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Computer Science for Future

„Die Zeit ist reif“

Das Department Informatik möchte nachhaltiger werden. Daher arbeiten seit Beginn des Jahres rund 90 Mitstreiter*innen der Initiative „Computer Science for Future“ an einem Prozess, der die Lehre, Forschung und den Transfer umfasst. Was genau soll anders werden? Woher kommt dieses veränderte Selbstverständnis? Wir haben uns angesehen, was bereits an Maßnahmen auf die Beine gestellt wurde.

Engagieren sich für mehr Nachhaltigkeit im Informatik-Studium: Die drei Preisträger*innen des diesjährigen Nachhaltigkeitspreises des Departments Informatik: Mathias Mildenberger, Elina Eickstädt und Judith Pein (vlnr).

An der Fakultät Technik und Informatik haben sich Professor*innen, Studierende und wissenschaftliche Mitarbeiter*innen Anfang des Jahres zur Initiative „Computer Science for Future“, kurz CS4F, zusammengeschlossen. Rund 90 Mitstreitende beschäftigen sich mit der Verantwortung der Informatik in den Bereichen Klima- und Umweltschutz und Nachhaltigkeit, aber auch mit ethischen Fragestellungen wie der Auswirkung von Technologien auf die Gesellschaft.

„Die Zeit ist reif“, sagt Prof. Dr. Julia Padberg, Beauftragte für Nachhaltigkeit im Department Informatik. Was sie meint: Zeit für einen Wandel. Zeit, die Dinge anders zu machen. Die Informatik sei keine Spezialwissenschaft mehr, sondern in der Breite der durchdigitalisierten Gesellschaft angekommen, in der jeder ein Smartphone oder einen Computer besitze, so die Wissenschaftlerin. Umso wichtiger sei die Frage, wie viel Verantwortung jede oder jeder Informatiker*in übernehmen müsse: „Es geht nicht nur darum, dass die Informatik, sich der eigenen Auswirkungen bewusst wird, sondern dass sie tatsächlich zu Lösungen für globale Probleme beiträgt", erklärt Padberg.

Transformationsprozess in Lehre, Forschung und Infrastruktur
Padberg und ihre Mitstreiter*innen möchten das Department Informatik zukunftsfähig machen im Sinne der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Die Weltgemeinschaft hatte im Jahr 2015 einen Fahrplan für die Zukunft verabschiedet und 17 globale Ziele  vereinbart. Diese reichen von „keine Armut“, „kein Hunger“ über „Maßnahmen zum Klimaschutz“ bis hin zu „weniger Ungleichheiten“. Diese Ziele, die so genannten „Sustainable Development Goals“, richten sich nicht nur an alle Regierungen weltweit, sondern auch an die Zivilgesellschaft, die Privatwirtschaft – und eben die Wissenschaft. Dass deren Umsetzung innerhalb der Disziplin der Informatik sowohl schwierig und komplex aber eben auch lohnenswert ist, darüber sind sich Padberg und ihr Team bewusst. Sie sagt: „Dieses Ziel ist anspruchsvoll: sehr umfassend, sehr komplex und auch sehr kontrovers. Deswegen erfordert die Umsetzung einen anpassungsfähigen Transformationsprozess, der Lehre, Forschung und unsere Infrastruktur betrifft. Der Lehre kommt dabei eine besondere Rolle zu, denn unsere Studierenden stellen sowohl das größte innovative Potenzial als auch den größten Multiplikator dar.“

Einige Studierende beteiligen sich bereits aktiv an Aktionen. Matthias Mildenberger studiert beispielsweise im sechsten Semester Angewandte Informatik und ist bereits seit Jahren bei der Bewegung Fridays for Future aktiv. Er engagiert sich nun auch bei „Computer Science for Future“. Mildenberger sagt: „Ich fände es schön, wenn das Projekt Strahlkraft haben könnte in die anderen Departments und Fakultäten hinein. Man kann sich mit fast jeder Fachrichtung für mehr Nachhaltigkeit einsetzen. Das ist ja das Tolle daran.“

Judith Pein steht noch am Anfang ihres Studiums. Sie studiert im zweiten Semester „Informatik Technischer Systeme“. In ihren Augen muss nicht jeder Aktivist zwangsläufig auf Demonstrationen mitlaufen. „Informatiker*innen können durch Technik zum Klimaschutz beitragen. Dazu muss man nicht unbedingt auf die Straße gehen. Das kann man auch von zu Hause aus, indem man neue Programme entwickelt.“

Bereits im vergangenen Semester fanden sechs Wahlpflicht-Veranstaltungen statt, um Studierende zu sensibilisieren in Hinblick auf mehr persönliche Verantwortung in der Informatik. Ab Sommer sollen Teile davon auch in Pflichtfächer übernommen werden. Prof. Padberg glaubt fest daran, dass über die Jahre immer mehr Informatik-Absolvent*innen die HAW Hamburg verlassen mit einem Bewusstsein über die Verantwortung, welche die Informatik in diesem Kontext trägt. Und dass sie dieses als Multiplikator*innen in die Gesellschaft und die Unternehmen tragen und auf diese Weise dort Veränderung bewirken.

Es geht nicht nur darum, dass die Informatik sich der eigenen Auswirkungen bewusst wird, sondern tatsächlich zu Lösungen für globale Probleme beiträgt.

