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Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank wird das Projekt "Flucht und Gesundheit" an der HAW vorgestellt. Hier mit Geflüchteten Gasthörern aus dem Projekt. Foto: Holger Braack

"Flucht und Gesundheit"- aktuelles Forschungsprojekt an der Fakultät Life Sciences

29.01.2016
Themen des hochaktuellen Projektes „Flucht und Gesundheit" sind die psychische und physische Gesundheit von Flüchtlingen, Hygiene und Gesundheitsvorsorge bzw. -versorgung und Bewegung. „Was kann ich tun, damit mein Kind nicht krank wird?", "Was bedeutet es, wenn ich nachts nicht schlafen kann?", „Wohin wende ich mich?“ sind Fragen, die in dem Projekt mit plakativen Handzetteln und Flyern in verschiedener Sprache beantwortet werden. Die interdisziplinären Wissenschaftsfelder verbinden dabei die unterschiedlichen Kompetenzen der Fakultät Life Sciences auf ideale Weise. Das Projekt „Flucht und Gesundheit“ wurde von der HAW-Sozialforscherin Prof. Dr. Christine Färber geleitet und von Studierenden mit Migrations- und Fluchthintergrund durchgeführt.

Für Flüchtlinge ist ihre Gesundheit sehr wichtig, vor allem ihre psychische Gesundheit und der Schutz vor neuen Erkrankungen. Zum einen, weil die Bedingungen im Herkunftsland und auf der Flucht zu Krankheiten führen können. Zum anderen, weil durch die beengten Wohnverhältnisse in Gemeinschaftsunterkünften besondere Hygienemaßnahmen erforderlich sind, da Infektionen und Parasiten sich besonders schnell verbreiten können. Ein neu entwickeltes Projekt an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg will diesem Risiko entgegen wirken, indem es sich direkt an die Betroffenen wendet. Diese sollen dabei unterstützt werden, sich mit einfachen, kleinen Maßnahmen im Alltag besser zu schützen.

„Die Zeit des Wartens auf die Anerkennung eines Asylantrags ist lang und oftmals von Leere gekennzeichnet“, sagt Professor Christine Färber von der Fakultät Life Sciences in Bergedorf. Dort leitet sie seit vier Jahren das Department Gesundheitswissenschaften. „Die Betroffenen dürfen weder Arbeiten gehen, noch an Deutschkursen teilnehmen. Sie haben keine Möglichkeit, einen eigenen Haushalt zu führen, und die Bedingungen in den Unterkünften belasten die Flüchtlinge durch Lärm, Überfüllung und schwierige hygienische Bedingungen.“ Für sie war es darum naheliegend, mit ihren Studierenden ein Projekt zu entwickeln, das Flüchtlinge selbst in die Lage versetzen soll, sich möglichst gesund zu halten und ihre Situation im Alltag besser zu bewältigen. Fünf Themenbereiche haben sie dafür ausgearbeitet: Hygiene, Ernährung, Bewegung, medizinische Versorgung und psychische Gesundheit.

Zu diesen Themen soll einfaches Wissen vermittelt werden, das sich auch in einer Gemeinschaftsunterkunft in die Praxis umsetzten lässt. Dazu gehören die Grundlagen von Körperpflege und Hygiene wie regelmäßiges Hände waschen oder Lüften; oder das Erkennen von Schimmel auf Lebensmitteln und in Räumen. Im Bereich Bewegung sind es Übungen, mit denen man ohne große Hilfsmittel und auch bei geringem Platzangebot seine körperliche Fitness steigern kann. Zum Gebiet der medizinischen Versorgung gehören Basisinformationen über das Gesundheitssystem in Deutschland – etwa, dass man bei allgemeinen Beschwerden zuerst zum Hausarzt geht und nicht ins nächstgelegene Krankenhaus. Und, dass man dafür zuvor telefonisch einen Termin einholt. Menschen, die aus Ländern mit intensiver Sonneneinstrahlung kommen, in denen man die Tage hauptsächlich im Schatten verbringt, werden angesichts des gemäßigten Klimas in Deutschland dazu ermuntert, bei Sonnenschein nach draußen zu gehen. Nicht nur, weil es für die Vitamin D-Produktion des Körpers wichtig ist, sondern auch, weil es das seelische Wohlbefinden steigert.

Erprobt wird das Angebot gezielt mit Flüchtlingen im Hamburger Stadtteil Bergedorf, wo zurzeit rund 3.210 Asylsuchende untergebracht sind. Danach wird das Projekt ausgeweitet, denn insgesamt hat die Hansestadt im vergangenen Jahr 22.300 Flüchtlinge aufgenommen. Hauptanliegen des Projektes ist es, Flüchtlinge zu Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in der Gesundheitsvorsorge auszubilden. Im Sommersemester 2016 sollen es bis zu 75 Geflüchtete sein; dafür wurden Flyer und Schulungsmaterial in acht Sprachen entwickelt.

 „Solche Botschaften kommen ja besser an, wenn sie von Landsleuten oder zumindest von Menschen mit eigener Fluchterfahrung kommuniziert werden“, sagt Prof. Färber. Mehr als ein Drittel der an dem Projekt beteiligten Studentinnen und Studenten sowie die Lehrbeauftragte Nita Kama haben eigene Erfahrung mit Flucht: Sie stammen aus Afghanistan, Iran, Kosovo, Tschetschenien und der Türkei. „Bei uns können die Studierenden ihren Migrations- oder Flüchtlingshintergrund als Bereicherung erleben und nicht als Last. Dank ihnen kommen wir zum Beispiel ohne Dolmetscher aus“, sagt die Projektleiterin nicht ohne Stolz. So haben sie auch die Einladungen für die ersten Projektkurse in acht Sprachen an die Unterkünfte verschickt: auf Arabisch, Albanisch, Farsi, Dari, Türkisch, Russisch, Englisch und Deutsch.

Die Beteiligung in der ersten Probephase war allerdings etwas enttäuschend: Nur wenige Flüchtlinge aus den Bergedorfer Unterkünften folgten der Einladung zu den „Test“-Veranstaltungen Anfang Januar, die von den Studierenden mit viel Engagement vorbereitet worden waren. „Das Wetter spielte dabei eine Rolle, aber es muss auch Vertrauen aufgebaut werden“, sagt Christine Färber. „Dafür bedarf es der Multiplikator_innen.“ Die Beteiligten sind allerdings optimistisch, dass sie im kommenden Semester auf reges Interesse treffen werden. (Monika Rößiger, Wissenschaftsjournalistin und Sachbuchautorin)

Kontakt:
HAW Hamburg
Fakultät Life Sciences
Prof. Dr. Christine Färber
Professorin für empirische Sozialforschung
T +49.40.428 75-6115
christine.faerber(@)haw-hamburg.de