Themendienst

Fotos: Elisa Broß/HAW Hamburg (Schallwellen), Heike Dietz (Leuchtwürfel)

Visuelle Musikvermittlung: Designforschungsprojekt am Kunst- und Medienstandort Hamburg

30.06.2016
Wie kann man zwei so unterschiedliche Wahrnehmungsphänomene wie Sehen und Hören miteinander verknüpfen? Wie sich ihre Wechselwirkungen bewusst machen? Dieser ehrgeizigen Aufgabe widmen sich 15 Studierende unter der Leitung von Prof. Almut Schneider im laufenden Sommersemester 2016 im Rahmen des Projektes "Seeing Sound", bei dem es um visuelle Musikvermittlung geht.

Was auf den ersten Blick vielleicht etwas abstrakt anmutet, hat doch eine reale Grundlage. "Partituren beispielsweise sind nichts anderes als visualisierte Musik", erläutert Almut Schneider, Professorin für "Zeitbezogene Medien" am Department Design der HAW Hamburg. "Tanz im Prinzip auch. Und dieses Prinzip lässt sich auch umkehren." Beispielsweise haben ihre Studierenden in einem vorangegangenen Projekt die Bewegungen von Tanzenden analysiert und daraus eine neue Partitur erstellt. Sie haben also einen optischen Reiz in einen akustischen transkribiert.

Musik auf der visuellen Ebene näher bringen

Um die Frage zu beantworten, wie man Konzertbesuchern Musik auf einer visuellen Ebene näher bringen kann, sind ihre Studierenden schon in früheren Semestern unkonventionelle Wege gegangen und haben wertvolle Praxis-Erfahrungen bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern 2015 gesammelt. Auf dem "360° Festival" gestalteten Elisa Broß und Niklas Söder eine begehbare Installation zum Thema Bratsche. Unter dem Titel: "Vom Wald zum Klang" konnten die Festivalbesucher die Musik haptisch, visuell und akustisch erleben, indem sie den charakteristischen Klang und dessen Entstehungsgeschichte interaktiv im Raum verfolgen konnten. Anhand von verschiedenen Hölzern wurde beispielsweise das Ausgangsmaterial des Bratschenbauers thematisiert und vermittelt. Ein solcher war auch persönlich anwesend: Ein Teil der Werkstatt des Münchner Bratschenbauers Peter Erben war in die Installation integriert und die Besucher konnten ihm bei der Anfertigung von Bratschenteilen zusehen. Die Gäste sahen staunend zu, wie der Meister "Zwiesprache mit dem Holz" hielt und erfuhren, dass er den "Rohstoff" für seine Arbeit selbst besorgt, indem er im Winter bei abnehmendem Mond in den Wald geht und die erwählte Fichte persönlich fällt. Zu diesem Zeitpunkt enthält das Holz am wenigsten Wasser und ist somit besonders geeignet für den Bratschenbau. Die Besucher konnten die verschiedenen Hölzer nicht nur tastend erfassen, sondern durch Klopfen den Ursprung des späteren Klangs hören. "Man ist eingetaucht in das Geheimnis des Bratschenklangs und hat es sinnlich erfahren, ohne es zu entschlüsseln", sagte der Bratschist Nils Mönkemeyer, der Festival-Projekt "360° Viola" kuratiert hat.

Sich über die eigene Wahrnehmung bewusst werden

Die Grundlagen der Wahrnehmung bewusst zu machen und das scheinbar Selbstverständliche zu hinterfragen, ist Almut Schneider, deren gestalterische Wurzeln in der Bildenden Kunst liegen, wichtig. Über das Fernseh-Design kam sie zur audiovisuellen Kommunikation, deren Faszination für sie in der Möglichkeit liegt, Dinge zum Leben zu erwecken. Wie sehen wir? Wie hören wir? Und wie verknüpfen wir das? Die Ergebnisse dieses Prozesses sollen die Studierenden in die Lage versetzen, dieses Wissen später selbst in der Vermittlung von Inhalten wirkungsvoll anzuwenden.

