migration, prägen unsere Gesellschaft seit jeher“, erklärt Dr. Astrid Wonneberger, Ethnologin und Projektkoordinatorin. Diese zahlreichen wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und sozialen Einflüsse führen zu komplexen Verschränkungen, Überschneidungen und Übergängen. „Transnationale Praxen gehören  auch in Deutschland zur Realität“, sagt sie.

Im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs wurde Migration jahrzehntelang als problembehaftet wahrgenommen. Integration wurde meist als einseitige Anpassungsleistung diskutiert. Neuere Zugänge, insbesondere der „postmigrantische“ Ansatz der Migrationsforschung, nehmen einen grundsätzlich anderen Blickwinkel ein. Sie verstehen Zuwanderung als gesamtgesellschaftliche Leistung und legen ein besonderes Augenmerk auf migrantische Lebensrealitäten und die damit verbundenen Ressourcen.

Hier setzt das Forschungsprojekt „Postmigrantische Familienkulturen“, kurz POMIKU, an. Im Fokus der Untersuchung stehen nicht einzelne Gruppierungen, sondern jede und jeder einzelne Bewohnerin beziehungsweise Bewohner der Lenzsiedlung. So kann das Projekt einen ganzheitlichen Blick auf das durch Migration geprägte Quartier einnehmen. „Wir können dadurch besser die Herausforderungen, Chancen und Möglichkeiten herausarbeiten, die durch Zuwanderung von Menschen mit vielfältigen Fähigkeiten, Kompetenzen und Ressourcen entstehen“, erklärt Wonneberger.

Gleichzeitig wenden sich die Forscherinnen von POMIKU gegen eine vereinfachende, polarisierende Sicht auf, kurz gesagt, „einheimische Normalität“ versus „zugewanderte Probleme“ und den Diskurs um „Parallelgesellschaften“. Das Projekt stellt gleichfalls eingeschliffene Dualismen wie Deutsche/Ausländerinnen und Ausländer, westliche/nicht-westliche Kultur etc. in Frage. Stattdessen hebt es die Vielfalt urbaner Lebens- und Familienformen und deren Normalität hervor.

Die Lenzsiedlung

Die zwischen 1974 und 1984 errichtete Lenzsiedlung eignet sich aus mehreren Gründen gut als Untersuchungsort. In der Großwohnanlage leben auf einer Fläche von 7,6 Hektar zirka 3.000 Menschen. Damit ist die Bevölkerungsdichte von 400 Personen pro Hektar – das entspricht 40.000 Einwohner pro Quadratkilometer – die höchste in Hamburg. Der Anteil an Familien und Haushalten mit Kindern ist mit 29 Prozent im Vergleich zum Hamburger Durchschnitt von 18 Prozent überdurchschnittlich hoch. 60 Länder prägen die kulturelle Vielfalt, über 70 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner haben einen Migrationshintergrund laut dem Statistischen Landesamt Hamburg 2018 (Zahlen beziehen sich auf 2017). „Anhand dieses demographischen Profils lässt sich wie unter einem Brennglas die jüngere Sozial- und Migrationsgeschichte in Deutschland ablesen“, führt Wonneberger aus.

In den 1990er Jahren kam es zu einer Reihe von Konflikten, die die Siedlung zum "Problemviertel" machten. Durch die ausgebaute soziale Infrastruktur vor Ort, unter anderem durch die Gründung des Stadtteilvereins und die seit 2000 durchgeführte Quartiersentwicklung, verbesserten sich die Lebensqualität und das Image der Lenzsiedlung. Projektkoordinatorin Wonneberger: „Die Lenzsiedlung liegt inmitten eines der beliebtesten Wohnviertels in Hamburg. Mit ihrer vielfältigen Bewohnerschaft ist die Siedlung als Sozialraum besonders geeignet, postmigrantische Kulturen und familiäres Leben zu erforschen. Viele Familien sind dazu mit den umliegenden Stadtteilen und ihren Kitas, Schulen, Behörden, Arztpraxen etc. vernetzt.“

