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„Das Internet ist das SWIFT der Kryptowährungen“

Volker Skwarek, Professor für Technische Informatik der HAW Hamburg, im Interview über die Bedeutung und Funktion von Kryptowährungen – und inwiefern diese in Russland als Ersatzwährung eingesetzt werden könnten.  

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Kryptowährungen sind Datensätze in verteilten Systemen ohne eine zentrale Aufsicht. Als Zahlungsmittel könnten sie deshalb aktuell für Russland interessant sein.

Herr Skwarek, kurz erklärt: Was sind Kryptowährungen? 
Kryptowährungen sind zunächst einmal keine Währungen, die eine staatliche Kontrolle und eine gewisse Gegenwertgarantie umfassen. Vielmehr handelt es sich um Datensätze in einem verteilten System, die zwischen den Nutzern verteilt und verschoben werden müssen – also gerade ohne eine zentrale Aufsicht. Weil diese Datensätze eine begrenzte Ressource darstellen, messen Nutzer ihnen einen Wert bei und sind bereit, diese zu kaufen. Und wenn ausreichend viele Nutzer diese Datensätze haben möchten, dann entstehen daraus Wechselkurse, Kursschwankungen und Spekulation. Der Wert eines Bitcoins, der beispielsweise 2009 aktiviert wurde, lag 2016 bei circa 400 Euro, während er heute für circa 40.000 Euro gehandelt wird. Die Währung entsteht also durch die Erwartung der Nutzer, dafür in absehbarer Zeit eine Gegenleistung erhalten zu können. Die Stabilitätserwartung gründet sich also eher in der Hoffnung, dass der spekulative Handel mit Bitcoin so weitergeht, als dass ein Wertversprechen eines Staates durch Steuereinnahmen, Goldreserven oder Ähnlichem dahintersteht.

STERN.DE berichtete Ende Februar über die Möglichkeit, dass Russland den Swift-Ausschluss und den Kursverfall des Rubel durch Kryptowährungen umgehen könne. Für wie wahrscheinlich halten Sie das? 
Dies ist grundsätzlich denkbar. Es ist aber aufgrund der Nachrichtenlage sehr schwierig, derzeit konkrete Aussagen darüber zu treffen, inwiefern Kryptowährungen wirklich geplant in Russland eingesetzt werden oder werden sollen. Kryptowährungen wie Bitcoin lassen es über den technischen Mechanismus dahinter zu, überall dort verwendet werden zu können, wo das Internet verfügbar ist. Wie schon gesagt: Es sind nur Daten. Und wenn ich einen Wertgegenstand – zum Beispiel ein Auto, ein Haus, eine Reise – als Leistung empfange, so kann ich das Geschäft, das Hotel, den Makler über das Internet in Kryptowährungen bezahlen. Dieser kann dann die Währungen unter seinem Namen in Geld seiner Region umtauschen. Und wenn man sich regional sogar darauf geeinigt hat, dass Kryptowährungen eine Ersatzwährung sind, dann werden sie gar nicht getauscht, sondern für den nächsten Bezahlvorgang verwendet. Kryptowährungen können also so wie damals Schokolade oder Zigaretten in Deutschland der Nachkriegszeit einen Geldersatz darstellen. In anderen Worten: Das SWIFT der Kryptowährungen ist das Internet. 

Welche Voraussetzungen müssen denn erfüllt sein, um Kryptowährungen wirklich im großen Maßstab einzusetzen? 
Genauso schnell, wie eine Gesellschaft auf Ersatzwährungen wie den Dollar zurückgreift, weil ihre Ursprungswährung durch Inflation entwertet worden ist, können Kryptos genutzt werden, wenn es keine Dollar, Euro oder Sonstiges gibt. Für den internationalen Zahlungsverkehr muss es lediglich Firmen geben, die Bitcoin akzeptieren. Bei ausreichend großen Umsätzen wird das keine echte Hürde sein. Wenn es dann noch eine staatlich legitimierte oder unterstützte Ersatzwährung ist, dann sollte dieser Staat zumindest eine gewisse Regulierung versuchen: So müssen Kryptoumsätze und Vermögen in das Steuersystem eingebunden werden und es darf auch im öffentlichen Verkehr als Alternativzahlungsmittel genutzt werden. Idealerweise werden Spekulationen eingeschränkt, um Kursschwankungen halbwegs zu stabilisieren und ganz nützlich ist es auch noch, den Umtausch in die nationale Währung über Banken zu regeln, um einen Mittelabfluss ins Ausland zu verhindern.