Dr. Julia Padberg, Professorin für Informatik

Menschenrechte im Internet
In einem Blockseminar von Prof. Dr. Martin Becke ging es beispielsweise um die Beziehung zwischen Menschenrechten und Protokollen, welche die Kommunikation im Internet möglich machen. „Menschenrechte im Internet - Can Internet protocols affect Human Rights?“ war der Titel. „Ursprünglich wurde das Internet mit der Idee eines Netzes konzipiert, das im Kern Freiheit und Offenheit in der Kommunikation unterstützt“, so Becke. Doch mit zunehmender Industrialisierung des Internets würden immer mehr Parteien Einfluss nehmen.

Im Seminar betrachteten Becke und seine Studierenden die Beziehungen zwischen Menschenrechten wie dem Recht auf freie Meinungsäußerung oder dem Versammlungsrecht im Zusammenspiel mit Internetprotokollen. „Meine Studierenden haben im vergangenen Semester gelernt, die Beziehung zwischen Protokollen und Menschenrechten aufzudecken, die Entscheidungsträger und ihre Motivation zu identifizieren und ein Bewusstsein zu schaffen für die Beziehung zwischen technischen Möglichkeiten und ihre Auswirkungen auf die Menschenrechte.“

Umweltinformatik – kreative Problemlösungen und Beispiele
Einen Vorgeschmack auf die Arbeit von Umweltinformatiker*innen erhielten Studierende im Bachelor-Seminar von Dr. Ulfia Lenfers und Prof. Dr. Julia Padberg. Umweltinformatiker*innen arbeiten an der Schnittstelle von Informatik, Geografie, Biologie und Ökologie. Sie analysieren und bewerten Umweltsachverhalte mit Mitteln der Informatik - mit Hilfe von Simulationsprogrammen, geographischen Informationssystemen oder Datenbanken. „Unsere Studierenden haben gelernt, mit den Werkzeugen der Informatik Objekte, Strukturen, Regelnetzwerke oder Prozesse auf verschiedenen Skalen und Integrationsebenen zu untersuchen und zu modellieren“. Auf diese Weise finden sie informationstechnische Lösungen, die helfen, natürliche Ressourcen nachhaltig zu bewirtschaften und zu schützen.

Wie moralisch sind Maschinen? – Annäherungen an Maschinenethik   
Wer Lust auf eher philosophische Fragestellungen hatte, konnte sich im Seminar von Dr. Susanne Draheim und Prof. Dr. Jan Sudeikat mit der Maschinenethik auseinandersetzen – ein Forschungs- und Anwendungsgebiet zwischen Informatik, Philosophie und Robotik. Dabei ging es zunächst um die Verständigung über ethische Grundbegriffe und -konzepte wie Tugendethik oder Utilitarismus.

Desweitere betrachteten sie den konzeptionellen Dreischritt: Was ist eine moralische Maschine, wie groß ist ihr potenzieller Handlungsspielraum und wie wird sie gebaut? „Wir wollten uns in der Veranstaltung mit der Frage beschäftigen, was es bedeutet, wenn Maschinen zunehmend autonomer und intelligenter gedacht und konstruiert werden, so dass ihre Aktivitäten zunehmend ethisch relevant werden“ erklärt Draheim. Zudem wurden in den Seminararbeiten der Studierenden erste Anwendungen betrachtet, in denen Maschinenethik bereits zum Einsatz kommt, wie beispielsweise künstliche Intelligenz in der Strafverfolgung, Pflegerobotik oder die Anwendbarkeit des Shintoismus in der Maschinenethik.

Aufklärungsarbeit: Besuch im Stadtteilprojekt
Die Aktivitäten von „Computer Science for Future“ gehen allerdings über die reine Lehre hinaus. Prof. Dr. Martin Becke war mit einigen Studierenden in Billstedt zu Besuch, im Stadtteilprojekt Sonnenland e.V. „Wir haben mit Jugendlichen aus dem Projekt über die Algorithmen hinter Tik Tok und Co. gesprochen“ erzählt Becke. „Es waren tolle Jugendliche und ein tolles Projekt.  Allerdings wurde mir klar: Wir müssen mehr erklären von dem, was wir bauen können oder auch von anderen bauen lassen.“

Informatiker können durch Technik zum Klimaschutz beitragen. Dazu muss man nicht unbedingt auf die Straße gehen. Das kann man auch von zu Hause aus machen, indem man neue Programme entwickelt.

Judith Pein, Informatikstudentin

Projektbegleitender Podcast
Um das Projekt „Computer Science for Future“ zu begleiten und tiefergehende Informationen bereitzustellen, haben Prof. Dr. Martin Becke und studentische Mitstreiter*innen einen Podcast ins Leben gerufen. Hier sprechen wechselnde Hosts unterschiedlichen Akteur*innen aus Hochschule und freier Wirtschaft über die Themen Informatik und Nachhaltigkeit. Hier finden Sie aktuelle Folgen.

Nachhaltigkeitspreis
Das Department Informatik zeichnete Anfang Juli die Studierenden Elina Eickstädt, Matthias Mildenberger und Judith Pein mit dem Nachhaltigkeitspreis des Departments Informatik aus. Sie erhielten ihn für außergewöhnliches Engagement bei den Computer Science for Future. Der Preis ist in Summe mit 1000 Euro dotiert. Die Mittel können von den Studierenden frei für die Ziele der Initiative „Computer Science for Future“ investiert werden.

Text: Tiziana Hiller

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Prof. Dr. Julia Padberg
Department Informatik
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T +49 4042875-8412
julia.padberg (@) haw-hamburg.de

 

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