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Forschungsprojekt der HAW Hamburg untersucht Bedürfnisse von Migranten in der Pflege

27.07.2016
Welche besonderen Bedürfnisse bei der Pflege von Menschen mit Migrationshintergrund auftreten, erforschen Pflege- und Gesundheitswissenschaftler der HAW Hamburg im Projekt „KURVE“. Ziel ist es, Schulungsangebote für Angehörige und Pflegedienste zu entwickeln, um eine bedarfsgerechte Betreuung zu ermöglichen. Das Projekt wird bis August 2016 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Erste Ergebnisse wurden bereits im Sommersemester auf einer Transfertagung an der HAW Hamburg vorgestellt.

Vor dem Betreten der Wohnung die Schuhe ausziehen, religiös begründete Ernährungsvorschriften oder bestimmte Waschtraditionen beachten – bei der Pflege von Migranten können spezifische Bedürfnisse bestehen. Diese untersuchen Pflege- und Gesundheitswissenschaftler im Forschungsprojekt KURVE („Kultursensible Versorgungsbedürfnisse identifizieren und Chancen nutzen“) und entwickeln darauf basierend Schulungs- und Beratungsangebote. Sie sollen die Versorgungsituation von Menschen mit Migrationshintergrund verbessern und die Kompetenzen von Angehörigen und Pflegedienstmitarbeitern erweitern. Das departmentübergreifende Projekt wird von den Professorinnen Prof. Dr. Corinna Petersen-Ewert und Prof. Dr. Uta Gaidys vom Department Pflege und Management zusammen mit Prof. Dr. Joachim Westenhöfer vom Department Gesundheitswissenschaften geleitet.

Im Jahr 2010 hatten in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 1,5 Millionen Menschen über 65 Jahre einen Migrationshintergrund. Für die Zeit zwischen 2005 und 2025 erwarten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Projekts KURVE eine Verdopplung der Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund über 55 Jahren. Der Pflegebedarf dieser Gruppe wächst dementsprechend. Pflegeangebote, die migrationsspezifische Bedarfe in den Blick nehmen, sind jedoch in der Regel kaum vorhanden. Neben Interviews mit Betroffenen und Angehörigen führte das Forscherteam Workshops mit Vertretern von Behörden, Krankenkassen, ambulanten Pflegediensten, Migrationsforschern und weiteren Kooperationspartnern durch, um spezifische Schulungsangebote zu entwickeln. Da Pflegebedürftige mit Migrationshintergrund in Hamburg vor allem aus der Türkei (18 Prozent) und Polen (13 Prozent) stammen, konzentriert sich das Forschungsprojekt zunächst auf diese Gruppen.

Wie sich in den Untersuchungen zeigt, leiden viele Angehörige unter einer extremen Doppelbelastung: Nicht nur pflegen sie ihre Familienmitglieder neben ihrer eigenen Berufstätigkeit, sondern sie üben häufig gleich mehrere Jobs aus. Oft fehlen ihnen Informationen zum Thema Pflege und zu den Angeboten des Gesundheitssystems. Sprachbarrieren kommen hinzu. „Es gibt auch sehr spezielle Fragen, zum Beispiel was ein Pflegebedürftiger mit Diabetes im Fastenmonat Ramadan beachten sollte“, erläutert Dr. Johanna Buchcik, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt, bei der Vorstellung der Ergebnisse auf der Transfertagung an der HAW Hamburg im Frühjahr dieses Jahres.

Auch professionell Pflegende sehen sich im Umgang mit Migrantinnen und Migranten vor besondere Herausforderungen gestellt. Dies zeigen die Erfahrungsberichte von Pflegediensten und sozialen Einrichtungen. Beispielsweise hat der Zugang zur eigenen Wohnung für Migrantinnen und Migranten einen hohen Stellenwert. Nach kultureller Tradition erwarten sie, dass Besucher ihre Schuhe ausziehen – auch Pflegedienstmitarbeiter. Oft gehen Pflegebedürftige davon aus, dass zunächst gemeinsam Tee getrunken wird, bevor die eigentliche Pflege beginnt. Zu berücksichtigen ist auch ein unterschiedlicher Umgang mit Körperlichkeit. Bei der Ernährung müssen Pflegekräfte unter anderem darauf achten, dass es gläubigen Muslimen nicht erlaubt ist, Schweinefleisch zu essen. Diese Bedürfnisse zusätzlich in den zeitlich sehr engen Pflegealltag der ambulanten Pflegedienste zu integrieren, erweist sich als große Herausforderung für die Pflegekräfte.

Die Forschungen des Projektes KURVE zeigen, dass kulturelle Besonderheiten einen intensiven Austausch erfordern, für den im Rahmen der Pflege genügend Zeit eingeplant werden sollte. Die Schulungen, die das Forscherteam auf Basis der Untersuchungsergebnisse entwickelt hat, thematisieren außerdem die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege, Aspekte von Körperpflege und Krankheiten, Finanzierungsfragen sowie das eigene Belastungserleben und das Rollenverständnis.

Deutlich wurden in dem Forschungsprojekt aber nicht nur die Bedürfnisse bei der Pflege von Migranten und Migrantinnen, sondern auch die Chancen. Dr. Buchcik: „Wir haben festgestellt, dass in Migrantenfamilien oft noch ein engerer familiärer Zusammenhalt besteht. Die Pflegebedürftigen besitzen häufig eine starke kulturelle Identität, die ihnen im Alltag Kraft geben kann.“ (Autorin: Julia Siekmann)

Link zum Projekt KURVE: http://www.pflegeundmigration.de/

Kontakte:
Prof. Dr. habil. Corinna Petersen-Ewert/Prof. Dr. Uta Gaidys
Projektleiterinnen KURVE
Department Pflege und Management
T +49.40.428 75-7103
corinna.petersen-ewert(@)haw-hamburg.de