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Informationen für:

Fakultät Wirtschaft und Soziales
Department Soziale Arbeit
Fakultät Wirtschaft und Soziales

Prof. Dr. Frauke Schwarting und Prof. Dr. Dieter Röh

Der Umzug von der Saarlandstraße in die Alexanderstraße integrierte das Department am Campus Berliner Tor. (Bild: Department Soziale Arbeit

1917 war Gertrud Bäumer (links) zusammen mit Marie Baum (rechts) Leiterin und Mitbegründerin des Sozialpädagogische Instituts (Bild: Department Soziale Arbeit)

Von 1976 bis 2010 war der "Fachbereich Sozialpädagogik" in der Saarlandstraße 30 beheimatet. (Foto: Moritz Heitmann)

100 Jahre Soziale Arbeit in Hamburg – Interview mit den Organisatoren

28.04.2017

Das Department Soziale Arbeit feiert am 4. und 5. Mai das 100-jährige Bestehen der Sozialen Arbeit in Hamburg. Die Feier würdigt vor allem die beiden Pionierinnen Gertrud Bäumer und Marie Baum. Ein Hintergrundgespräch zum Jubiläum mit den Organisatoren Professorin Dr. Frauke Schwarting und Professor Dr. Dieter Röh.

Frau Schwarting, Herr Röh, was war Ihre Motivation, diese 100-Jahr-Feier zu organisieren?

Frauke Schwarting: Der Geburtstag ist ein schöner Anlass, die eigene Geschichte mal in den Vordergrund zu rücken. Vor einigen Jahren haben Dieter Röh und ich mit Studierenden Originalunterlagen aus den 1920er und 1930er Jahren entstaubt und bearbeitet und wir haben Feuer gefangen und unser kleines Archiv angelegt. Die zeitgeschichtlichen Situationen mit ihren Ideen und Kontroversen, das Engagement so verschiedener Menschen, auch in Hamburg, haben Spuren in unseren heutigen Formen hinterlassen. Und es ist spannend und lehrreich, die eigenen Wurzeln kennen zu lernen, im Guten wie im Schlechten.

Dieter Röh: Ich sehe das ähnlich und man hat nicht oft die Gelegenheit, an einer Institution genau in der Zeit tätig zu sein, an der ein so besonderes Jubiläum gefeiert wird. Wir waren uns daher sehr schnell einig, dass wir hierzu etwas beitragen möchten. Wir beide sind sehr geschichtsinteressiert, ich lehre das Fach zudem im Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit und so lag es nahe, das Jubiläum inhaltlich gestalten zu wollen. Zum Glück haben wir weitere Kolleginnen und Kollegen aus dem Department Soziale Arbeit, eine ehemalige Kollegin und Lehrbeauftragte und Studierende gewinnen können, mit uns in die Vorbereitung einzusteigen.

Welche Impulse erhoffen Sie sich von dem historischen Rückblick? Was hat Sie an der Geschichte bewegt?

Dieter Röh: Geschichte ist immer ein Lehrstück für das, wonach man streben sollte und was man vermeiden muss, individuell und gesellschaftlich. Die soziale Frauenschule wurde im Zuge der entstehenden Professionalisierung Sozialer Arbeit mit einem solchen Eifer und Pioniergeist gegründet, dass man darauf bewundernd zurückblicken kann. Ohne jede Vorerfahrung, ohne Lehrbücher, ja ohne eine ganz genaue Vorstellung von dem, was und wozu man die jungen Frauen ausbildete, haben die Gründungsmitglieder und die ersten Leiterinnen einfach begonnen. Gleichzeitig ist die damalige soziale Arbeit beziehungsweise Fürsorge sehr schnell in die Fänge der Nationalsozialisten geraten. Solche Verwicklungen gilt es gerade heute mit einem wachen politischen Bewusstsein zu verhindern. Und auch in den Folgejahren, ab 1945, ist die Ausbildung und später das Studium politisch geblieben, haben sich die Studierenden und Lehrenden mit der politischen Seite der Sozialen Arbeit auseinandergesetzt und versucht, auf gesellschaftliche Prozesse Einfluss zu nehmen oder zumindest diese besser zu verstehen. In dieser Hinsicht können wir auch für heute einiges lernen.

