| Forschung
Krieg in der Ukraine

„Mit TikTok haben wir Quellen aus erster Hand“

Marcus Bösch forscht an der HAW Hamburg zu Desinformationskampagnen in Online-Medien. Als Experte für die Social-Media-Plattform TikTok gibt er jede Woche den Newsletter Understanding TikTok heraus. Wir haben mit ihm über die Bedeutung von TikTok im aktuellen Krieg Russlands gegen die Ukraine gesprochen. Wir wollten von ihm wissen, wie TikTok unsere Wahrnehmung über den Krieg prägt, ob sich das Medium als Recherchemittel nutzen lässt und welche Fallstricke drohen.

Wie wichtig ist TikTok inzwischen für die Recherche von Informationen über den Krieg Russlands gegen die Ukraine?
Vielleicht beantworte ich die Frage mal mit einer Anekdote. Ich habe gerade ein Interview mit einem sogenannten Open-Source-Intelligence-Spezialisten gelesen, der sagte, er finde 95 Prozent der Informationen über die Ukraine bei Twitter, aber dort seien auch immer mehr TikTok-Videos zu sehen. Gerade im Vorfeld des Krieges wurden auf TikTok die russischen Truppen- und Panzerbewegung gefilmt und die wurden dann abgeglichen mit Satellitenbildern. Zusammen hat das zu einem recht guten Lagebild geführt. Das heißt, ganz offensichtlich haben wir mit TikTok Quellen aus erster Hand.

Und wie sieht das jetzt, wo wir uns mitten im Krieg befinden, aus?
Wir bekommen hier Einblicke in einen Alltag im Krieg, die wir sonst nicht hätten. Die meist recht jungen Nutzer*innen posten Videos über das Leben in den verschiedenen belagerten ukrainischen Städten, das Leben im Bunker. Wie kocht man sich beispielsweise einen Kaffee komplett ohne Strom? Und da diese App ja komplett videobasiert ist, ist das alles auch sehr viel eindrücklicher, als wenn ich nur darüber lesen würde. Darüber hinaus gibt es auch noch immer Videos von den Kriegshandlungen und jetzt zunehmend auch aus den Flüchtlingsunterkünften, in Rumänien, in Deutschland. Das ist natürlich sehr spannend, weil wir weiterhin unmittelbar erfahren, wie der Alltag aussieht.
 

Wenn TikTok-User*innen in ihren zerstörten Städten "performen", dann ist das auch eine Art Bewältigungsstrategie, um auf eine ganz dunkle, sarkastische Art klarzumachen, was dieser Krieg bedeutet.

TikTok hat ja eine besondere Ästhetik. Ursprünglich haben meist Kinder und Jugendliche zu Popsongs in sehr kurzen Videos performt und diese dann in Endlosschleife geteilt. Was bedeutet es, wenn jetzt auf diese Weise über einen Krieg berichtet wird?
Die TikTok-User*innen nutzen die speziellen Kulturtechniken dieser App auch bei ihren Videos aus dem Krieg. Wenn zum Beispiel Szenen aus dem Bunker oder aus zerstörten Städten gezeigt werden und dazu „performt“ wird, dann ist das im Grunde auch eine Art Bewältigungsstrategie, um auf eine ganz dunkle, sarkastische Art klarzumachen, was dieser Krieg bedeutet. Und dann zeige ich eben meine Mutter, wie sie im Keller Tomatenmark aus der Tube in das Essen drückt und schreibe dazu, dass sie noch ein bisschen Blut von Putin dazumischt… Das sind auch Mechanismen, um mit dieser drastischen und außergewöhnlichen Situation einen Umgang zu finden.

Für Menschen, die TikTok nicht nutzen, kann das manchmal auch ein bisschen befremdlich wirken…
Absolut! Das ist ein ähnliches Phänomen wie mit den Beatles, als sie das erste Mal im Radio liefen oder als MTV ins Fernsehen kam. TikTok irritiert in gewisser Weise, weil Kulturtechniken angewandt werden, die der Plattform immanent sind und die nicht jede*r kennt. Menschen, die sich mehr auf TikTok bewegen, können diese neue Ästhetik natürlich besser dekodieren.