Eine weitere Gelegenheit, bei der sich die Studierenden der Praxis der visuellen Musikvermittlung widmen konnten, bot das Projekt "ePhil" – eine Kooperation der Elbphilharmonie mit der Körberstiftung, in dessen Zentrum die Präsentation neuer elektronischer Musik stand. Dazu haben die jungen Designerinnen und Designer der HAW Hamburg im KörberForum, dem sogenannten "vierten Raum" der Elbphilarmonie, ein Foyer der Zukunft geschaffen. "Wir wollten den Konzertbesuchern ein 'ästhetisches Entrée' bieten", erklärt Almut Schneider. "Dabei ging es nicht um die visuelle Interpretation der akustischen Ereignisse, sondern darum, einen Ort der Verständigung zu entwerfen. Einen Ort, der geeignet ist, die Gäste für elektronische Klangwelten zu begeistern und informative Zugänge zu schaffen."

Installationen vermitteln die komplexe „Materie Musik“

Auch im Jahr 2014 haben Studierende mit ihrer Professorin für die Musikfestspiele Mecklenburg-Vorpommern eine Installation gestaltet: "Das begehbare Streichquartett". Der Titel bezieht sich auf einen weißen Kubus, der Teil der Ausstellung war. Wenn die Besucher dort hinein, in den abgedunkelten Raum gingen, hörten sie in jeder Ecke eins der vier Instrumente des Streichquartetts. Und konnten zwischen den unterschiedlichen Klängen buchstäblich umherwandern. An anderer Stelle der Ausstellung sieht man eine Projektion, die auf den ersten Blick wie eine abstrakte Zeichnung im Raum erscheint. Es handelt sich dabei aber um die Bewegung eines Geigenbogens während der Aufführung von Alberto Ginasteras "Streichquartett Nr. 1 op 20". Was schon für sich genommen beeindruckend ist, erfährt noch eine ganz andere Bedeutung, wenn der Kurator Rafael Rennicke erzählt, was Zeitzeugen über Beethoven berichteten, nachdem jener schon ertaubt war  – aber immer noch großartige Streichquartette komponierte. Wenn die Musiker spielten, folgte er wie gebannt den Bögen und konnte hinterher sehr genau sagen, ob das Tempo getroffen wurde oder nicht. Ebenfalls zur Installation gehörten Videofilme, die mit einer Stirnkamera von Musikern aufgenommen worden waren und ihren Blick von oben auf das Streichinstrument zeigten. Als "sehr inspirierend" bezeichnete Kai-Michael Hartig, Leiter des Bereichs Kultur der Körber-Stiftung, die auch dieses Projekt unterstützt hat, die Arbeit der Studierenden. "Bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern entstanden auf diese Weise Themeninstallationen, die es den Besucher ermöglichten, näher mit der 'Materie Musik' in Kontakt zu kommen."

Ungewohnter Blick auf die "Gattung" Streichquartett

Das alles sind verschiedene Perspektiven und Facetten, mit denen die Design-Studierenden den Festival-Besuchern einen ungewohnten Blick auf die Gattung Streichquartett ermöglichen und ihnen ganz neue Sinneseindrücke verschafften. Und das ist alles andere als brotlose Kunst. In diesem Zusammenhang freut es die Professorin besonders, dass zwei ihrer Studierenden gleich nach Abschluss der Bachelor-Prüfung eine Festanstellung bei einer Agentur für Raum und neue Medien in Berlin bekommen haben. Die Arbeitsfelder dieser Agenturen sind im öffentlichen Raum, auf Messen und Events aber hauptsächlich im kulturellen Bereich, wie auf Festivals und Museen: gerade letztere haben ihre pädagogischen Dienste und Vermittlungsangebote in den vergangenen Jahren ausgeweitet. (Wissenschaftsjournalistin: Monika Rößiger)

Kontakt:
HAW Hamburg
Fakultät Design, Medien, Information (DMI)
Department Design
Prof. Almut Schneider, Professorin für „Zeitbezogene Medien“
Tel.: 040.428 75 - 4696
almut.schneider(@)haw-hamburg.de