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Stephan Boll ist Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre, Foto: privat

"Die Wirtschaft ist kein abstraktes Gebilde, sondern beeinflusst das tägliche Leben stark" – Wirtschaftstagung nimmt Geldpolitik ins Visier

01.04.2019
Vom 22. bis 24. Mai findet in diesem Jahr auch an der HAW Hamburg die internationale Fachtagung von Professorinnen und Professoren für Volkswirtschaftslehre an deutschsprachigen Hochschulen in Europa statt. Am letzten Tag öffnet sich die Tagung für Interessierte. Wir haben mit dem Organisator Professor Dr. Stephan Boll gesprochen, der die Tagung gemeinsam mit seiner Kollegin Frau Professorin Dr. Ruth Boerckel von der FH Kiel organisiert. Wir wollten von ihm wissen, was VWL heute bedeutet, warum die Tagung wichtig ist und was sie mit der HAW Hamburg zu tun hat.

Katharina Jeorgakopulos: Herr Professor Boll, die Tagung tourt ja sozusagen im Zwei-Jahres-Rhythmus durch den deutschsprachigen Raum. Warum ist dieser regelmäßige Austausch wichtig und was genau bedeutet VWL im Gegensatz zu BWL, die ja deutlich bekannter ist und als Studienfach eine weit größere Zahl an Bewerbungen anzieht?

Professor Dr. Stephan Boll: Volks- und Betriebswirtschaftslehre sind beide Teil der Wirtschaftswissenschaften und kommen ohne einander nicht aus. Betriebswirte und Betriebswirtinnen wollen wissen, wie der gesamtwirtschaftliche Rahmen zu interpretieren ist, in dem Unternehmen sich betätigen. Volkswirte und Volkswirtinnen benötigen Kenntnisse über betriebswirtschaftliche Zusammenhänge, um zu verstehen, wie ein Wirtschaftssystem funktioniert. Wir sind froh, dass wir zu wissenschaftlichem Austausch mit Kolleginnen und Kollegen nach Hamburg und Kiel einladen können. Die Tagung bietet Gelegenheit, ökonomische aber auch didaktische Fragestellungen in Vorträgen und informellen Gesprächen zu behandeln. Ich selbst habe von dieser Art von Austausch in meiner Zeit an der Hochschule immer sehr profitiert.

Jeorgakopulos: Wenn man auf das dreitägige Programm schaut, geht es neben anderen Themen auch um die große Geldpolitik. So spielt auch die Bundesbank eine Rolle. Wie erklären Sie dem nicht ökonomisch vorgebildeten Menschen wie Geldpolitik funktioniert und was sie mit dem eigenen Geldbeutel zu tun hat?

Boll: Die Geldpolitik bleibt für viele Menschen solange weitgehend unbemerkt, wie die Wirtschaft stabil ist und gut läuft. Erst wenn die Lage schwieriger wird, sind auch geldpolitische Entscheidungen und ihre Auswirkungen stärker spürbar. Denken Sie beispielsweise an die historisch niedrigen Zinsen, die wir bereits seit einigen Jahren beobachten. Sie betreffen ganz unmittelbar Menschen, die einen Teil ihres Einkommens sparen wollen, zum Beispiel für ihren Ruhestand; oder Unternehmen oder Familien, die einen Kredit aufnehmen möchten, für eine neue Maschine oder ein Eigenheim. Diese niedrigen Zinsen sind letztlich auf geldpolitische Entscheidungen der Notenbanken zurückzuführen, die damit auf die Wirtschaftskrise im Europäischen Währungsraum reagiert haben.

Jeorgakopulos: Wie bringen Sie heute das Studienfach VWL Studierenden bei? Was müssen Ihre Studierenden lernen, um komplexe Wirtschaftssysteme zu verstehen und später im Beruf anzuwenden? Wo arbeiten VWL-er/innen nach ihrem Studium?

Boll: Volkswirtschaftliche Themen treffen heute auf ein großes Interesse, insbesondere natürlich bei Studierenden in Wirtschaftsfächern. Viele Menschen erkennen, dass „die Wirtschaft“ kein abstraktes Gebilde ist, sondern sie im täglichen Leben stark beeinflusst. Dies versuche ich meinen Studierenden durch die Vermittlung theoretischer Überlegungen und ihrer beispielhaften Anwendung zu verdeutlichen. Die Herausforderung besteht darin, ein wirtschaftliches System, das sich aus unzähligen Akteuren und deren Entscheidungen zusammensetzt, in seiner komplizierten Struktur zu verstehen. Dies gelingt nur durch Abstraktion und Vereinfachung. Wer sich darauf einlässt, gewinnt wichtige Erkenntnisse, die auch in Unternehmen und ihrer täglichen Praxis nützlich eingesetzt werden können. Die Globalisierung und Digitalisierung machen intelligente und neue Lösungen in Unternehmen immer wichtiger. Ohne volkswirtschaftliches Verständnis gelingen sie nicht.

