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Master-Student Hannes Herzberg. Foto: Britta Sowa

Master-Studentin Janina Benecke. Foto: Privat

Familie studieren? Studierende aus dem weiterbildenden Master „Angewandte Familienwissenschaften“ berichten

07.01.2019
Familien – sie sind die kleinste Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Jeder weiß grundsätzlich was Familie ist und was sie bedeutet. Doch eine Wissenschaft nur rund um die Familie? Wir haben mit zwei Studierenden gesprochen, die an der HAW Hamburg den Master Angewandte Familienwissenschaften studieren.

Seit 2013 bietet die HAW Hamburg als erste und bisher einzige Hochschule im deutschsprachigen Raum ein Studium der Angewandten Familienwissenschaften an. Obwohl Familien in unserer komplexen Gesellschaft nach wie vor eine hohe Bedeutung haben aber gleichzeitig vor immer neuen Herausforderungen stehen, ist das Studium sowie die dazugehörige Wissenschaft in Deutschland noch immer relativ unbekannt. Im anglo-amerikanischen Raum ist die Lehre und Forschung in diesem Bereich bereits deutlich weiter.

Die Master-Studierenden an der HAW Hamburg, die mehrheitlich aus dem Bereich der Sozialpädagogik oder der Sozialen Arbeit kommen, erhalten in dem interdisziplinären Studienprogramm eine wissenschaftliche Grundlage für ihre beruflichen Herausforderungen, um den zunehmend ausdifferenzierten Familienstrukturen und den sich wandelnden Lebensbedingungen von Familien gerecht zu werden. Dafür werden insbesondere die Disziplinen Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Recht und Politik sowie Forschungsmethoden interdisziplinär vermittelt und durch anwendungsbezogene Module flankiert, in denen die Studierenden Kompetenzen in Forschen, Beraten sowie Führen und Leiten erwerben beziehungsweise vertiefen.

Um zu verstehen, was das Studium beinhaltet und in welchen Arbeitsfeldern es genutzt werden kann, haben wir mit zwei Studierenden gesprochen.

Ein Interview mit Hannes Herzberg und Janina Benecke über ihre Erfahrungen im Master:

Was bedeutet Familie für die Gesellschaft?

Hannes Herzberg: Familie ist nicht nur die kleinste Form des menschlichen Zusammenlebens in der Gesellschaft, sondern beeinflusst und formt sie mit ihren eng verbundenen Gemeinschaften der verschiedenen Familienkonstellationen. Ich denke, dass die Familie daher vielleicht sogar die wichtigste Gemeinschaft ist, weil eine Entwicklung in diesem kleinen Kern immense Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft hat. 

Janina Benecke: Außerdem kann man sehen, dass sich der Begriff „Familie“ in der Gesellschaft gewandelt hat und es heute sehr viele unterschiedliche Formen von Familie gibt. Alle diese Formen haben ihre Besonderheiten und verschiedene Herausforderungen, die in der Gesellschaft ihre Berücksichtigung finden müssen. Zum Beispiel durch rechtliche Grundlagen, Angebote und Unterstützungsmöglichkeiten für Kinder und Familien, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Wohnungsbau, Rentensystem und weitere.

Was macht den Master Angewandte Familienwissenschaften aus?

Herzberg: Den Master macht seine Transdisziplinarität aus. Da in den Familienwissenschaften verschiedene Disziplinen wie Soziologie, Psychologie oder Ethnologie miteinander verbunden werden, stellt sie eine übergeordnete Wissenschaft dar. Das finde ich sehr interessant.

Außerdem waren für mich die Rahmenbedingungen in Form eines berufsbegleitenden Masters perfekt. Das war meine Möglichkeit, in den Beruf des Sozialpädagogen einzusteigen. Und ich habe mich hier richtig gefühlt, weil viele meiner Kommilitonen sehr viel Lebens- und Berufserfahrung hatten. Ich habe viele Kollegen kennengelernt, die schon länger im ASD (Anm. d. Red. Allgemeiner Sozialer Dienst) oder bei anderen Trägern oder Behörden tätig sind. Von diesem Netzwerk und dem Austausch konnte ich sehr profitieren.

Benecke: Für mich ist es auch die Transdisziplinarität des Masters. In der Beratung von Familien arbeite ich vordergründig im Bereich Sozialpädagogik. Wenn ich aber eine Familie berate, greifen unter einer familienwissenschaftlichen Sichtweise oft noch weitere Disziplinen. Die Familienformen oder die Begrifflichkeit von Familie haben soziologische Aspekte. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder die Bewertung von Care-Arbeit haben ökonomische Aspekte. Selbstverständlich kommen auch rechtliche Aspekte hinzu, wie das Kindschaftsrecht oder das Asylrecht. Und damit sind wir auch schon bei ethnologischen oder politischen Aspekten.

Wie hilft Ihnen der Abschluss im Beruf weiter?

Herzberg: Mir hilft der Master sehr bei meiner Arbeit mit jungen Geflüchteten und Schülern aus Hochkonfliktfamilien. Immer wenn ich aus den Präsenzphasen im Studium wieder zurück zur Arbeit kam, konnte ich direkt mit dem Erlernten arbeiten. Entweder konnte ich mit meinen Fällen in Seminaren wie „Familienpsychologie“ arbeiten oder ich konnte das abstrakte Wissen aus dem Studium in meinem Arbeitskontext übernehmen. Die Praxisnähe, die im Laufe der Semester immer konkreter wurde, kannte ich in dem Ausmaß vorher nicht. Das hat mich wirklich begeistert.

