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Studie zum Thema Desinformation

Alles Fake, oder was?

Die rasante Verbreitung von Falschnachrichten und Desinformation insbesondere während der Pandemie führt zu einer Polarisierung der Gesellschaft. Dies ist eine Erkenntnis der Befragung von über 60 Expert*innen, die Fiete Stegers, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Department Information im Auftrag der Vodafone-Stiftung durchgeführt hat. Wir haben mit ihm über die Einschätzungen der Expert*innen gesprochen und darüber, was gegen Miss- und Desinformation unternommen werden kann.

Grafik zur Infodemie

Bei der Infodemie nützt es nichts, dass jeder allein zu Hause vor seinem Handy oder Laptop sitzt: Die Falschnachrichten verbreiten sich trotzdem rasant.

Einmal vorab: Der beliebte Begriff „Fake News“ wird von den meisten Expert*innen nicht so geschätzt… 
Das ist richtig. Fast alle der professionell mit dem Thema befassten Expert*innen finden den Begriff problematisch oder eher problematisch. Das liegt vor allem daran, dass er oftmals als Kampfbegriff zur Diskreditierung anderer Meinungen verwendet wird, oder um allgemein Medienberichterstattung als unseriös zu kritisieren. Das kennen wir ja vor allem vom ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump. Hinzu kommt, dass der Begriff nach mehrheitlicher Meinung zu unpräzise ist und nicht zwischen vorsätzlicher und unabsichtlicher Falschinformation unterscheidet. Deswegen sprechen wir in der Studie lieber von bewusster Des- oder unabsichtlicher Missinformation oder allgemein von Falschnachrichten.

 

Es gibt einen allgemeinen Eindruck, dass Desinformation und Falschnachrichten in den aktuellen Zeiten der Pandemie zugenommen haben. Bestätigen die Expert*innen diese Einschätzung?
Die Expert*innen unterstreichen das ausdrücklich. Es wird nicht umsonst von einer Infodemie gesprochen, ein Begriff, der unter anderem von der WHO geprägt wurde. Und es gibt gute Gründe für diesen Trend: Die Pandemie schafft eine Ausnahmesituation und sie ist zudem die erste Pandemie im digitalen Zeitalter. Weltweit sind Milliarden Menschen betroffen, es gibt eine unsichere Informationslage und auch der wissenschaftliche Erkenntnisstand ändert sich fast täglich. Das sorgt für eine große Verunsicherung und für Ängste. Und das führt dazu, dass Menschen eher geneigt sind, auch falschen Meldungen Glauben zu schenken. Hinzu kommt, dass Akteur*innen, die bereits vorher im politischen Bereich mit Falschinformationen operiert haben, auf den Corona-Zug aufgesprungen sind, um ihre eigene Agenda zu verbreiten.

Stichwort Infodemie – wie genau verbreiten sich die Falschnachrichten so schnell? 
Die größte Reichweite wird immer noch erzielt, wenn klassische Medien ein Thema aufgreifen. Das kann in unterschiedlicher Weise geschehen: Entweder fallen die Journalist*innen quasi auf die Falschinformation rein. Oder aber sie berichten darüber kursierende Falschinformation, um aufzuklären. Wenn sie dabei nicht aufpassen, birgt das die Gefahr, dass sie genau das Gegenteil bewirken: Wird eine Faschinformation in der Überschrift wiederholt oder nur nur mit einem Fragenzeichen versehen, bleiben beim Publikum oft nur diese Schlagworte hängen. Später heißt es dann, „ich hab doch schon mal gehört…“ ohne die Aussage in den richtigen Kontext zu stellen.

Am häufigsten verbreiten sind nach Erfahrungen der Befragten verzerrende Darstellungen sowie Behauptungen, bei denen Meinungen im Vordergrund stehen, die sich nicht auf Fakten stützen. Auch suggestive Deutungen und Gerüchte können schnell viele Menschen erreichen. Diese können meist ohne größeren Aufwand in Umlauf gebracht werden können, beispielsweise. in Form eines kurzen Text-Postings auf den Social Media-Plattformen.

