(M)ein unvergessliches "Final Year" an der University of Hertfordshire in Hatfield/London
Auf Empfehlung von Prof. Schulze und mit der großen Unterstützung von Prof. Scholz und Prof. Zingel von der HAW Hamburg nahm ich an dem Doppelqualifikationsprogramm an der University of Hertfordshire (UH) in Hatfield/London teil und habe dort den Abschluss in Aerospace Engineering gemacht.
In diesem Bericht schildere ich die wichtigsten und/oder vielleicht bedeutendsten Ereignisse und Erfahrungen dieser Zeit. Eine Zeit, unter deren Erfolgsdruck ich gewachsen und um viele Erfahrungen reicher geworden bin. Eine Zeit, die mein Leben geprägt und mir viele weitere Türen geöffnet hat. Eine Zeit, die so unvergesslich schön war, dass ich sie am liebsten noch mal erleben möchte.
Grundsätzlich muss man sich mindestens ein halbes Jahr vor dem Studienbeginn um alles (Bewerbung, erforderliche Unterlagen, finanzielle Förderung etc.) kümmern. Das habe ich auch getan, jedoch hatte ich meine Unterlagen wegen eines persönlichen Problems leider nicht rechtzeitig nach Hertfordshire geschickt, so dass ich eigentlich die Hoffnung aufgegeben hatte, angenommen zu werden. Durch Bemühungen von Prof. Scholz und mit etwas Glück hat es bei mir in der "letzten Minute" doch noch geklappt. Wofür es aber definitiv zu spät war, war die rechtzeitige Antragstellung auf finanzielle Förderung beim DAAD. Trotz der Unterstützung vom Akademischen Auslandsamt konnte die Sache nicht beschleunigt werden, so dass ich ohne die Gewissheit auf finanzielle Unterstützung durch den DAAD nach London geflogen bin. Wegen meiner Ersparnisse (aus einem Praktikum bei der Lufthansa, das unmittelbar vor diesem Auslandsjahr stattfand), war ich mir aber sicher, dass ich mich in den ersten Monaten selbst über Wasser halten konnte.
Im November oder Dezember war es, als ich die Hiobsbotschaft des DAAD erhielt, dass für meinen Fall eine Förderung nicht vorgesehen sei; der DAAD fördere nur einen Auslandsaufenthalt im Zusammenhang mit einer Diplomarbeit oder ähnlichem, jedoch nicht, wenn neben dieser wissenschaftlichen Arbeit Vorlesungen besucht würden. Als hätte ich es schon geahnt, hatte ich zum Glück auch einen Antrag auf ein Studenten-Darlehen gestellt, das aber auch nicht ohne weiteres gewährt wurde. Die Einzelheiten möchte ich euch ersparen. Es sei nur soviel gesagt, dass es dann irgendwann im Februar/März 2006 endlich geklappt hat (Kümmert euch also rechtzeitig um die finanzielle Förderung, falls ihr darauf angewiesen seid. Und versucht es gar nicht beim DAAD).
Also am 15. September ging es nach London. Es gab sogar einen kostenlosen Abhol-Service über das gesamte Wochenende vom Flughafen Heathrow/London nach Hatfield. In der ersten Woche gab es eine "Orientation week for European & International Students". Mit einem sehr herzlichen Empfang wurden die Studenten aufgenommen und in das Programm der bevorstehenden Woche eingewiesen. Dies waren unter anderem "Welcome Talk by a Free Buffet", Registrierung, "Opening a Bank Account" Arzt-Registrierung (man möge mir verzeihen, dass ich ständig zwischen Deutsch und Englisch hin und her springe) etc. Auch das so genannte "Social Programme" waren nicht zu kurz gekommen: London Trip, Campus and Town Tour, Game Night, Disco, Movie Night, Quiz Night (bei der übrigens unsere Gruppe den ersten Platz gemacht hat) usw. Langer Rede kurzer Sinn: Ich habe eine schöne Woche erlebt und viele Leute kennen gelernt.
In der zweiten Woche dachte ich: Jetzt geht es los! Es folgte aber die so genannte. "Fresher`s week", die den Erstsemestern der Universität gewidmet war. Diese sollten sich in ihre Kursen eintragen, ihre Vorlesungsräume in dieser gigantischen Universität ausfindig machen usw. Jeden Abend waren Partys und Events angesagt. Ich habe auch in dieser Woche mein erstes Highlight erlebt: "Flying Course". Jawohl, es ist genau das, wonach es sich anhört. Ich bin tatsächlich geflogen, nicht etwa als Passagier, sondern als Pilot in einem kleinen Cessna Flugzeug ... na gut, Start und Landung vollführte der "richtige" Pilot. Von etwa 45 Min. Flugdauer durfte ich dreimal jeweils für drei bis fünf Minuten die Steuerung übernehmen. Es war ein unvergleichliches Gefühl, sich in allen drei Dimensionen des Raumes zu bewegen. Um Missverständnisse an dieser Stelle zu vermeiden, sei erwähnt, dass die Studenten keinen Flugschein oder ähnliches machen, es ist nur eine einmalige Sache.