Wie wird methodisch vorgegangen

Die Datenerhebung erfolgt durch einen Mix aus teilnehmender Beobachtung, explorativen und leitfadengestützten Interviews sowie standardisierten Methoden, beispielsweise einer Netzwerkanalyse. Der Forschungsprozess ist zudem an die Gemeinwesenarbeit des Verbundpartners Lenzsiedlung e.V. angebunden. So sind zum Beispiel eine Ausstellungsreihe, weitere Projekte zu Aspekten der Familienkultur sowie ein Ausstellungsort im Café der Lenzsiedlung geplant. Sie sollen den Bewohnerinnen und Bewohnern einen niedrigschwelligen Zugang bieten und einladen, die Projekte mitzugestalten. Erste Aktivitäten wie ein Erzählcafé finden bereits unter Beteiligung des Forschungsteams statt.

Welches Ziel verfolgt POMIKU

Dr. Sabina Stelzig-Willutzki, Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts: „Zum einen sollen die Sichtbarkeit und der Zusammenhalt der Siedlung gestärkt werden. Das gelingt durch neue Formen des Einbezugs der Bewohnerinnen und Bewohner, die ihre Perspektiven, Erfahrungen und Wissen zum Ausdruck bringen. Damit nimmt das Projekt einen ressourcenorientierten Blick auf Diversität ein. Zum anderen sollen in einer anschließenden Projektphase die Forschungsergebnisse in Form von Transferwerkstätten an Akteure der Sozial- und Familienberatung, Sozialer Arbeit und Elternarbeit in verschiedenen Hamburger Bezirken zurückgespielt werden. Sie können dann für neue Beratungs- und Beteiligungskonzepte und -formate herangezogen werden.“
Erste wissenschaftliche Erkenntnisse werden ab Mitte 2019 erwartet. Hier geht es neben der theoretischen Weiterentwicklung des Konzepts der Postmigrantischen Gesellschaft vor allem um detaillierte Einsichten in das Alltags- und Familienleben. Diese sollen in verschiedenen Formaten veröffentlicht werden. Geplant sind ein Sammelband, eine Fachtagung in 2021 sowie zwei kooperative Dissertationen an der HAW Hamburg. Auch Vergleiche mit anderen bereits erforschten Quartieren sind vorgesehen, um überregionale familienwissenschaftliche Erkenntnisse über das Zusammenspiel von Familie, Kultur, Urbanität, Stadtentwicklung und Postmigration zu erhalten.

Finanzierung

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in der bundesweiten Maßnahme „Migration und gesellschaftlicher Wandel“ finanziert.

Familienforschung

Bereits seit der Einrichtung des Weiterbildungsmasters „Angewandte Familienwissenschaften“ im Sommersemester 2013 nimmt das Thema „Familie“ einen besonderen Platz im Department Soziale Arbeit der HAW Hamburg ein, insbesondere in der Lehre. Durch das interdisziplinär ausgerichtete Forschungsprojekt POMIKU wird dieser Schwerpunkt nun auch in der Forschung prominent verankert. Das Forschungsprojekt hilft darüber hinaus dazu beizutragen, die im deutschsprachigen Raum noch junge Disziplin der Familienwissenschaft weiter zu etablieren. 

(Autorinnen: Astrid Wonneberger / Katharina Jeorgakopulos)

Start und Bewerbung
für den Weiterbildungsmaster "Angewandte Familienwissenschaften"

Kontakt:
Fakultät Wirtschaft und Soziales
Department Soziale Arbeit
Master Angewandte Familienwissenschaften
PD Dr. Astrid Wonneberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin
T +49 40 428 75 71 54
astrid.wonneberger((@))haw-hamburg.de

Weitere Informationen

www.familienkulturen.de

www.haw-hamburg.de/ws-soa/forschung/pomiku-postmigrantische-familienkulturen.html