Die Verfasser*innen von Falschinformationen können darüber hinaus auch selbst versuchen, die Verbreitung durch gezielte Maßnahmen zu verstärken. Dazu kann eine Vernetzung mit anderen Accounts hilfreich sein oder man arbeitet mit unterschiedlichen Scheinidentitäten, also „Fake-Accounts“.

Automatisierte Social Bots spielen aber anscheinend keine so große Rolle?
Richtig, automatisierte Social Bots, die ja eigentlich nur vorhandene Meinungen verstärken können, werden, zumindest in Deutschland, für den am wenigsten wichtigen Faktor gehalten. Und auch sogenannte Deep Fakes, das heißt realistisch wirkende Medieninhalte, wie Fotos, Audio- und Video-Beiträge, die durch Techniken der Künstlichen Intelligenz abgeändert und verfälscht worden sind, spielen auf den Plattformen noch keine Rolle. 

Was ist aus Sicht der Expert*innen die größte Gefahr?
Fast alle Studien-Teilnehmer*innen gehen davon aus, dass Miss- und Desinformation zu einer weiteren Polarisierung der Gesellschaft führen wird – und zwar sowohl weltweit als auch auf Deutschland bezogen. Dazu kommt die Befürchtung, dass sich einzelne Bürger*innen stärker radikalisieren. Interessant ist, dass ältere Menschen nach Ansicht der Befragten deutlich gefährdeter sind als junge Menschen, Opfer von Desinformationskampagnen zu werden. Entscheidend für die Anfälligkeit ist vor allem, ob Menschen der transportierten Botschaft ohnehin zugeneigt sind und sie sich durch sie bestätigt fühlen.

Und lässt sich etwas dagegen tun? Wer steht hier in der Verantwortung?
Ja, unter den Expert*innen herrschte die Meinung vor, dass natürlich in erster Linie die Plattformbetreiber*innen etwas tun müssen und können. Denn sie legen durch die Algorithmen fest, welche Videos oder Beiträge prominent angezeigt werden und welche nicht. Und außerdem müssen sie dafür sorgen, dass zumindest die eigenen Community-Standards und die gesetzlichen Auflagen eingehalten werden. Da hapert es noch in vielen Fällen. Das liegt natürlich vereinfacht gesagt auch an der Zwickmühle der Betreiber*innen, die einerseits aus ökonomischen Gründen eine hohe Klickrate und Verweildauer anstreben, und andererseits mit der Tatsache umgehen müssen, dass eben gerade oft Falschmeldungen zu einer großen Emotionalisierung und damit zu vielen Klicks führen.

Aber müssen nicht zumindest offensichtliche Lügen oder Hasskampagnen gestoppt werden?
Zum Teil werden ja bereits Accounts und Inhalte gesperrt, die strafbaren Inhalt enthalten. Oder es gibt Warnhinweise bei offensichtlichen Falschmeldungen. Das ist natürlich auch nicht ganz unumstritten. Denn die Gegenseite argumentiert damit, dass die Meinungsfreiheit damit eingeschränkt werde. Es steht dann immer die Frage im Raum: Was ist Meinung, was sind Fakten?

Zu beobachten ist eine Abwanderung hin zu den Messenger-Diensten wie WhatsApp und Telegram...
Ja, denn dort wird bislang so gut wie gar nicht reguliert. Insbesondere Telegram hat nach Einschätzung der Expert*innen in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Dort können in privaten, aber auch in öffentlichen Gruppen tausende Nutzer*innen gleichzeitig mit Inhalten erreicht werden, ohne irgendwelche Kontrollmechanismen. Der Umgangston ist hier besonders rau und es gibt noch weniger Hemmschwellen für Verleumdungen und das Verbreiten von Falschmeldungen. Das gilt auch für geschlossene Gruppen bei Facebook.

