Themendienst

Studierende erproben Formen der Zusammenarbeit. Foto: Silke Wöhrmann

Was Fallschirmspringen mit Lernen zu tun hat

04.11.2019
Die Fakultät Technik und Informatik geht in Sachen Lehr- und Lehrtechniken neue Wege. Ein Erfahrungsbericht aus der Perspektive von Dipl.-Kfm. Silke Wöhrmann. Sie ist ist am Department Informations- und Elektrotechnik Dozentin und hat dort einen Lehrauftrag inne.

"Ein Fallschirmspringer hüpft aus dem Flugzeug, will seiner Leidenschaft nachgehen. Und plötzlich bekommt er Krämpfe – ein epileptischer Anfall. Er ist nicht in der Lage, selbst den Fallschirm zu öffnen. Es gelingt seinem Partner im Flugzeug, ihn aus dem Flug heran zu ziehen und ihm zu helfen. Ein seltener Glücksfall. Hätte auch anders ausgehen können."

Die Gesichter der Studierenden im Seminar „Erfolgreich studieren und kommunizieren“ (kurz EK genannt), verraten noch nicht viel, wenn ich die Seminare mit diesem Video beginne. Die Stimmung ist freundlich, eher etwas skeptisch, abwartend und, nach dem Video, zusätzlich überrascht. 

Katalysatoren und wenn das Lernen sprechen könnte

Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, niemanden von der Sinnhaftigkeit der Kernkompetenzen, also der Fähigkeiten, die wir, egal in welcher Situation, beruflich oder privat anwenden können, überzeugen zu wollen. Diese Menschen, die wahrscheinlich gar nicht wussten, dass sie diese Fähigkeiten haben, setzten diese trotzdem ein und um.

Peter Möller ist Professor am Department Informations- und Elektrotechnik und der „Schöpfer“ dieses Seminares EK. In seinem Buch „Das katalytische Gehirn“ schreibt über er seine private Situation: Nach seinem Sprung auf die Realschule hagelte es schlechte Zensuren. Die Rückkehr auf die Hauptschule kam zur Sprache.

Möller schrieb später in seiner Diplom- und Doktorarbeit über Selbstorganisationsprozesse von Katalysatoren und entdecke dabei eine Analogie zur Nervenzelle – dem kleinsten Baustein des Gehirns. Und er entdeckte, dass insbesondere der Wille sich kontuierlich zu verbessern, ihn zum Erfolg geführt hatte. Die Kernkompetenzen, die er sich aneignete und die dann die Umsetzung ermöglichten, wurden damit wesentlicher Bestandteil seines Erfolges. Die grundlegende Aussage hinter dem Willen zur kontinuierlichen Verbesserung: Alles, was wir in der belebten und unbelebten Natur beobachten ist im Sinne der Mutation und Selektion das bisher beste Ergebnis. Die Natur optimiere sich ständig selbst. Und unsere Fähigkeit zum Lernen ist die Voraussetzung für eine ständige Optimierung. Könnte das Lernen sprechen, würde es sagen: Ohne mich wärt ihr alle nie da, wo ihr jetzt seid. Ich bin ein Wunder, ich bin Ursprung und Voraussetzung zugleich für unsere stetige Verbesserung und Weiterentwicklung.

„Guten Tag, ich heiße Lernen“

Könnte das Lernen sprechen und sagen „Guten Tag, ich heiße Lernen“, dann würde es genauso verwundert schauen wie die Studierenden nach dem Fallschirm-Video. Denn es freut sich keiner so richtig. In den Köpfen kommt eher an: „Guten Tag, ich bin Pauken, Büffeln, Quälen, Prüfen.“ Dass das Lernen bereits in der Schule verlernt wird, ist hinreichend diskutiert, an Ideen zur Verbesserung mangelt es nicht, nur an der Umsetzung. An den Hochschulen haben wir die Freiheit und Möglichkeit, das Lernen wieder zu entdecken.