Aber inzwischen ist TikTok schon auch in den traditionellen Medien angekommen. Die Tagesschau hat einen Account, die Washington Post und viele andere…
Ja! Denn es sind ja inzwischen nicht mehr nur Teenager auf der Plattform unterwegs, sondern sie altert durch. Deswegen haben mittlerweile auch viele Politiker*innen einen TikTok-Account. Ein sehr gutes Beispiel ist Emmanuel Macron, der auf der Plattform auch Selfie-Videos im T-Shirt anfertigt, weil er weiß, dass sich hier zukünftige Wähler*innen aufhalten.

Gerade habe ich den Account mit dem unglaublichen Namen Putin_cool_president gefunden mit so einem Icon, auf dem Putin ein Handy mit der TikTok-App hält. Das ist kein offizieller Account von russischer Seite, aber solche Accounts werden nach gegenwärtigem Kenntnisstand nachweislich oftmals vom russischen Staat bezahlt.

Woran erkenne ich überhaupt, ob es sich um einen offiziellen Account handelt?
Bei TikTok gibt es so wie bei anderen Socia-Media-Kanälen auch einen blauen Haken, der beim Profil angezeigt wird. Bei dieser Kennzeichnung kann man sich ziemlich sicher sein, dass das wirklich auch der von TikTok bestätigte offizielle Account ist. Im Umkehrschluss heißt das allerdings nicht, dass es nicht auch Originalaccounts geben kann, die noch keinen blauen Haken haben. Neben diesen Seiten gibt es außerdem natürlich auch Fanpages zum Beispiel für Selenski (oder Selenskyj) oder Putin. Die beiden selbst pflegen keine präsidialen Accounts. Gerade eben habe ich den Account mit dem unglaublichen Namen Putin_cool_president gefunden mit so einem Icon, auf dem Putin ein Handy mit der TikTok-App hält. Das ist kein offizieller Account von russischer Seite, aber solche Accounts werden nach gegenwärtigem Kenntnisstand nachweislich oftmals vom russischen Staat bezahlt.

Ist TikTok nicht so wie die anderen Sozialen Medien inzwischen in Russland verboten?
TikTok ist einem solchen Verbot zuvorgekommen. Am 7. März hat TikTok zum einen das Hochladen von neuen Videos und das Anfertigen von Livestreams für russische Nutzer*innen unterbunden. Zum anderen können sich russische Nutzer*innen offensichtlich auch keine Videos von ausländischen Accounts mehr ansehen. Dazu hat Tracking Exposed gerade am 15.3. eine 24-seitige Recherche veröffentlicht. Die NGO hatte über VPN (Virtuelles Privates Netzwerk) auf russische Netzwerke zugegriffen und dabei festgestellt, dass die Accounts aus dem Ausland leer waren.

Und wie werden jetzt die russischen Putin-Fanpages gefüllt?
Das funktioniert ebenfalls über VPN. Darüber ist es relativ einfach, auf ein Netzwerk außerhalb Russlands zuzugreifen. Das kann der russische Staat genauso tun wie die russische Bevölkerung. Und es scheint auch tatsächlich zu passieren. Denn die VPN-Download-Zahlen sind in den vergangenen Wochen um ein Vielfaches angestiegen. Ich kann auch beobachten, dass russische Influencer*innen weiter Inhalte posten.

Trotzdem sind die Einschränkungen auf jeden Fall für russische TikTok-Nutzer*innen spürbar. Wie lange das so gehen wird, weiß ich nicht. Ich vermute aber, dass TikTok nicht auf Dauer auf den großen russischen Markt verzichten möchte.

Am Ende des Tages ist TikTok eine rein kapitalistische Unternehmung, bei der es darum geht, Gewinne einzufahren. Und um Werbung zu verkaufen, braucht man viele Leute auf der Plattform. Das gelingt nicht, wenn man flächendeckend und willkürlich Inhalte zensiert.