Außerdem hatte ich einen wirklich guten Arbeitgeber, der mich bei meinem Studium immer unterstützt hat. Schon im Laufe des Studiums wurde mir mein Masterabschluss anerkannt, und für die Präsenzphasen in den Wochenblöcken konnte ich Bildungsurlaub nehmen.

Benecke: Natürlich öffnet ein Masterabschluss gegebenenfalls auch den Weg in höhere Berufsgruppierungen und damit einen höheren Verdienst. Für mich hat sich mein Blick in meiner Arbeit durch den Studiengang auf jeden Fall erweitert, und viele Themenbereiche wurden fundierter.

Das Fachgebiet der Familienwissenschaften ist im anglo-amerikanischen Raum weitaus etablierter. Braucht Deutschland diese Disziplin nicht?

Benecke: Natürlich braucht Deutschland diese eigenständige Disziplin, und es ist Zeit, dass der Studiengang und das Fachgebiet an Bekanntheit gewinnen.

Herzberg: Das glaube ich auch. Gerade die aktuellen Entwicklungen – sei es in Gesellschaftsthemen wie Altersarmut, Geflüchtete oder demographischer Wandel – haben viel mit Familie zu tun. Familienwissenschaft kann dazu beitragen, diese Dinge differenziert zu betrachten und die Politik zu beeinflussen, indem sie verdeutlicht, was bei den Menschen wirklich passiert. 

Wie genau meinen Sie das?

Herzberg: Unsere Sozialisierung und Erziehung im Kindesalter prägen unsere Wertevorstellungen und Moral. Aus der Familiensituation heraus entwickelt sich der erwachsene Mensch, der sich in der Gesellschaft bewegt. Wenn die Politik Wissen über Familien hat, kann sie Maßnahmen umsetzen, die zeitgemäßer sind. Da geht es um gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit Kindern, Patchworkfamilien oder Karrierechancen für alleinerziehende Mütter und Väter. Oft sind das Dinge, die in der Gesellschaft schon völlig normal sind, aber von der Politik noch nicht in Angriff genommen wurden. Und fördernde Maßnahmen sollten nicht nur für soziale Berufe oder den öffentlichen Dienst gelten, sondern auch in die Wirtschaft transportiert werden, indem die Politik Anreize schafft, von denen Unternehmen profitieren.

Was sollte man für das Studium mitbringen?

Herzberg: Obwohl es fad klingt, ist ein hohes Maß an Selbstorganisation und Selbstdisziplin notwendig. Und es ist vorteilhaft, wenn man einen verständnisvollen Arbeitgeber hat, der den Master unterstützt und als sinnvoll erachtet. Damit sollte man sich vorher sicher sein, weil es sonst einfach etwas schwieriger ist. 

Natürlich ist auch das Interesse an aktuellen Themen, die den Bereich Familie betreffen, sehr wichtig. Dieses Interesse ist auch wichtiger als eine wirtschaftliche oder finanzielle Motivation. Obwohl es sich in meinem Fall schon während des Studiums finanziell rentiert hat, ist es in unserem Berufsfeld nicht leicht, die Gebühren für den Weiterbildungsmaster auszugleichen.

Benecke: Man muss den Beruf, das Studium und gegebenenfalls auch die Familie unter einen Hut bringen können und sich für das Thema Familie interessieren und neugierig auf die Komplexität des Themas sein. Nicht alle Disziplinen in diesem Studiengag sprechen die gleiche Sprache und die Herangehensweisen an das Thema Familie unterscheiden sich. Das macht den Studiengang so interessant, führt einen aber auch immer wieder an seine eigenen Grenzen.

Zu den Personen:

Hannes Herzberg ist 31 Jahre alt und studiert seit dem Wintersemester 2016 den weiterbildenden Masterstudiengang Angewandte Familienwissenschaften an der HAW Hamburg. Obwohl er kein studierter Sozialpädagoge ist, arbeitet er als ebensolcher. Davor hat er einen dualen Bachelor im Arbeitsmarktmanagement an der Agentur für Arbeit gemacht und daraufhin als Berufsberater gearbeitet. Mit dieser Vorbildung und dem Masterstudium an der HAW Hamburg kann er in seinem jetzigen Beruf als Sozialpädagoge arbeiten. 

Janina Benecke ist 45 Jahre alt und studiert im gleichen Jahrgang wie Hannes Herzberg. Sie arbeitet als Sozialpädagogin beim Landesbetrieb Erziehung und Beratung (LEB) und ist dort für das Projekt "Integrierte Kinder- und Familienhilfe Lohbrügge" tätig. Bei dem Projekt geht es um ein freiwilliges Beratungsangebot, das sich an Familien aus der Kita im Sozialraum Lohbrügge und an Familien richtet, die es auf Empfehlung des Allgemeinen Sozialen Dienstes Bergedorf (ASD) aufsuchen. Zudem bietet Benecke innerhalb dieses Projektes kollegiale Beratungen für das pädagogische Team der Kita und Fortbildungen zu pädagogischen Themen an.

(Die Interviews wurden an zwei Einzelterminen geführt und redaktionell zusammengestellt. Die Interviews führte Britta Sowa. Quelle: bit.ly/HAWThemendienstDez_Jan)

WEITERE INFORMATIONEN

Blog:www.familienwissenschaftenhamburg.wordpress.com

KONTAKT
Dr. Sabina Stelzig-Willutzki
Fakultät Wirtschaft und Soziales
Department Soziale Arbeit
T +49.40.428 75-7157

sabina.stelzig-willutzki(@)haw-hamburg.de

 

FÜR RÜCKFRAGEN
Dr. Katharina Jeorgakopulos
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