Dies geschieht zum Beispiel in dem Seminar Erfolgreich studieren und kommunizieren (EK). Die Idee: 90 Prozent aktive Teilnahme der Studierenden. Bekanntermaßen lernen wir nur, wenn wir aktiv unsere Gehirnzellen einschalten. Der Schwerpunkt in diesem Seminar liegt folglich auf diesem "Anschalten":

Hirn anschalten: Zusammenarbeit als Schlüssel der Kernkompetenz

Lernen, wie man professionell zusammenarbeitet. Lernen, wie man vor Gruppen präsentiert, redet, diese moderiert. Lernen, Ideen zu generieren, sie zu Lösungen, zu Prioritäten und diese zu Ergebnissen zu bringen. Lernen, wie man Ziele setzt, plant, organisiert, mit schwierigen Situationen umgeht. Eben alles, was man braucht, um ein Studium (und anderes) zu schaffen. Acht Termine zu vier Unterrichtseinheiten sind dafür vorgesehen.

Eine der wesentlichen Kernkompetenzen ist die Team- und Zusammenarbeit. Ingenieure sind prädestiniert für Teamwork. Kein Mensch baut heute mehr alleine eine Brücke. Kein Motor, keine Spule, keine technische Entwicklung wird heute noch von einem Menschen im Keller zusammengebastelt. Es existieren weltweite Netzwerke, internationale Plattformen aus verschiedensten Berufsgruppen, agile Systeme und Organisationsstrukturen, deren Wissen in den Köpfen aller Beteiligter zusammen genau die technische Qualität ergeben die wir heute anwenden dürfen.

Was bedeutet Zusammenarbeit also? In erster Linie: Geduld, Rücksicht. Sich auf andere einstellen, mit verschiedenen Persönlichkeiten umgehen und sich zusammen zu einigen. Frustration aushalten, wenn der eigene Vorschlag nicht akzeptiert wird und trotzdem weiterhin motiviert am Projekt zu bleiben. Wissen mit der Gruppe teilen, ein „Wir-Denken“ wecken, damit alle gemeinsam zum Ziel kommen. Und sie bedeutet: Kernkompetenzen für das Studium erarbeiten. Auch im Studium ist die Kunst der Zusammenarbeit ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Das Fallschirm-Projekt als Experimentier- und Übungsraum für Kernkompetenzen

Daher der Fallschirm. Die Studierenden wählen die Aufgabe, eine elektrotechnische Vorrichtung zu „erfinden“, die es ermöglicht, aus der Ferne sicher einen Notfall zu lösen. Der Notfall entsteht dadurch, dass ein Mensch einen Mechanismus auslösen muss, dies aber nicht kann, weil er beispielsweise durch Verletzung, Epilepsie, Ohnmacht wie in dem oben geschilderten Fall gehindert wird. Diese Situationen gibt es zahlreich: Beim Bergklettern, beim Wassersport, beim Reitsport. Zahlreiche prekäre Unfälle entstehen, weil sich ein Mensch oder ein Tier nicht selbst aus einer angeseilten Situation befreien kann.

Jetzt wird in dieses Projekt das Lernen von Kernkompetenzen integriert. Wie?

Ziel ist es nicht, eine marktreife Konstruktion für das Erlernen zu fertigen. Die Funktionalität steht erst einmal nicht im Vordergrund. Braucht sie auch nicht. Die Studierenden entwickeln sowieso ihren eigenen Ehrgeiz, das Ergebnis so gut wie möglich zu konstruieren. Das Ziel ist es, anhand des Projektes einen Experimentier- und Übungsraum für die Entwicklung der Kernkompetenzen zu schaffen: Gruppen zu moderieren. Entscheidungen zu treffen, Frustrationen auszuhalten. Komplexe Sachverhalten darzustellen und zu lösen. Oder auch Gefühle zu formulieren.

