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Corona-Pandemie

Wie geht es den Studierenden?

In Vorlesungen sitzen, der Mensabesuch mit Freunden, Lerngruppen in der Bibliothek, Hochschulsport und WG-Partys – all das gehört eigentlich zum Studium dazu. Doch seit Beginn der Corona-Pandemie ist an einen normalen Hochschulalltag kaum zu denken. Das hat auch Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Studierenden.

Studentin mit Maske auf dem Campus Berliner Tor, 2020

Viele Studierende empfinden ihr Studium aktuell als stressig und belastend.

Eigentlich sollte es ein normales Abschlusssemester werden, ein paar letzte Kurse, das Pflicht-Praktikum und die Bachelorarbeit. Doch von dieser „Normalität“ ist Sabine Krauß dieser Tage weitentfernt. Statt im Hörsaal oder der Bibliothek zu sitzen, statt im Labor zu stehen, studiert die 23-jährige Ökotrophologie-Studentin meistens in ihrer kleinen Hamburger Wohnung. Tag für Tag am Laptop, Seminare und Vorlesungen am Schreibtisch. Nach neun Monaten Studium im Corona-Modus hat sich eine gewisse Routine eingestellt. „Ich habe mir feste Zeiten für die Seminaraufgaben geschaffen und einen eigenen Stundenplan zusammengestellt. Außerdem habe ich dieses Semester einige Video-Vorlesungen, in denen man sich aktiv beteiligen kann“, berichtet sie.

Auch der Ausgleich zum Studium gelinge ihr immer besser. Im März und April sah das noch ganz anders aus. Überrascht vom Lockdown und kaum auf komplett digitale Lehre vorbereitet, reagierten viele Dozent*innen mit einem Mehr an Aufgaben. Unter hohem Druck mussten sie Lösungen finden und die Lehre komplett auf Online umstellen: Power-Point Präsentationen statt Referate, Hausarbeiten statt Prüfungen, viele Hausaufgaben in der Hoffnung, den eigenen Studierenden etwas mehr Struktur im Alltag zu geben. Als sehr stressig und belastend bezeichnet Krauß die Zeit des ersten Lockdowns. „Wir mussten uns mit der neuen Studiensituation arrangieren, dazu kam die große Ungewissheit, wie und wann es normal weitergeht.“

Die Pandemie nagt an der Psyche

So wie ihr ging und geht es vielen Studierenden in der Corona-Pandemie. Der Virus und seine Auswirkungen sind im Alltag omnipräsent. Der Tag beginnt mit neuen, erschreckenden Meldungen zu steigenden Infektionszahlen und überfüllten Intensivstationen. Soziale Kontakte sind auf ein Minimum beschränkt, die meisten Kommilitonen sieht man nur im Video-Chat. Viele sorgen sich um Angehörige und Freunde, die selbst zur Gruppe der Risikopatienten zählen. Dazu kommt die Unsicherheit über die berufliche Zukunft – kann ich einen Master in einer anderen Stadt beginnen, bekomme ich einen Platz für mein Fachpraktikum, wie soll der Berufseinstieg in der Krise gelingen?

Studien zeigen, dass Ängstlichkeit, Hoffnungslosigkeit und Depressivität seit der Pandemie zugenommen haben – nicht nur, aber auch bei Studierenden. Laut einer Befragung der ETH Zürich sind dabei besonders Studierende gefährdet, die alleine wohnen oder sich in der neuen, großen Stadt noch kein soziales Netzwerk schaffen konnten. Frauen leiden unter Kontaktbeschränkungen stärker als Männer. Ein einfacher Grund: Sie haben oftmals einen größeren Freundeskreis und treffen sich häufiger mit ihren Freund*innen. Umso belastender ist für sie ein Herunterfahren des sozialen Lebens. Ein großes Dilemma dieser Pandemie: Normalerweise sind genau diese sozialen Kontakte, das Zusammensein mit den Freunden, die Umarmung der besten Freundin, ein guter Weg, die eigene psychische Krise zu lindern und schwere Gedanken aufzufangen.

Die Struktur des Alltags bricht weg

Dass die Corona-Pandemie an unseren psychischen Grundbedürfnissen kratzt, beobachtet auch Alla Bogdanski seit Anfang März. Die Psychologin und Verhaltenstherapeutin ist psychologische Beraterin in der Studienberatung der HAW Hamburg. „Der größte Einschnitt für Studierende ist der Wegfall der Struktur und Sicherheit. Das trifft vor allem die Studienanfänger*innen“, sagt sie. Frisch von zu Hause ausgezogen, würden ihnen noch die sozialen Kontakte in der fremden Stadt fehlen, auch die Selbstorganisation falle ihnen oft schwer. Normalerweise gibt ihnen die Hochschule die Struktur des Tages vor – durch Vorlesungen und Seminare, durch Lerngruppen und durch Angebote wie Sport, Sprachtandems oder die Arbeit im Fachschaftsrat.