Die Befragung zeigt auch, dass die Expert*innen auch die klassischen Medien in der Verantwortung sehen. Was können diese konkret machen?
Die Medien können beispielsweise mit den klassischen Faktenchecks versuchen, Sachverhalte richtig zu stellen. Das haben sie zum Teil noch nicht ausreichend gelernt. Denn hier ist Fingerspitzengefühl gefragt: Manchmal erhalten Falschbehauptungen ja erst durch die mediale Aufmerksamkeit ihre Bedeutung. Und so kann es passieren, dass durch eine gut gemeinte Richtigstellung am Ende doch nur der Verschwörungsmythos weitergetragen wird. Zu vermeiden sind beispielsweise Fragenzeichen, die einfach hinter irreführende Aussagen gesetzt werden. Eine klare, sachliche Argumentation ist hilfreicher, am besten mit dem Wahrheits-Sandwich...

...dem Wahrheits-Sandwich?
Ja, damit nicht die Lüge hängenbleibt, sondern die Wahrheit, sollte die Kommunikation laut dem amerikanischen Linguisten George Lakoff in drei einfachen Schritten erfolgen: 
1. Sag zuerst, was wahr ist. 
2. Erkläre dann die Falschmeldung, die Lüge oder die Verschwörungserzählung. 
3. Wiederhole, was wirklich der Fall ist. 
Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende die sachlich richtige Aussage hängen bleibt. 

Bei Fotos, die ja auch oft in einen falschen Zusammenhang gestellt werden, ist es hilfreich, diese Screenshots mit einem Hinweis zu kennzeichnen. Denn ansonsten könnte das Bild weiterhin mit falschen Informationen in Umlauf gebracht werden.

Die Medien sollten aber nicht nur über einzelne verzerrte Darstellungen und Manipulationsversuche berichten, sondern auch über das Gesamtbild berichten: Welche Akteure streuen immer wieder Falschinformationen? Welche Muster wiederholen sich dabei? Wer ist Opfer verzerrender Darstellungen?

Welche Rolle spielen Bildungsprogramme?
Fast alle Befragten halten die Vermittlung von Medienkompetenz durch Bildungsanbieter für sehr wichtig. Bei einer offenen Frage nennt ein Drittel hier explizit die Schulen, in denen sich die jüngere Zielgruppe sehr gut erreichen lässt. Es sollte aber auch Bildungsangebote für andere Altersgruppen geben, insbesondere für ältere Menschen, da diese ja für besonders gefährdet gehalten werden. Für sinnvoll werden auch Fortbildungen von Lehrkräften, Mitarbeiter*innen von Polizei und anderen Behörden sowie von Journalist*innen gehalten.

Vielen Dank für das Gespräch

Interview: Maren Borgerding

Weitere Informationen

Vodafone-Studie "Desinformation in Deutschland"

Impetus 2021: Raunen im Netz

Impetus 2021: Die zweite Pandemie

Wer wurde befragt?

Die befragten Expert*innen haben sich schon seit längerem mit dem Thema Falschmeldungen im Internet beschäftigt und kommen aus unterschiedlichen Bereichen. Zum einen handelt es sich Journalist*innen, die als Faktenchecker täglich mit dem Thema zu tun haben. Außerdem wurden Kommunikations- und Medienwissenschaftler und Psycholog*innen eingebunden. Aus dem zivilgesellschaftlichen Bereich sind beispielsweise Leute befragt worden, die einen Podcast machen, der sich mit Verschwörungstheorien auseinandersetzt oder Menschen, die sich in Initiativen gegen Hass und Hetze im Netz engagieren. Darüber hinaus gab es noch ein paar Jurist*innen und auch zwei Vertreter*innen von Social-Media-Plattformen, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Kontakt

Fiete Stegers
Department Information
Wissenschaftlicher Mitarbeiter

T +49 40 428 75-3694
fiete.stegers (@) haw-hamburg.de

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