Die Konzeption: 3 Elemente

Themen des Seminares aus dem Lehrplan wie Kommunikation, Lerntechniken, Teamarbeit, Projektarbeit, Konfliktmanagement, Zeitmanagement werden direkt in dem Projekt integriert. Sie werden praktisch in der Projektarbeit erfahren und auch in kurzen intensiven Lehreinheiten noch einmal bewusst gemacht. Die Formen der Zusammenarbeit – wir nennen sie „Tools der Zusammenarbeit“ – bilden das dritte Element dieses „Blended Learning Konzeptes“. Die Tools, die Zusammenarbeit fördern, sind Workshops. Aber auch Poster Sessions, Interviews, World-Cafés, Fishbowls, Speed-Datings, Diskussionsrunden und so weiter.

Lohnt sich das?

Für mich als Dozentin gibt mir dieses Konzept die Möglichkeit neu zu lernen. Kein Seminar gleicht dem anderen. Das bedeutet einen hohen Aufwand, denn jede Vor-und Nachbereitung ist anders. Oftmals geschieht Unvorhergesehenes. Zwar habe ich eine Themenstruktur und stimme Tools und Themen ab. Was aber genau im Seminar zwischenmenschlich und gruppendynamisch geschehen wird, kann ich nicht vorhersagen.

Zum Beispiel ist die Gruppe plötzlich uneinig, obwohl sie eben noch zufrieden wirkte. Oder umgekehrt. Ich kann mich hier nur auf meine Kernkompetenzen verlassen und darauf, dass wir die Situation lösen werden. Genau dieser Lösungsprozess ist es aber, den ich für besonders wichtig halte. Sie zeigt den Studierenden: Was mache ich, wenn meine Motivation für das Studium sinkt und ich mich nicht aufraffen kann? Gebe ich auf, quäle ich mich oder setze ich Ziele, definiere meine Aufgaben und besinne mich auf das Wesentliche? Oder auch: Wie kann ich, trotz ständigem Druck, Motivation nicht nur erhalten, sondern auch genießen?

Und was denken die Studierenden darüber?

Aus dem, was mir erzählt wird, weiß ich, dass die meisten Studierenden erst einmal etwas Zeit brauchen und sich einstellen und einlassen müssen, weil sie diese Form des Lehrens und Lernens zum Großteil nicht kennen. Manche verhalten sich demzufolge zunächst abwartend, manche begeistert, wiederum andere entwickeln sich im Laufe des Seminares, andere halten sich zurück. Was konkret zu sehen ist, sind die Ergebnisse.          

Ein Beispiel einer agilen Teamstruktur zur Organisation eines Projektes 

Eine Seminargruppe hat 20 Personen so arrangiert, dass diese sich selbständig in eine agile Projektorganisation strukturieren konnten. Eine weitere motiviert diese Gruppe zum gemeinsamen Austausch und zur aktiven Nutzung des Projektmanagements MS Planner, um die Zusammenarbeit und den Informationsaustausch zu ermöglichen.

Faszinierend zu beobachten ist die Entwicklung der Kommunikation und Zusammenarbeit. Zurückhaltung, weil sich im ersten Semester die Studierenden noch nicht kennen, wechselt in Neugierde und Mut.

Es handelt sich um eine lernende Konzeption

Die Studierenden sprechen in interaktiven Feed-Back-Gesprächen über ihre Entwicklung im Seminar. Ich werde in direkten Gesprächen mit den Studierenden und über die Evaluation informiert. Prof. Möller und ich führen wiederum Feed-Back-Gespräche unter dem Vorzeichen „Es gibt nichts, was nicht verbessert werden kann.“ Und aus diesen Hinweisen werden neue Ideen aufgenommen oder auch verworfen. Das ist – aus meiner Sicht – Hochschullernen und -lehren mit hohem Motivationsfaktor. 


Zur Autorin: Silke Wöhrmann, Dipl.-Kfm., ist Personalentwicklerin und Hochschuldozentin im Bereich Personalpsychologie, -marketing und –management & Training von Kernkompetenzen. Kontakt: info(@)apt-woehrmann.de  und  www.apt-human-management.de

(Der Text spiegelt nicht ausschließlich die Meinung der Redaktion wieder)

 

 

 

 

Redaktionskontakt

presse(@)haw-hamburg.de