 

Ohne die Sicherheit und den Halt einer Tagesstruktur kann es uns schon einige Überwindung kosten, nicht den ganzen Tag im Bett zu bleiben und Netflix zu schauen.

Alla Bogdanski, Studienberaterin

Der soziale Austausch findet gerade am Anfang des Studiums vor allem auf dem Campus statt. Hier findet man neue Freunde, hier trifft man immer jemanden zum Reden, Mittagessen oder Lernen. Das alles fiel im ersten Lockdown und Sommersemester 2020 weg. Viele Online-Vorlesungen haben keine festen Zeiten, Klausuren werden durch Hausarbeiten ersetzt. „Wir sind soziale Wesen, ohne den Austausch mit anderen, ohne die Sicherheit und den Halt einer Tagesstruktur, kann es uns schon einige Überwindung kosten, nicht den ganzen Tag im Bett zu bleiben und Netflix zu schauen“, sagt Bogdanski. Dazu kommt noch der begrenzte Wohnraum in einer teuren Stadt wie Hamburg. Für viele Studierende spielt sich der größte Teil des Tages auf 15 bis 20 Quadratmeter ab. Eine Erfahrung, die auch Sabine Krauß gemacht hat. „Gerade im April war ich viel allein. Das war schon sehr belastend für die Psyche“, berichtet die 23-Jährige. Sport, sonst ein wichtiger Ausgleich, war nicht mehr möglich, mit Freunden telefonierte sie nur noch, dazu die hohe Arbeitsbelastung.

In der CamPuls-Kompetenz-Werkstatt finden Studierende Rat und Hilfe zu Themen rund um die Studierendengesundheit.

Studierende begleiten mit Ideen und Gesprächsangeboten

An der HAW Hamburg versuchte man schnell auf die psychische Belastung der Studierenden zu reagieren. Seit Mitte März bieten Bogdanski und ihre Kolleg*innen alle Beratungsangebote auch digital an. In den offenen telefonischen Sprechstunden und den Gesprächen können die Studierenden ganz offen über ihre Sorgen und Ängste sprechen. Seit dem Frühjahr wird dieses Angebot stärker wahrgenommen als sonst. Um diesen Bedarf persönlich und nicht nur digital aufzufangen, gibt es inzwischen wieder Beratungen an der Hochschule – mit Abstand und Masken, zwischen den Terminen werden die Räume gut gelüftet. Ein weiterer Bestandteil der Präventionsarbeit ist CamPuls. Dieses Projekt zur Studierendengesundheit wurde schon vor Corona gestartet und liefert nun über die hochschuleigene Lernplattform Impulse zum Thema Ernährung, Bewegung und Stressbewältigung im Alltag – zum Beispiel in Form von gesunden Rezepten zum Selberkochen oder durch kleine Fitness-Übungen.

Auf dem Instagram-Kanal von CamPuls gibt es Tipps für gesunde Ernährung oder eine bewegte Pause in der Online-Lehre. Außerdem werden auch die Lehrenden auf das richtige Maß an Aufgaben und für den Austausch mit den Studierenden sensibilisiert. Themen wie Motivation oder Selbstorganisation werden nun stärker aufgegriffen – durch Seminare oder Informationen, um die Gesundheitskompetenz Studierender nachhaltig zu stärken und auszubauen. „Natürlich lässt sich durch digitale Angebote das soziale Miteinander auf dem Campus nur bedingt ersetzen“, sagt Bogdanski. Umso wichtiger sei es, weiterhin Ideen zu entwickeln, wie der persönliche Austausch als zentraler Bestandteil des Hochschullebens unter Hygiene-Bedingungen gelingt. Dazu gehört zum Beispiel die eingeschränkte Öffnung der Bibliothek oder eine Mischung aus Präsenz-Terminen und Online-Vorlesungen wie es im so genannten „Hybridsemester“ gerade an der HAW Hamburg umgesetzt wird. Natürlich immer mit Masken, Abstand und viel Vorsicht.

Doch wie wird der Winter?

Sabine Krauß hat längst ihren eigenen Rhythmus gefunden. Sie hat sich einen eigenen Stundenplan geschrieben, mit festen Tagen für einzelne Kurse. Außerdem hat sie sich neue Aktivitäten gesucht, um die Tage sinnvoll zu füllen und für Ausgleich und Ablenkung zu sorgen – abseits von Zoom-Vorlesungen, Hausarbeiten oder Streaming-Dienste. Sport macht sie nun zuhause in der eigenen Wohnung, oft mit Videos aus dem Internet. „Ich habe meine Leidenschaft fürs Musikmachen neu entdeckt. Außerdem treffe ich mich wieder mit ganz engen Freunden, draußen, zum Spazierengehen und mit Abstand“, sagt sie. Mit der Familie und Freunden aus der bayerischen Heimat telefoniert sie regelmäßig per Video. Auch wenn sie die „Unbeschwertheit“ des Sommers – mit Café-Besuchen und Treffen im Park – vermisst, fühlt sich die 23-Jährige insgesamt ganz gut gewappnet für den langen Winter und den zweiten Lockdown. