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Fakultät Technik und Informatik
Department Fahrzeugtechnik und Flugzeugbau
Fakultät Technik und Informatik

In China lehren - von China lernen

Prof. Dr.-Ing. Dieter Scholz23.09.2019

Wie im letzten Sommer bin ich auch in diesem Jahr wieder zwei Wochen an der Nanjing University of Aeronautics and Astronautics (NUAA) gewesen. Ich habe am Summer Lecture Program 2019 teilgenommen und "Aircraft Design" unterrichtet (Foto). Der Aufenthalt in Nanjing bot mir wieder eine Einstimmung auf China. Durch den Kontakt mit Studenten und Mitarbeitern der Universität ergaben sich viele persönliche Gespräche, aus denen ich besser verstehen konnte, wie man in China lebt und denkt. Weiterhin nutzte ich die Zeit, um meinen zweiten Teil der Reise vorzubereiten. Meine Idee war, China per Zug kennenzulernen – bis in entlegenste Winkel.

Die Idee "China per Zug" ergab sich aus meiner positiven Erfahrung mit den chinesischen Hochgeschwindigkeitszügen aus dem Vorjahr. Weiterhin frage ich mich als Flugzeugbauer, wie der Schritt zur Elektromobilität gelingen kann und sehe die Bahn hier in einer zunehmend wichtigen Rolle. Folgen soll hier kein Reisebericht, sondern eine Auflistung der Erkenntnisse, die ich auf meiner Reise zu Fragen der Mobilität gesammelt habe.

Das private Fahrrad ist in den chinesischen Metropolen unbekannt. Gefahren wird mit dem Leihfahrrad. Angebote gibt es z.B. von Mobike (orange), Hellobike (blau) und Ofo (gelb). Die nötige Flexibilität bieten nur die "dockless bikes", die nicht an Stationen zum Entleih gebunden sind. Die Insolvenz von Ofo zeigt aber auch das Problem. Die Wartung der vielen Fahrräder und das Einsammeln aus versteckten Ecken erfordert erheblichen Aufwand. Private Firmen stellen Millionen Fahrräder in die Städte und überlassen es bei Insolvenz dem Staat, den Schrott einzusammeln.

China baut in seinen Städten die Metro in Rekordtempo und nach neusten Erkenntnissen aus. Die Metro ist preiswert, sauber und sicher. Von und zur Metrostation geht es mit dem Leihfahrrad. Auf den Gehwegen vor den Metrostationen ist alles voll mit den Leihfahrrädern. Ein  Durchkommen ist kaum noch möglich. (Foto) Jedem, der die chinesischen Menschenmassen gesehen hat, wird klar, dass die Urban Air Mobility mit Lufttaxis für wenige Passagiere und kleinste Reichweiten keine Alternative ist. Dies ist ressourcenfressender Luxus für wenige Superreiche und kein Beitrag zur Lösung der Verkehrsprobleme der Metropolen.

China hat mehr Streckenkilometer für Hochgeschwindigkeitszüge als alle anderen Länder der Erde zusammen. Für die Hochgeschwindigkeitszüge (Foto) wurden neue Bahnhöfe gebaut, die nicht ganz im Zentrum der Städte liegen, aber mit der Metro noch gut zu erreichen sind. Die neuen Bahnhöfe haben mehr Ähnlichkeit mit luxuriösen Flughäfen. Sowohl der Zugang in den Wartebereich als auch zum Bahnsteig ist geregelt. Für den internationalen Reisenden ist gewöhnungsbedürftig, dass es keine englische Beschriftung gibt. Mit etwas Erfahrung kommt man aber zurecht: Es reicht, wenn man sich an den Zahlen orientiert (Zugnummer, Gleis, Wagennummer, Sitzplatz). China Railway High-speed (CRH) bietet nur einen chinesischen Internetauftritt. Buchungen kann man über Privatanbieter mit einer englischen App bei geringem Aufpreis machen. Kinder unter 1,5 m zahlen in China die Hälfte. Die Fahrkarte muss man an einem Schalter im Bahnhof (mit langer Warteschlange) abholen. Das Hochgeschwindigkeitsnetzwerk ist im dicht besiedelten Osten des Landes gut ausgebaut. Hier kommt man mit dem Zug sehr schnell voran. Beeindruckend ist die Strecke von Shanghai nach Peking. Wenn man eine schnelle Verbindung mit nur wenigen Zwischenhalten wählt, dann werden die 1200 km in nur 4:36 Stunden zurück gelegt (260 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit). Von einem Stadtzentrum zum anderen kommt man so schneller als mit dem Flugzeug. Wollte man die Passagiere, dieser Zugstrecke mit dem Flugzeug transportieren, dann müsste alle 10 Minuten ein A380 starten. Natürlich sind immense Investitionen zum Aufbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes erforderlich. Möglicherweise geht das so nur mit einem politischen System, in dem die Regierung langfristig planen kann und die Regierung die Industrie kontrolliert statt anders herum. Die Hochgeschwindigkeitszüge haben einen Elektromotor und sind damit in der Lage auch regenerative Energie direkt aufzunehmen. Dadurch, dass der Zug per Oberleitung versorgt werden kann, entfallen die Probleme, die mit der Elektromobilität in der Luftfahrt einhergehen.

