Kann Bildung noch Chancen schaffen? Hochschulzugang für junge Menschen mit Migrationserfahrung

Am 25. Juni 2026 lädt die Arbeitsstelle Migration zur bundesweiten Fachtagung im Rahmen des AMIF-Projektes BildungsCHANCE an die HAW Hamburg ein.
Der OECD-Bildungsbericht 2025 zeigt, dass trotz zahlreicher Bemühungen das Merkmal Migrationserfahrung in Deutschland mit Blick auf Zugang zum, Verbleib im und Abschluss eines Studiums weiterhin signifikant benachteiligend wirkt. Institutionelle Bildungsprozesse scheinen diese Benachteiligung eher zu reproduzieren als nachhaltig abzubauen. Die rasante Entwicklung von KI bringt in diesem Zusammenhang neue Herausforderungen ergo nicht nur Möglichkeiten der Problembearbeitung, sondern auch neue Formen der Benachteiligung mit sich. Vor diesem Hintergrund wollen wir uns in dieser Fachtagung mit der zugespitzt und allgemein formulierten Frage, ob Bildung noch Chancen schaffen kann, auseinandersetzen.
Studien aus der Hochschulforschung weisen darauf hin, dass sich Maßnahmen zur Steigerung des Bildungserfolges über den gesamten Student-Life-Cycle erstrecken und Maßnahmen zur Studienorientierung und -vorbereitung bereits in der Schule beginnen sollten (vgl. Neugebauer et al. Studienerfolg und Studienabbruch, 2022). Die Arbeitsstelle Migration an der HAW Hamburg führt seit zwei Jahren das von Prof. Dr. Louis Henri Seukwa geleitete AMIF-Projekt BildungsCHANCE durch. Hier werden Bildungsaspirationen von Menschen mit Migrationserfahrung ganzheitlich und ressourcenorientiert unterstützt. Das bedeutet zum einen, dass ihre gesamten Lebenslagen und Lebenswelten konsequent in die pädagogischen Förderprozesse einbezogen und zum anderen durch transdisziplinäre Zusammenarbeit zielorientiert Barrieren geebnet werden. Ressourcenorientierung bedeutet hier, dass Kompetenzen, die in anderen Ländern erworben sind, identifiziert, transformiert und weiterentwickelt werden. Dabei werden Bildungs-angebote multidimensional konzipiert und implementiert - inklusive der Nutzung von selbstentwickelten KI-Tools zur (Fach-) Kompetenzentwicklung.
Außerdem werden Räume für Peer-to-Peer-Unterstützung und soziales Engagement gestaltet und Erziehungsberechtigte werden als wichtiger Unterstützungsfaktor insbesondere für Oberstufenschüler*innen gesehen und in partnerschaftlicher Zusammenarbeit multilingual mit notwendigen Kompetenzen zur erfolgreichen Navigation durch das deutsche Bildungssystems ausgestattet.
Im Rahmen der bundesweiten Fachtagung werden die Ansätze des Projekts vorgestellt und im Spiegel weiterer Good-Practice-Beispiele, aktueller Forschungsergebnisse und theoretischer Ansätze reflektiert. Die Fachtagung richtet sich an eine breite (Fach-)Öffentlichkeit und möchte mit Akteur*innen aus Wissenschaft, Bildung, Soziales und Verwaltung diskutieren, um dies als Impuls zu nutzen, gemeinsame Strategien zu entwickeln, wie durch kompetenzorientierte und diversitätssensible Konzepte in der Studienvorbereitung und im Studieneinstieg Menschen mit Migrationserfahrung bessere BildungsCHANCEN beim Hochschulzugang und -verbleib erhalten können.
Programm
Die Fachtagung findet am 25. Juni 2026 in Präsenz in der Versammlungsstätte Alexanderstraße 1 an der HAW Hamburg statt.
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| 09:30 | Check-In |
| Moderation | Dr. Christoph Porschke |
| 10:00 | Begrüßung Grußworte |
| 10:30 | Einblicke ins Projekt BildungsCHANCE Projektteilnehmer*innen berichten von ihren Erfahrungen im Projekt |
| 11:00 | Keynote Prof. Dr. Mechthild Gomolla, Pädagogische Hochschule Karlsruhe |
| 12:00 | Mittagspause & kollegialer Austausch |
| 13:00 | Workshops – siehe unten Durchgang 1 |
| 14:30 | Kaffeepause |
| 15:00 | Workshops – siehe unten Durchgang 2 |
| 16:30 | Präsentation der Workshopergebnisse |
| 17:00 | Ende |
Workshops
1 – Herausforderung Erkennung und Anerkennung mitgebrachter Kompetenzen
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Dr. des. Ina Kordts, Universität Basel
Dr. Cornelia Sylla, HAW Hamburg
Die Umsetzung von Ressourcenorientierung im migrationspädagogischen Kontext als Nutzbarmachung mitgebrachter Kompetenzen bleibt eine Herausforderung, welche durch die wachsende Bedeutung von KI in Bildungsprozessen potenziert wird. Im Workshop werden am Beispiel von Herausforderungen, die mit dem Kompetenzerwerb in der respektiv durch die Bildungssprache Deutsch einhergehen, Ansätze vorgestellt und diskutiert, wie damit produktiv umgegangen werden kann.