Ist das denn in Russland der Fall?  
Gemäß einer Pressemeldung des russischen Finanzministeriums scheint es eine Einigung zwischen russischen Gesetzgebern und der russischen Zentralbank gegeben zu haben, nach der Kryptowährungen doch als Zahlungsmittel auch im Alltagsgeschäft akzeptiert werden dürfen. Die bisher angestrebte Währungstrennung und zentrale Abwicklung über Banken scheint damit aufgehoben. Dies soll als Gesetzesvorschlag am 18. Februar 2022 durch das Finanzministerium in das Parlament eingebracht worden sein.  

Ende 2021 wurde hingegen noch vorbereitet, dass keine direkten Zahlungen von Exchanges – also Kryptowährungstauschplätzen – per Kreditkarte erfolgen dürfen. Manche Exchanges händigen Kreditkarten aus, mit denen in Geschäften in Landeswährung bezahlt werden kann und im Hintergrund zum Beispiel in Ether – der Kryptowährung von Ethereum – abgewickelt wird. Somit würden die Währungssysteme vermischt und die staatliche Währungskontrolle würde umgangen. Ebenfalls Ende 2021 gab es eine Diskussion darüber, Spekulationen mit Kryptowährungen bzw. Investitionen in Kryptowährungen zu verbieten. So sollten zu starke Kursschwankungen verhindert werden, die entstehen, wenn die lokale Bevölkerung sich sehr stark an Kryptokäufen und -verkäufen beteiligt. Zudem wurden Währungsverschiebungen in den unregulierten Kryptoraum verhindert. Laut russischer Zentralbank soll 2021 das russische Transaktionsvolumen in Kryptowährungen 5 Mrd. USD betragen haben.

Bereits Ende 2020 wurde ein Gesetzesvorhaben in der Duma diskutiert, das es erforderlich macht, auch für Kryptovermögen eine Steuererklärung abzugeben. Anhand dieser Gesetze und Gesetzesvorhaben lässt sich zumindest vermuten, dass die Verwendung von Kryptowährungen als Tausch- oder Zahlungsmittel parallel zum Rubel staatlich akzeptiert ist und auch besteuert wird.

Muss das Thema Kryptowährungen in der europäischen Politik stärker berücksichtigt werden, damit der SWIFT-Ausschluss Russlands Wirkung zeigen kann?   
Generell wird in der europäischen Politik schon sehr gut und umfassend über den digitalen Euro für den lokalen Markt diskutiert. Dies benötigt aber den üblichen legislativen Zeitrahmen – und das ist gut so, da unser derzeitiges Währungssystem ausreichend stabil funktioniert und es nicht durch schwer handhabbare, dezentrale Systeme aus dem Gleichgewicht gebracht werden darf.

Hinsichtlich der Umgehung von SWIFT ist es sehr schwierig: Wenn man nicht gleich den gesamten Internetverkehr sperren oder filtern möchte, was einen erheblichen Eingriff in die Kommunikationsfreiheit bedeuten würde, kann man eigentlich nur die Marktplätze regulieren, die Kryptowährungen in nationale Währungen tauschen. Das stelle ich mir „auf Zuruf“ kaum möglich vor. Und dann wäre ja noch immer der Handel Krypto-Krypto möglich, also dass eine Ware in Ether bezahlt wird und diese Ether weiter zur Zahlung genutzt werden. 

Folglich: Ja, es wäre möglich, die Umgehung von SWIFT zu unterbinden oder zumindest sehr stark zu erschweren und einzuschränken. Dazu müssten sich aber alle an SWIFT beteiligten Nationen genauso schnell darauf einigen, ihre Krypto-Börsenplätze gegenüber russischen Nutzern zu sperren, wie sie gerade andere Sanktionen auf den Weg gebracht haben. 

Interview: Matthias Echterhagen 

Kontakt

Prof. Dr. Volker Skwarek
Department Wirtschaftsingenieurwesen
Professor für Technische Informatik
T +49 40 428 75-6435
volker.skwarek (@) haw-hamburg.de

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