Frau Schwarting, welche Facetten in der Geschichte der Ausbildung der Sozialen Arbeit sind für Sie am wertvollsten und was interessiert Sie am meisten an diesem Fachgebiet? 

Frauke Schwarting: In der Gestaltung der Ausbildung vom Ende des Kaiserreichs bis zur heutigen spätmodernen Gesellschaft spiegeln sich ja die Auseinandersetzungen, was eigentlich soziale Probleme sind, wie soziale Unterstützung aussehen kann und soll, was man dafür wissen und können muss – insofern finde ich jede der Zeiten spannend.  Für mich persönlich ist besonders interessant, wie sehr die Entwicklung professioneller Sozialer Arbeit von Frauen geprägt ist: die Gründung, damals in Form der Sozialen Frauenschule, war ein zentraler Beitrag zur Ermöglichung der Berufstätigkeit der Frauen aus der bürgerlichen Schicht; die Hamburger Honoratiorinnen und Honoratioren haben mit Gertrud Bäumer und Marie Baum als Leitung ja zwei in der Frauenbewegung bekannte Persönlichkeiten gewonnen. Und auch die zweite Phase eines starken Ausbaus in den 70er Jahren ging mit Zunahme von Dienstleistungsberufen und auch Frauenerwerbstätigkeit einher. Sehr wertvoll finde ich auch die Impulse für eine politische und sozialwissenschaftliche Selbstreflektion Sozialer Arbeit, die vor allem in den 70er und 80er Jahren wurzelten und später ein wichtiger Bestandteil ethischer und professioneller Debatten wurden.

Wohin geht die Reise der Sozialen Arbeit? Wo stehen wir in 100 Jahren?

Frauke Schwarting: Oh je, wir wissen nicht einmal sicher, wo wir in 20 oder 30 Jahren stehen! Ich würde mir sehr wünschen, dass sich soziale Phantasie und Konzepte für gute soziale Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens und Teilhabe der Menschen mindestens so voran bewegen wie die technischen und ökonomischen Entwicklungsprozesse, die ja derzeit rasant sind und auch neue soziale Fragen und Probleme aufwerfen. Theorie und Praxis Sozialer Arbeit leisten da wichtige Beiträge! 

Dieter Röh: Ich hoffe, dass sich die Soziale Arbeit weiter professionalisiert und gleichzeitig ihre politische Seite wiederentdeckt oder dieses Bewusstsein wachhält. Wir können an der Bearbeitung und Lösung sozialer Probleme und damit an der Gestaltung der Gesellschaft nur mitwirken, wenn wir es einerseits schaffen, Menschen in konkreten Problemlagen so zu unterstützen, dass sie diese zukünftig selbst bewältigen können, wobei manche auch dauerhaft unterstützt werden müssen, und wir andererseits gestaltend und präventiv an der Verbesserung der gesellschaftlichen Chancen arbeiten. Für beides ist die Soziale Arbeit ethisch, theoretisch und methodisch gut gerüstet. 

Pressemitteilung vom 28. April 2017 inkl. Festprogramm

Zur Geschichte: Die Gründung der Sozialen Frauenschule 1917 in Hamburg

Angeregt wurde die Gründung einer sozialen Frauenschule im April 1917 durch den damaligen Vorsitzenden der Hamburgischen Gesellschaft für Wohltätigkeit, Senator J. A. Lattmann. Jungen Frauen sollte nach dem ersten Weltkrieg und dem dadurch entstandenen „Mangel an Männern“ die Chance auf eigene Erwerbstätigkeit verschafft werden. Ihre Gründerinnen Gertrud Bäumer (1873-1954) und Marie Baum (1874-1964) – und später Margarete Treuge – gehören zu den aktivsten wie schillernden Persönlichkeiten der Gründerzeit und ihr Wirken in der Frauenbewegung ist (inter-)national von Bedeutung. Ihr Engagement für den Aufbau und Erhalt der Schule durch die intensive Vernetzung mit der damaligen politischen und finanziellen Gesellschaft der Hansestadt war eine große Pionierleistung. Erst diese Vernetzungsarbeit und der Kampf um die notwendigen Ressourcen sicherten den Erhalt der Schule, den Lebensunterhalt der Lehrenden und Schülerinnen wie auch die Ausbildungssituation im Betrieb. 

