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Prof. Louis Henri Seukwa, Foto. Britta Sowa/HAW Hamburg

"Die Aufarbeitung des kolonialen Erbes Hamburgs sollte dem Vierklang Entschuldigung, Entschädigung, Transparenz und Partizipation folgen"

30.04.2019
Ein Gespräch mit dem Migrationsbeauftragten der HAW Hamburg, Professor Dr. Louis Henri Seukwa, über die Aufarbeitung des kolonialen Erbes Hamburgs und die Rolle der Wissenschaft.

Katharina Jeorgakopulos: Die Freie und Hansestadt Hamburg hat in diesem Monat einen Beirat bestellt, um das koloniale Erbe der Stadt aufzuarbeiten. Was versprechen Sie sich davon und welche Rolle wird der Beirat bei dieser Aufarbeitung spielen?

Prof. Dr. Louis Henri Seukwa: Die Rolle des Beirats des Hamburger Senats wurde in der dazugehörigen Presseerklärung zu ihrer Berufung formuliert. Unter anderem ist darin zu lesen: „Zuallererst wird sich der Beirat an der Erstellung eines dekolonisierenden Erinnerungskonzepts für die Freie und Hansestadt Hamburg beteiligen, das gesamtstädtisch und behördenübergreifend Geltung erlangen soll.“ Diese Rollenzuschreibung scheint mir fragwürdig, denn es gehört meines Wissens nach nicht zur Kernkompetenz eines beratenden Gremiums operative Aufgaben wie die Erstellung eines Konzepts zu übernehmen.

Angenommen die Beteiligung des Beirats würde sich auf eine konsultative, also auf eine beratende Funktion, beschränken, bleibt immer noch die Frage offen, warum nicht die Expertise der Forschungsstelle "Hamburgs (post-)koloniales Erbe – Hamburg und die frühe Globalisierung" an der Uni Hamburg einbezogen wird. Der Beirat ist vorrangig mit migrantisch-diasporischen Expertinnen und Experten aus den vom Kolonialismus betroffenen Ländern und Gesellschaften besetzt. Das dient der Sicherstellung eines postkolonialen Perspektivwechsels. Ferner sind weitere Berufungen möglich. Dennoch scheint mir damit die grundsätzliche Schwierigkeit nicht adressiert zu sein.

Diese Schwierigkeit lässt sich eher als Verfahrensproblem bezeichnen, das meines Erachtens aus der Angst vor Macht- und Kontrollverlust heraus entsteht. Dies könnte dazu führen, dass der Prozess der Aufarbeitung des kolonialen Erbes Hamburgs den Eindruck einer organisierten Kakophonie erweckt, in der die Logik und Chronologie der Aktivitäten nicht nachvollziehbar sind. Eine solche Vorgehensweise mag was das politische Taktieren angeht effektiv sein, sie ist aber für die Sache nicht effizient.

Jeorgakopulos: Wie sollte Ihrer Meinung nach, die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit aussehen und die „Entwicklung eines postkolonialen Erinnerungskonzepts für Hamburg“ gestaltet sein?

Seukwa: Die Angelegenheit ist zunächst politisch und dann technisch, wobei das Politische das bestimmende Momentum darstellt. Deshalb ist es notwendig eine verbindliche politische Ethik der Aufarbeitung zu implementieren. Diese sollte ohne jegliche List dem Vierklang „Entschuldigung – Entschädigung –Transparenz und Partizipation“ als Grundlage der Aufarbeitung unserer kolonialen Vergangenheit folgen. Sie sollte auf einer gerechten und nachhaltigen Versöhnung zwischen den Kolonisierten respektive ihren Nachkommen aufbauen. Diese Notwendigkeit scheint mir jedoch jenseits von Absichtserklärungen und politischen Schlagwörtern das größte Hindernis in diesem Prozess der Aufarbeitung zu sein. Wenn dies erfüllt ist, bin ich sehr zuversichtlich, dass die konkrete Gestaltung des Prozesses einer „Entwicklung eines postkolonialen Erinnerungskonzepts für Hamburg“ eine leicht zu bewältigende Aufgabe wird. Die Erstellung dieses Konzepts – seien wir ehrlich – ist ja vom Schwierigkeitsgrad her nicht wirklich mit dem „Apollo“ Programm der NASA zu vergleichen.