Die Woche darauf ging es dann richtig zur Sache. Endlich durfte ich auch mal studieren. Gleich das volle Programm: Vorlesungen, Labore, Berichte, Tutorien. Als Teilnehmer des Doppelqualifikationsprogramms, sprich: Wenn man am Ende mit einem englischen Abschluss in der Tasche nach Hause gehen möchte, muss man sämtliche Kurse des "Final Year" belegen, die folgendermaßen zusammen gesetzt sind:
Semester A: Mechanics and Properties of Materials, Aerodynamics
Semester A und B: Major Project, Aerospace Performance, Propulsion & Design
Semester B: Aerostucture Design and Analysis, Stability and Control of Aircraft
Des Weiteren gibt es Englischkurse für ausländische Studenten. Man kann sich seinen Stundenplan nicht selber gestalten oder Scheine auf das nächste Semester verschieben. Es gibt strenge Abgabetermine. Im "final year" darf man nicht mehr durchfallen. Im Schnitt muss man pro Woche eine Hausarbeit oder einen Laborbericht schreiben. Also über Langeweile kann man sich wahrlich nicht beklagen. Aber andererseits haben die Studenten auch viel mehr Möglichkeiten sich zu entfalten. Das zur Verfügung stehende Equipment ist technisch auf dem neusten Stand und in einer mehr als ausreichenden Quantität vorhanden. Nahezu alle Vorlesungsräume sind mit einem Beamer und Internet Connection ausgestattet. Die großen und modernen Windkanäle sind schon kein Luxus mehr, wir hatten sogar unseren eigenen Flugsimulator.
Die Departments, die Vorlesungsräume, die sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Einrichtungen und die Studentenwohnungen sind auf zwei Campi verteilt. Wir hatten sogar eine Disco "The Font", eine Bar "Ele-House" und ein "Sportvillage". Nicht zu vergessen: Unser LRC (Learning Resource Centre) mit um die 1000 Rechner (alle mit Internetzugang und Studynet (eine Art Universitäts-Intranet), Kopierer, Drucker, Scanner, Laptop Clinic, diverse kostenlose Kurse etc. Ich habe mir sogar sagen lassen, dass unser LRC zwischen allen europäischen Unis den 1. Platz gemacht hat. Es gibt dort "Student Accomodations" auf dem "College Lane" Campus, die etwas günstiger (um die 70 Pfund die Woche) waren; und auf dem super modernen und schicken "De Havilland" Campus, der gerade mal drei Jahre alt, aber dafür auch sündhaft teuer (85 Pfund pro Woche) war. Nach dem Motto "man gönnt sich ja sonst nichts!", hatte ich mich für den 5-Sterne-Campus, "De Havilland", entschieden. Meine monatlichen Kosten (inkl. Miete) betrugen ca. 550 Pfund. Wenn man sich nicht unbedingt auf dem "De Havilland" Campus niederlässt und sparsam lebt, ist man vielleicht mit 400 Pfund pro Monat dabei. Ich bin aber auch viel nach London gefahren, hatte mich im "Sport-Village" angemeldet, etc.
Yama Abawi (weiße Krawatte) und KommilitonInnen beim Graduation Ball
Die größten Highlights waren: mein Flugmechanik Coursework, indem ich mit 97% das beste Ergebnis unter all den Mitstreitern erzielt habe (diese Hausarbeit wurde sogar im Studynet veröffentlicht), meine Aerodynamik Coursework und Exam (vergleichbar mit Strömungsmechanik mit Labor an der HAW Hamburg) mit der Endnote "A1" (Excellent), mein Major Project und seine Präsentation, die mit "Very good" bewertet wurden und "above all" meine "First Class Honours"-Diplomnote. Dann hatte ich einen kurzen Auftritt bei einer Kinder-Fernsehshow, die bei uns auf dem Campus gedreht wurde. (Ich war jung, Student und brauchte Geld). Zu guter letzt: Ich habe an einer Talentshow der "University Student Union" teilgenommen, in der ich den ersten Platz errungen habe!!!
So, da kann mir keiner sagen, ich hätte in London nichts erlebt und nichts erreicht. Spaß und Angeberei bei Seite, mit dem letzten Absatz beabsichtigte ich, euch einen Motivationsschub zu geben. Wie ihr seht, kann man dort auch als "exchange student" einiges schaffen, auch wenn das Jahr kein Spaziergang wird. Ich habe harte Arbeit leisten müssen, teilweise tagelang hinter meinem Laptop gesessen und insgesamt im Vergleich zu meinem Studenten-Dasein bei der HAW Hamburg viel mehr an Energie, Zeit und vor allem Geld investieren müssen; ich habe aber auch verdammt viel Spaß gehabt, bin viel ausgegangen, habe viel erlebt, bin weitergekommen, habe viel erreicht. Und ich habe es sogar an meinen härtesten Tagen (als ich z.B. für sage und schreibe 22 Stunden mit einem Freund im LRC an einer course work gearbeitet habe) für keine einzige Sekunde bereut.
Apropos "härteste Tage": Um das volle Programm bezüglich Erfahrung im Ausland durchzumachen, musste ich natürlich auch mal krank werden. Man hat mich wegen starker Schmerzen mit Morphium voll gepumpt und mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus gebracht. Dort hat man Nierensteine diagnostiziert. Aber das Gesundheitssystem ist dort nicht sehr "prickelnd", da würde ich euch eher empfehlen, lieber nicht krank zu werden. Apropos "Empfehlen": Ich würde einen Auslandsaufenthalt jedem nur weiterempfehlen: Mit der Teilnahme an einem Doppelqualifikationsprogramm kann man internationale Erfahrungen sammeln, einen zweiten ausländischen Abschluss machen und Menschen und Kulturen kennen lernen. Das ist eine Herausforderung, und natürlich müsst ihr dafür ein paar Monate lang mehr und härter arbeiten. Wenn ihr Auslandserfahrungen sammeln, aber eher ein lockeres Studentenleben mit viel Freizeit für Vergnügung und Kultur führen wollt, dann seid ihr mit einem Auslandssemester besser beraten.
Apropos "Rat": Zum Schluss mein Ratschlag als University of Hertfordshire Aerospace Engineering final year Student: Just believe in yourself and you will see, you can climb every mountain!
Yama Abawi, Okt. 2006
Der Beitrag wurde von der Redaktion gekürzt.
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