Hamburger Modell: Vernetzung mit Förderern begründete Mäzenatentum und Stiftungwesen

Insbesondere die Aufrechterhaltung der sozialen Frauenschule in den krisengeschüttelten 1920er Jahren konnte nur durch die intensive Unterstützung wohlhabender wie einflussreicher Hamburger Bürger gelingen. Einer der großen Mäzene und Förderer der Sozialen Frauenschule war unter anderem der jüdische Bürger und Kunsthistoriker Max Warburg. Gemeinsam mit Förderern, Unterstützern und Freunden aus Politik, Wirtschaft und gehobenem Bürgertum gelang es den Schulleiterinnen, die Ausbildungsstätte für Fürsorgerinnen nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern sogar auszubauen – ein Finanzierungsmodell, das bis heute Vorbildcharakter hat. 1923 erfolgte aufgrund der finanziellen Notlage der Schule dennoch dessen Verstaatlichung.

Entwicklung der Schule von 1933 bis 1945 – und heute

Nach der Zwangspensionierung Margarete Treuge im Juli 1933 übernahmen zwei NSDAP-Mitglieder die Leitung der Sozialen Frauenschule, obwohl ihnen die dafür erforderlichen Qualifikationen fehlten. Zu den Unterrichtsfächern kamen unter anderem Rassenkunde und Erbgesundheitspflege hinzu. Anlässlich des Todes der Gründerin Gertrud Bäumer 1954 wurde die Frauenschule umbenannt in das „Sozialpädagogische Institut der Freien und Hansestadt Hamburg / Gertrud-Bäumer-Schule“. Im Verlauf der Hochschulrefom erhielt sie im April 1970 den Status einer Fachhochschule für den Fachbereich Sozialpädagogik – heute das Department Soziale Arbeit der HAW Hamburg. (Autorin: Katharina Jerogakopulos)

Festprogramm

Donnerstag, 4. Mai, Empfang in der Aula Berliner Tor (HAW Hamburg)

13:00 Uhr: Ankommen, Registrierung
13:30 Uhr: Grußworte
14:00 Uhr: Festvortrag Prof. Dr. Ralph-Christian Amthor (Hochschule Würzburg): Soziale Arbeit und gesellschaftlicher Wandel – Historische Entwicklungslinien und gegenwärtige Herausforderungen in der Lehre und Wissenschaft
14:45 Uhr: Von der Sozialen Frauenschule bis zum Department Soziale Arbeit. Fotografische Impressionen aus 100 Jahren
15:15 Uhr: Hinweise zum Programm des Folgetags, Publikationen, Ausstellung
15:30 Uhr: Empfang/Ausklang
ca. 18 Uhr Ende

Freitag, 5. Mai, Tagungs- und Feiertag in der Versammlungsstätte Alexanderstraße
08:00 Uhr: Gebäude- und Ausstellungsöffnung
10.00 Uhr: Vortrag Prof. Dr. Dieter Röh: Die Geschichte der Sozialarbeitsausbildung in Hamburg (HAW Hamburg)
11.00 Uhr: Gesprächsrunde auf dem Podium mit Studierenden, Alumnis, Lehrenden und Emeriti zum Thema: „Soziale Arbeit als Gestalterin der Gesellschaft?! Studium, Praxis und Wissenschaft im Wandel“
12:30 Uhr: Mittagspause
14:00 Uhr: themenbezogene Workshops
17:00 Uhr: Playback-Theater
18.30 Uhr: Jubiläumsfest
Zirka 23 Uhr: Ende

Dieter Röh: Akademisierung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit in HamburgEin Abriss der Entwicklung der Ausbildung zwischen 1917 bis 2017, erscheint in Heft 5/6-2017 der Zeitschrift Soziale Arbeit (DZI) mit dem Titel „100 Jahre Ausbildung zur Sozialen Arbeit in Hamburg“

100 Jahre Soziale Arbeit – Stadtrundgang mit Bildern (PDF)

Kontakte:
Department Soziale Arbeit
Prof. Dr. Frauke Schwarting
Tel.: 040.428 75-7094
frauke.schwarting@haw-hamburg.de
Prof. Dr. Dieter Röh 
Tel. +49 40 428 75 7113
dieter.roeh(@)haw-hamburg.de

Letzte Änderung: 07.07.14

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