Von der planerischen Seite betrachtet, ist es evident, dass die Erstellung des Erinnerungskonzepts chronologisch alle anderen Schritte ausrichten muss. Denn das Konzept stellt die Syntax der Aufarbeitung dar. So wäre es sinnvoll, dass zunächst eine multi- und transdisziplinäre Kommission gegründet wird mit einer effektiven Beteiligung der interessierten und qualifizierten Zivilgesellschaft. Die Kommission sollte parteipolitisch unabhängig sein, sie sollte souverän entscheiden über den Inhalt (also über die thematischen Schwerpunkte des Konzepts), die Zuständigkeiten (das meint Kompetenzen und Akteure), die Meilensteine (also die Implementierung des Konzepts und das Monitoring des Prozesses) und nicht zuletzt über die Finanzierung der Aufarbeitung. Erst dann kann die Kommission entscheiden, ihre Arbeit von einem Beirat begleiten zu lassen.

In der aktuellen Vorgehensweise des Senats kommt nicht deutlich heraus, ob der berufene Beirat das Konzept schreibt oder diejenigen berät, die es schreiben. Auch wer das Konzept wann schreibt ist mir zumindest nicht klar. Aus diesem Grund spreche ich von einer „organisierter Kakophonie".

Jeorgakopulos: Warum ist diese Aufarbeitung so schwierig? Viele Menschen wissen kaum, dass Deutschland auch kolonisiert hat. Wo liegen die Problemfelder?

Seukwa:
Wenn ich meine Aussage auf den Fall des deutschen Kolonialismus in Afrika beziehe wo Deutschland die meisten sogenannten „Schutzgebiete“ besaß, dann scheint mir die Diskussion um die Aufarbeitung des kolonialen Erbes hierzulande immer noch unter Bedingungen des strukturellen und symbolischen Ungleichgewichts von Machtbeziehungen und Kräfteverhältnisse stattzufinden. Dies geschieht zu Gunsten der ehemaligen Kolonialmacht Deutschland. Das ist einer der wichtigsten Gründe, warum der Prozess nur schleppend und unzufriedenstellend vorankommt.

Diese Asymmetrie führt dazu, dass die ehemalig Kolonisierten immer noch auf den guten Willen der ehemaligen Kolonialmacht angewiesen sind. Es gibt postkoloniale Verhältnisse beziehungsweise koloniale Kontinuitäten, die durch neue Allianzen zwischen den ehemaligen Kolonialmächten in regionalen Bündnissen – wie die der EU – leider stabilisiert werden. Ein eindrückliches Beispiel für eine solche koloniale Kontinuität ist die Komplizenschaft und das beschämende Schweigen der Euro-Länder gegenüber Frankreich, das durch den „Franc CFA“ keine monetäre Souveränität in seinen ehemaligen Kolonien in Afrika ermöglicht; mit all den bekannten wirtschaftlichen, politischen und sozialen Folgen für diese Länder.

Dieses Problem ist bemerkenswerterweise erst von der populistischen Regierung in Italien in den Streitigkeiten mit anderen EU-Ländern um die Aufnahme und Verteilung von Geflüchteten explizit als Fluchtursache angesprochen worden. Warum Deutschland als „Schwergewicht“ in der EU, das sich dazu gerne als moralische Instanz darstellt, so etwas stillschweigend unterstützt und dann über Bekämpfung von Fluchtursachen spricht, ist eine Frage, die sich zu stellen lohnt.

Um das öffentliche Bewusstsein über das Thema Kolonialismus zu sensibilisieren und die koloniale Vergangenheit Deutschlands effektiv aufzuarbeiten, bedarf es Anstrengungen auf unterschiedlichen Ebenen: auf der politisch-symbolischen, der finanziellen, der pädagogischen und auf der wissenschaftlichen Ebene.

Politisch-symbolisch muss Deutschland – und zwar auf höchster politischer Instanz ohne jeglichen Relativierungsversuch – Kolonialismus als ungeheures Verbrechen anerkennen, verurteilen, seine Beteiligung daran bereuen und sich dafür offiziell entschuldigen. Die offizielle Entschuldigung könnte beispielsweise in einem Versöhnungsgipfel mit allen deutschen kolonisierten Ländern in einer der ehemaligen „Schutzgebiete“ Afrikas stattfinden. Finanziell könnte hierzulande ein „Dekolonialer-Fonds“ zur Unterstützung von gesamtgesellschaftlichen Initiativen eingerichtet werden, die bezogen auf deutsche Kolonialbeteiligung zur Erinnerung, Aufarbeitung und Versöhnung beitragen.