Weitere Infos
2 – Herausforderung KI in Bildungsprozessen
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KI als Digitalisierung 5.0 stellt institutionelle und individuelle Bildungsprozesse (Lehren, Lernen und deren Evaluation) vor erhebliche Herausforderungen. In Bezug auf die Frage, was diese tiefgreifende Transformation für Personen mit persönlicher Migrationserfahrung bedeutet, scheint aktuell die Benachteiligtenpädagogik wenig adäquate Antworten zu haben. Im Projekt BildungsCHANCE wird der Frage nachgegangen, wie KI Lernprozesse – auch mit Blick auf migrationsbedingte Benachteiligungen - strukturieren und ermöglichen kann, statt sie zu behindern.
Pädagogische Ansätze werden anhand des Erwerbs von Programmierkompetenzen vorgestellt und diskutiert.
Mit:
Lea Biere, Universität Paderborn
Karl-Justus Boos und Yvonne Fietz, HAW Hamburg
3 – Herausforderung psychosoziale Stabilisierung der Lebenslage
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Alle international vergleichenden Studien seit der ersten Pisa-Studie machen deutlich, dass die alleinige Fokussierung auf Kognition nicht zielführend für Bildungsprozesse ist. Vielmehr hat sich die Einsicht etabliert, dass die ganzheitliche Stabilisierung der Lebenslage eine wichtige Voraussetzung für den Bildungserfolg darstellt. Dies gilt umso mehr für Menschen mit Migrationserfahrung im Bildungssystem. In diesem Workshop wird mit Fokus auf die Lebenslagendimension psychische Gesundheit diskutiert, wie eine ganzheitliche Stabilisierung in den Bildungsprozess integriert und ausgestaltet werden kann.
Referent*in: Bunte Hände, Studentische Initiative der Arbeitsstelle Migration, HAW Hamburg
4 – Herausforderung Empowerment als Teilhabe und Teilgabe
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Migrationsbedingte Integrationsprozesse brauchen Räume für Wertschätzung und Selbstwirksamkeit. In diesem Zusammenhang spielen trotz des individuellen Charakters von Biografien die sogenannten Vorbilder und Wegbegleiter*innen eine zentrale Rolle, wenn es um die Überwindung psychologischer Barrieren und das Aufzeigen von Möglichkeitsräumen in scheinbar verschlossenen Systemen und um die Bildung von sozialem Kapital geht. In diesem Workshop werden Peer-to-Peer-Konzepte zur gezielten Förderung von Teilhabe und Teilgabe für Oberstufenschüler*innen und Studieneinsteiger*innen mit Migrationserfahrung dargestellt und diskutiert.
Mit:
Hemrîn Oso und Daria Molchanova, Studentische Initiative Bunte Hände der Arbeitsstelle
Vladislawa Kasper, HAW Hamburg
5 – Herausforderung Systemkompetenzentwicklung in der Elternarbeit
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Bildungsinstitutionen setzen hierzulande die Mitarbeit von Erziehungsberechtigten selbstverständlich und von daher implizit voraus. Dies gilt sowohl für die inhaltliche und fachliche Unterstützung als auch die allgemeine Orientierung im überaus komplexen Bildungssystem. Für sogenannte „bildungsferne“ Familien wie auch für neu zugewanderte Familien stellt diese Anforderung eine erhebliche Herausforderung dar. Sie können ihren Kindern schlechthin nicht geben, was sie selbst nicht kennen. Diese Benachteiligung wird jedoch unzureichend thematisiert, geschweige denn adressiert. In diesem Workshop werden mit Blick auf diese Problemlage aktuelle Forschungsergebnisse und pädagogische Ansätze einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Erziehungsberechtigten und Bildungsinstitutionen dargestellt und diskutiert.
Mit:
Dr. Alison Benbow, Humboldt-Universität zu Berlin
Giulia Pesapane, Bundeselternnetzwerk der Migrant*innenorganisationen für Bildung und Teilhabe (bbt)
Sara Karsli, HAW Hamburg
Teilnahme
Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos. Wir bitten um eine Anmeldung bis zum 15. Juni 2026 unter Angabe der zwei gewünschten Workshops.
Zur Anmeldung
BildungsCHANCE (2024 – 2027)
Das übergeordnete Ziel des von Prof. Dr. Louis Henri Seukwa geleiteten Forschungsprojekts ist eine nachhaltige und ganzheitliche Verbesserung der BildungsCHANCEen von Schüler*innen, Studieninteressierten und Studieneinsteiger*innen aus Drittstaaten im Hinblick auf einen erfolgreichen Zugang, Einstieg, Verbleib und Abschluss eines Hochschulstudiums in Deutschland.
Das Projekt BildungsCHANCE der Arbeitsstelle Migration wird gefördert vom Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds AMIF der Europäischen Union.

Arbeitsstelle Migration
HAW Hamburg
Dr. Cornelia Sylla
Steindamm 105, 4. OG |20099 Hamburg
migration (at) haw-hamburg (dot) de
Zur Anmeldung