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Krieg in der Ukraine und die HAW Hamburg

"Wir rücken jetzt noch mehr zusammen"

Zusätzliche Mittel im Projekt “Scholars at Risk” und ein Aufruf an der Fakultät Life Sciences unterstützen ukrainische Wissenschaftler*innen in ihrer aktuellen Situation. Auf diesen Wegen kamen im März zwei Frauen an die HAW Hamburg. Prof. Dr. Vira Liubchenko von der Odesa Polytechnic State University hat einen Lehrauftrag am Department Medizintechnik übernommen. Wir haben sie getroffen und mit ihr über ihre Situation und Gefühle gesprochen.

Prof. Dr. Vira Liubchenko, Professorin am Software Engineering Department in Odesa Polytechnic State University

Prof. Dr. Vira Liubchenko, Professorin am Software Engineering Department in Odesa Polytechnic State University

Liebe Frau Professorin Liubchenko, woher kommen Sie?
Ich komme aus Odesa (Одеса, Anm. d. Red). Auf Ukrainisch wird die Stadt nur mit einem „s“ geschrieben, das ist mir wichtig zu sagen, da das andere die russische Schreibweise ist. Odesa ist eine Millionenstadt am Schwarzen Meer und das administrative Zentrum der Oblast Odesa in der Ukraine. Die Stadt hat knapp über eine Million Einwohner*innen. Ich unterrichte als Professorin an der Odesa Polytechnic State University seit über 20 Jahren das Fach Software Engineering.

Wie geht es Ihnen gerade?
Ich fühle mich gerade sehr seltsam. Ich bin froh in der ruhigen und wunderschönen Stadt Hamburg zu sein. Gleichzeitig unterrichte ich weiterhin online meine Studierenden an der Universität. Einmal kam plötzlich ein Luftangriff, meine Studierende flüchteten in den Schutzraum. Ich wartete zirka 40 Minuten darauf, dass sie wieder zurückkommen und befürchte das Schlimmste. Gottseidank kamen alle zurück in den Chat. Nicht alle meine Studierenden sind noch in Odesa. Einige sind inzwischen in die Ostukraine oder nach Polen geflüchtet. Das alles gibt mir das Gefühl von Unstimmigkeit und innerer Spaltung. Es erscheint mir unwirklich und ich kann noch immer nicht glauben, was da passiert, auch nach sechs Wochen nicht.

Was ist mit Ihrer Familie?
Meine Mutter ist lange vor dem russischen Angriffskrieg gestorben. Ich bin fast froh darüber, denn sie hat den zweiten Weltkrieg erlebt und somit bleibt ihr diese Erfahrung gottseitdank erspart.

Wie kamen Sie an die HAW Hamburg?
Wir Geflüchteten sind auf Facebook organisiert. Dort hatte ich die Seite der HAW Hamburg gefunden und mich gleich per Mail beworben. Ich war vorher schon in Hamburg bei einer Bekannten untergekommen, daher war das für mich günstig. Prof. Petra Margaritoff schrieb mir gleich zurück und wir trafen uns daraufhin auf dem Campus in Bergedorf. Sie bot mir einen Lehrauftrag im Bereich Software Engineering an der Fakultät Life Sciences an, der in der darauffolgenden Woche, am 31. März, schon startete. Ich war vor dem Kurs ein wenig aufgeregt! Eine Präsentation der Kursinhalte und über mich hatte ich vorbereitet , rechnete aber mit vielen Fragen seitens der Studierenden.

Es erscheint mir unwirklich und ich kann noch immer nicht glauben, was da passiert, auch nach sechs Wochen nicht.

Dr. Vira Liubchenko, Professorin am Department Software Engineering der Odesa Polytechnic State University, jetzt Dozentin an der Fakultät Life Sciences

Wie wurden Sie von den Kolleg*innen am Campus aufgenommen?
Ich habe bislang nur einige Lehrende der HAW Hamburg kennengelernt und das war bisher für mich ausgesprochen positiv. Petra Margaritoff hat sofort zurückgerufen, als ich meine Mail schrieb und es war insgesamt eine sehr herzliche Aufnahme.

Haben Sie von Ihren anderen Kolleg*innen aus der Universität gehört? Wissen Sie, wo sie sind und wie es ihnen geht?
Viele sind sicher untergekommen, aber nicht alle. So weiß ich von einem Kollegen, dass er sich in Odesa versteckt und aus dem Fenster die russischen Soldaten auf der Straße sieht. Er hat zwar Essen und Wasser, aber er geht nicht hinaus. Der Kollege ist für die technische Infrastruktur seiner Universität verantwortlich, diese hat er inzwischen in einer Cloud hochgeladen, da auch die Universität angegriffen wird und er die Zerstörung des Servers befürchtet. Ich bin von allen sehr beeindruckt. Sie arbeiten weiterhin für die Universität und unterrichten ihre Studierenden. Sie machen einfach weiter im dem Glauben, dass der Krieg bald vorbei ist und sie normal weiterleben können. Das rührt mich und hilft mir ebenfalls durch die Krise zu gelangen.

Wie schauen Sie in die Zukunft, was sind Ihre Gedanken und Gefühle dabei?
Ich möchte zwischen Hoffen und Glauben unterscheiden. Ich glaube, dass wir alle im September zurück an der Universität in Odesa sind und dass der Krieg vorbei ist. Daher mache ich weiter mit dem was mich als Professorin und Leiterin des Departments für Software Engineering an der Odesa Polytechnic State University gerade beschäftigt. Das ist zum Beispiel die Akkreditierung unserer Studiengänge am Department.

Ich denke dazu, dass wir nach dem Krieg noch mehr als Ukrainer*innen zusammenrücken und das, was wir haben, besser wertschätzen können. Dazu kommt der Zwang durch die Flucht Englisch zu sprechen: Ein Ziel, das wir an unserer Universität schon lange hatten. Hier wirkt der Krieg wie ein Booster, endlich englischsprachig zu werden. Jetzt konzentriere ich mich aber erstmal auf meinen Kurs hier an der HAW Hamburg und bin froh, arbeiten zu dürfen. Das gibt mir das Gefühl nützlich zu sein und auch der Ukraine und einer guten Sache zu dienen. 

Interview: Katharina Jeorgakopulos (auf Englisch geführt und übersetzt)

Kontakt

Fakultät Life Sciences
Department Medizintechnik
Dozentin Prof. Dr. Vira Liubchenko
Professorin für Software Engineering
vira.liubchenko (at) haw-hamburg (dot) de

 

 

 

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