Pädagogisch muss ein Beschluss der Kultusministerkonferenz die Bundesländer dazu verpflichten, ihre Schulbücher und Lehrpläne dahingehend zu überarbeiten, dass Kolonialismus, Neokolonialismus und Postkolonialismus als strukturierendes Moment in der aktuellen Weltordnung angemessen dargestellt werden. Wissenschaftlich gesehen, sollen Sonderforschungsbereiche eingerichtet werden, die mit international besetzten Forschungsteams die Geschichte des deutschen Kolonialismus untersuchen und ihre Befunde einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Jeorgakopulos: Was kann die Wissenschaft – die HAW Hamburg – in dieser Hinsicht für Hamburg leisten?

Seukwa: Die Geschichte der Wissenschaft und ihrer Institutionen sind mit der Kolonialgeschichte der Stadt Hamburg eng verknüpft! Mehrere mit dem Kolonialismus einhergehende Phänomene wie die biologische oder kulturelle Rassenkonstruktion des „weißen Menschen“ als alle anderen überlegen – und damit der Rechtfertigung der sogenannten "zivilisatorischen Mission" – gehören zu den „Leistungen“ der Wissenschaft, was sehr beschämend ist.

Umso mehr sind wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Hamburgs verpflichtet, diese unrühmliche Vergangenheit aufzuarbeiten. Unsere Kernaufgabe in der Forschung und Lehre muss es dies bezüglich sein, thematisch den Kolonialismus, seinen Entsprechungen und Folgen wie Globale Ungleichheit, Neokolonialismus, Postkolonialismus, Rassismus, Migration, Flucht etc. systematisch zu begegnen und zu behandeln.

Jeorgakopulos: Was hat die koloniale Vergangenheit der FHH mit der aktuellen Lage der Gegenwart zu tun? Handelt es sich hier nur um Historisches? Was können wir aus unserer Geschichte lernen?

Seukwa: Ich beschäftige mich unter anderem mit den aktuellen Folgen des Kolonialismus sowohl für die kolonisierten Länder Afrikas als auch für die ehemaligen Kolonialländer Europas. Spätfolgen führen beispielsweise zu einer migrationsbedingten „Hybridisierung“ der Bevölkerung in Hamburg. Was das meint? Diese Menschen identifizieren sich einerseits mit Hamburg ebenso wie mit Ländern in Afrika. Und sie stellen das immer noch durch Rassismus geprägte Narrativ über Afrika in Frage.

Es gibt mehrere Lektionen, die aus der Kolonialgeschichte gezogen werden können. Eine Folge ist Flucht und Migration: Kolonialismus hat, wo er stattgefunden hat, nachhaltige Desintegrationsmechanismen von gesellschaftlichen Strukturen hervorgebracht, die im Fall Afrikas durch neokoloniale Kontinuitäten fortgeführt werden. Dies führt zu strukturellem Ungleichgewicht auf der globalen Skala in Form von Kriegen, politischen Instabilitäten, ökonomischen und ökologischen Krisen, die nachweislich Menschen in die Flucht treiben.

Wir schaffen durch die rücksichtslose Vertretung unserer nationalen Interessen weltweit immer mehr Fluchtgründe. Angesichts dessen ist es illusorisch zu glauben, dass wir ausgebeutete und verarmte Menschen daran hindern können hierher zu kommen; zumal unser Wohlstand dank medialer Macht bis in den letzten Ecken des Globus wahrgenommen wird. Deutschland, das es mit der „Bekämpfung von Fluchtursachen“ als Grundsäule seiner Asylpolitik ernst meint, muss also vordergründig seine eigene Verstrickung in der Erneuerung und Fortsetzung von neokolonialen Verhältnissen überprüfen und abstellen. Dazu gehört auch, sich aktiv und konsequent für die Wiederherstellung von globalem Gleichgewicht engagieren, was zur Folge haben wird, das Leben in den kolonisierten Ländern lebenswert zu machen.

Jeorgakopulos: Professor Seukwa, wir danken Ihnen für das Gespräch.

(Das Gespräch führte Dr. Katharina Jeorgakopulos)

Kontakt:
Department Soziale Arbeit*
Prof. Dr. Louis Henri Seukwa
Professor für Erziehungswissenschaften
Beauftragter des Präsidiums für migrationsbedingte Hochschulentwicklung
Leiter der Arbeitsstelle Migration
T +49 40 428 75-7073
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