Spielt es auch eine Rolle, dass TikTok einem chinesischen Konzern gehört?
Das Unternehmen ByteDance sitzt in der Tat in Peking. Aber ich glaube, der chinesische Einfluss auf die Plattform wird in der aktuellen Situation ein bisschen überschätzt. Für den chinesischen Markt gibt es ja eine eigene App, die Douyin heißt. Und man legt von Seiten der ByteDance-Konzernführung großen Wert darauf zu betonen, dass das internationale TikTok nicht aus Peking gesteuert wird. Ob das stimmt, lässt sich schwer überprüfen. Aber zumindest liegen die Daten außerhalb Chinas, es gibt Verantwortliche außerhalb des Landes. Am Ende des Tages ist TikTok eine rein kapitalistische Unternehmung, bei der es darum geht, Gewinne einzufahren. Und um Werbung zu verkaufen, braucht man viele Leute auf der Plattform. Das gelingt nicht, wenn man flächendeckend und willkürlich Inhalte zensiert.

Es gibt also kein gezieltes Shadowbanning?
Es gibt durchaus das Phänomen des Shadowbannings. Wenn ich als Nutzer*in etwas „falsch“ gemacht habe, also gegen die Community Guidelines verstoßen habe, kann ich für die kommenden Videos „geshadowbanned“ werden. Das heißt, der Algorithmus verhindert, dass meine Videos anderen Leuten angezeigt werden. Was eine Beeinflussung durch den Konzern ByteDance betrifft, lässt sich sehr schwer eine Aussage treffen, weil das Unternehmen viel zu intransparent ist.

Die Plattform scheint sich auch gut für Propaganda zu eignen. Warum? Was unterscheidet TikTok beispielsweise von anderen Social Media-Kanälen wie Instagram oder Twitter?
Im Gegensatz zu anderen Social-Media-Kanälen basiert TikTok ganz stark auf Content-Algorithmen. Das heißt, ich muss mir nicht wie bei Twitter oder Instagram erst einen großen Social Circle aufbauen und möglichst viele Follower*innen oder Fans gewinnen, um Einfluss haben zu können. Auf meiner TikTok-Startseite, der For-You-Page, werden von Anfang an Inhalte ausgespielt. Der Content passt sich dann nach und nach auf Grundlage meiner Nutzung an. Auch wenn ich den Account gerade erst angelegt habe, kann auch schon das erste Video, das ich poste, viral gehen, und Hunderttausende erreichen, wenn die Inhalte für viele Menschen interessant sind. 

Ein weiterer zentraler Unterschied: Die Plattform ist deutlich soundgetriebener als andere Kanäle. Das heißt, hier läuft vieles über Sounds und Musiken, die man remixed. Außerdem kann man die auf TikTok erstellten Videos sehr leicht herunterladen und anderswo crossmedial verbreiten. Das hat unter anderem dazu geführt, dass wir jetzt sehr viele TikTok-Videos auch bei Twitter sehen.

Anfällig für Mis- und Desinformationen ist TikTok beispielsweise deshalb, weil es einfach ist, neue Sounds unter ein bestimmtes Video zu legen. Außerdem ist auf der For-You-Page nicht zu erkennen, von wann ein Video ist. Das heißt, Videos erscheinen dort erstmal völlig ohne Kontext. So wurden beispielsweise zu Beginn des Krieges Videos mit lachenden russischen Kampfpiloten angezeigt, die gerade ein paar Sprengsätze abwerfen. Wenn man sich das Video dann aber genauer ansieht, stellt man fest, dass es ein altes Video von einer Truppenübung ist. Oder aber man sieht ein Video mit wackeligen Bildern von einer Frau, die wegläuft. Im Hintergrund hört man Schüsse. Bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass es ein Sound ist, der hinterher hinzugefügt wurde. Aber natürlich gibt es auch jede Menge Fehlinformationen in anderen Sozialen Medien.

Anfällig für Mis- und Desinformationen ist TikTok beispielsweise deshalb, weil es einfach ist, neue Sounds unter ein bestimmtes Video zu legen. Außerdem ist auf der For-You-Page nicht zu erkennen, von wann ein Video ist. Das heißt, Videos erscheinen dort erstmal völlig ohne Kontext.