Im wenig besiedelten Westen von China nehmen die Hochgeschwindigkeitsverbindungen deutlich ab. Es kommen die herkömmlichen Eisenbahnen zum Einsatz. Damit sinkt auch die Durchschnittsgeschwindigkeit auf z.B. 80 km/h. Zusammen mit den großen Entfernungen steigen die Fahrzeiten, was wiederum eine Übernachtung im Zug erfordert. In den Liegewagen kann man eine Nacht gut verbringen, im Sitzwagen zweiter Klasse wird es nachts aber grenzwertig. Dafür zahlt man aber auch fast nichts. Die Züge sind in China eigentlich immer ausgebucht. Einen Platz im Liegewagen muss man u.U. bereits einige Wochen vor Abfahrt buchen. Im Westen von China hat auch der Flugverkehr seine Bedeutung. Eine Investition in Hochgeschwindigkeitszüge rechnet sich nur bei vielen Passagieren. Das Flugzeug kann hingegen flexibel zwischen vielen verstreuten Orten eingesetzt werden und überquert auch die Sandwüste Taklamakan ohne weitere technische Schwierigkeiten. Ein Flugticket ist aber deutlich teurer als ein entsprechendes Bahnticket.

Interessant ist auch die Qinghai-Tibet-Bahn über das gleichnamige dünn besiedelte Hochplateau. (Foto) Sie zweigt vom chinesischen Eisenbahnnetz nach Süden ab und verläuft in einer Höhe von 4000 m bis 5000 m über eine Länge von fast 2000 km nach Lhasa, der Hauptstadt des Autonomen Gebietes Tibet. Es ist die höchstgelegene Bahnstrecke der Erde. Wenn man bedenkt, dass im Flugzeug ein Kabinendruck entsprechend maximal 2400 m herrscht und ohne Druckkabine nicht höher als 3000 m geflogen werden darf, dann wird klar, warum alle Reisende in der Qinghai-Tibet-Bahn mehr oder weniger unter der Höhenkrankheit leiden. Im Zug sind Sauerstoffauslässe vorhanden, die vom Zugführer aktiviert werden könnten. Ich habe aber nicht gesehen, dass Sauerstoff zur Anwendung kam. Die Bahn verbindet Tibet mit dem Rest von China in einer Weise, wie es die Landstraße oder Flugverbindungen nicht ermöglichten. Auf der eingleisigen und nur teilweise elektrifizierten Lhasa-Bahn fahren sowohl Personenzüge als auch Güterzüge in dichter Folge. Tibet hat daher wirtschaftlich stark von der Eisenbahnanbindung profitiert. Die Investitionen für die Strecke waren aber auch erheblich und gelten als Projekt von hoher nationaler Bedeutung. Auch hier wird deutlich, dass Investitionen in die Infrastruktur der Bahn langfristig angelegt sind und politisch motiviert.

Die Verbindung von Kontinenten über Ozeane bleibt aus Zeitgründen dem Flugzeug vorbehalten. Eine Schiffsverbindung ist zu langsam. Könnte auf dem eurasischen Kontinent der Einsatz der Bahn eine Alternative zum Flugverkehr auf der Langstrecke werden? Eher nicht! Allein für die Strecke Moskau-Peking benötigt man derzeit eine Woche. Eine durchgehende Hochgeschwindigkeitsverbindung ist nicht in Sicht. Hinzu kommen die Schwierigkeiten und Ungewissheiten, die mit der Beschaffung der Visa  verbunden sind (Russland, China, evtl. noch Mongolei). Ein einziger Pass muss die verschiedenen Visaabteilungen der jeweiligen Staaten durchlaufen. An die Visavergabe können im Detail Bedingungen geknüpft sein, die sich widersprechen. Bereits die Organisation der Reise durch China mit dem autonomen Gebiet Tibet und der Autonomen Region Xinjiang erforderte einige Kniffe, um Henne-Ei-Probleme zu meistern.

Die Verkehrsträger Flugzeug und Eisenbahn werden uns also erhalten bleiben, ihre jeweilige Bedeutung wird sich aber verschieben. Mit der Zunahme der Weltbevölkerung insbesondere in Megacities und der zunehmenden Bedeutung (elektrisch vorliegender) regenerativer Energien wird auch die Bedeutung der Schiene zunehmen. Ein Blick auf China hilft beim Verständnis aktueller Fragen der Mobilität.

Letzte Änderung: 28.02.19

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