Jeorgakopulos: England will aus der EU austreten. Zum jetzigen Zeitpunkt steht nicht fest, wann und unter welchen Umständen der Austritt stattfindet. Viele Menschen in Europa sind deshalb verunsichert, besonders was die Finanzregelung bei einem No Deal betrifft. Sie fragen sich, wie sich der Brexit auf den Euro auswirkt. Was ist Ihre Prognose und können Sie als VWL-Experte hier etwas zur Klärung beitragen?

Boll: Das Vereinigte Königreich hatte seit jeher einen Sonderstatus in der EU, der sich unter anderem daran zeigt, dass das Land nicht den Euro als Währung eingeführt hat. Gleichzeitig war und ist das Königreich ein Befürworter freier Märkte und freier Handelsströme und war für Deutschland damit in den zurückliegenden Jahren oft ein verlässlicher Partner im Durchsetzen liberaler Wirtschaftspolitik auf Europäischer Ebene. Der geplante Austritt aus der EU ist damit aus meiner Sicht als Volkswirt bedauerlich. Er dürfte den Europäischen Wirtschaftsraum und mittelbar auch den Euro als Ganzes eher schwächen als stärken. Die möglichen negativen politischen Folgen gehen aus meiner Sicht aber noch über die wirtschaftlichen Folgen hinaus. Die EU war immer auch ein politisches Projekt mit dem Ziel der Friedenssicherung, nicht nur ein Wirtschaftsprojekt.

Jeorgakopulos: Am letzten Tagungstag findet am Vormittag eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion statt. Hier sprechen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über den Effekt von weltwirtschaftlichen Entwicklungen auf die Region. Einer der eingeladenen Gäste ist der Präsident vom Hamburgischen Weltwirtschafts-Institut HWWI. Daneben kommen eine Expertin und Experten sowie Führungspersönlichkeiten von der OECD in Paris, vom Londoner Standort der Berenberg Bank und von der Hamburger Handelskammer. Was genau wird dort verhandelt und was versprechen Sie sich von dem Gespräch?

Boll: Wissenschaftlicher Austausch über wirtschaftliche Fragen hat immer auch eine politische Dimension. Politische Entscheidungen, die auf nationaler oder internationaler Ebene zum Beispiel über Handelsfragen getroffen werden, beeinflussen wirtschaftliche Abläufe im Großen und im Kleinen. Als Hafenstandort ist Hamburg besonders betroffen, wenn aufgrund des Handelsstreits zwischen den USA, China und Europa Unsicherheiten entstehen. Ich bin froh, dass die HAW Hamburg und die FH Kiel als Hochschulen für Angewandte Wissenschaften es geschafft haben, Experten zusammenzubringen, die sich hierzu austauschen und ihre Überlegungen diskutieren werden. Ich denke, man darf sehr gespannt sein. Für die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer wünsche ich mir, dass sie mit anregenden Gedanken an ihre jeweiligen Hochschulen zurückkehren und damit dort weiterarbeiten können.

Jeorgakopulos: Professor Boll, wir danken Ihnen für das Gespräch

(Das Gespräch führte Dr. Katharina Jeorgakopulos)


Einladung zur öffentlichen Diskussion: "Regionale Auswirkungen weltwirtschaftlicher Entwicklungen"

WO: HAW Hamburg, Berliner Tor 21 (Aula)
WANN:
Freitag, den 24. Mai von 9.15 bis 11.45 Uhr

Eine verbindliche Anmeldung ist unbedingt erforderlich unter:
presse(@)haw-hamburg.de (da begrenzte Teilnehmeranzahl)

PROGRAMM

Impulsreferate und anschließende Podiumsdiskussion mit:

- Christine Beine (Geschäftsführerin und Leiterin Geschäftsbereich Infrastruktur, Handelskammer Hamburg)
- Dr. Holger Schmieding (Chefvolkswirt, Berenberg-Bank London)
- Dr. Ludger Schuknecht (Deputy Secretary General, OECD)
- Prof. Dr. Henning Vöpel, Präsident Hamburgisches WeltWirtschafts-Institut (HWWI)

Kontakt:
Department Wirtschaft
Prof. Dr. Stephan Boll
Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre
Tel.: 040.42875-6987
stephan.boll(@)haw-hamburg.de

FÜR RÜCKFRAGEN
Dr. Katharina Jeorgakopulos
Pressesprecherin und Pressereferentin
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