Wie kann ich Mis- und Desinformationen erkennen?
Mit einem Mindestmaß an digitaler Kompetenz sollte man sich am Anfang immer erst einmal fragen: Wer postet hier was aus welchem Interesse? Gibt es diesen Account schon eine längere Zeit, also auch schon vor dem Krieg? Ist das, was ich hier sehe, stringent? Wenn ich beispielsweise eine Influencerin sehe, die schon vor dem Krieg aus einer bestimmten Stadt berichtet hat und das jetzt weiterhin tut, dann ist das natürlich glaubwürdiger, als wenn der Account gerade vor fünf Minuten aufgesetzt wurde. 

Außerdem sollte man immer überprüfen, wann genau das Video hochgeladen wurde. Das sehe ich nicht direkt auf der For-You-Page, sondern dafür muss ich auf den jeweiligen Account gehen. Und jedem Video ist zudem der Sound angegeben. Und da kann man gegenchecken, ob es der Originalsound ist oder gegebenenfalls ein alter. Nützlich ist weiterhin immer auch ein Blick in die Kommentare, denn inzwischen „debunken“, also entlarven, auch die Nutzer*innen viele Falschinformationen.
 
Die mögliche Videolänge wurde von TikTok Schritt für Schritt erweitert. Jetzt sind bis zu 10-minütige Videos möglich. Ändert sich dadurch die Ausrichtung der Plattform?
TikTok ist mit sehr kurzen Videos gestartet, einfach auch weil sich diese sehr leicht erstellen und konsumieren lassen. Das war quasi Entwicklungsschritt Nummer eins. Jetzt wo das Ganze gut funktioniert, wurde stückweise die Videolänge erhöht. Denn TikTok will die Nummer eins nicht nur auf den vertikalen mobilen Screens sein, sondern Youtube und Netflix auch Konkurrenz auf den querformatigen Screens machen. Es gibt inzwischen Kooperationsvereinbarungen mit Anbietern von Fernsehscreens in Wartebereichen von Ämtern oder Flughäfen. TikTok ist hier ganz klar auf Expansionskurs. 

Zurzeit findet sich auf der Plattform allerdings noch ein wildes Sammelsurium von kurzen und mittellangen Videos. Zehnminütige Videos sind mir bislang noch nicht untergekommen, aber es dauert ja auch meist ein bisschen, bis sich die Nutzer*innen umstellen.
 
Zum Abschluss noch eine Frage zu Ihrer Tätigkeit an der HAW Hamburg. Sie forschen in dem BMBF-Projekt HybriD zu Desinformationskampagnen in Online-Medien. Worum geht es dabei genau?
HybriD ist ein Verbundprojekt mit den Partnern Westfälische Wilhelms-Universität Münster, dort mit dem Institut für Kommunikationswissenschaft und mit dem Institut für Wirtschaftsinformatik, sowie mit dem Unternehmen complexium aus Berlin. Das Ganze schimpft sich „Echtzeiterkennung und Nachweis hybrider Desinformationskampagnen in Online-Medien“. Und worum geht es dabei genau?  Es soll ein softwarebasiertes Analysewerkzeug entwickelt werden, das Expert*innen dabei hilft, Desinformationskampagnen besser einzuschätzen. Das soll durch eine Kombination aus maschineller Analyse und menschlicher Expertise geschehen. Und bei der menschlichen Expertise kommt die HAW Hamburg ins Spiel. Denn wir führen zusammen mit der Universität Münster Leitfadeninterviews mit einer Reihe von Expert*innen und Betroffenen durch, damit deren Erkenntnisse quasi in das Tool zurückwandern können. Das Analysewerkzeug soll es ermöglichen große Datenmengen aus Online-Medien idealerweise in Echtzeit auszuwerten und so zeitliche Muster zu erfassen, damit man Archetypen von Desinformationskampagnen identifizieren kann.

Das klingt nach einem sehr spannenden Projekt! Darüber würde ich mich gerne ein anderes Mal mit Ihnen detaillierter unterhalten. Jetzt auf jeden Fall schon Mal vielen Dank für dieses Interview.
Sehr gern geschehen.

Interview: Maren Borgerding

Kontakt

Marcus Bösch
Department Information
Wissenschaftlicher Mitarbeiter

marcus.boesch (@) haw-hamburg.de

 

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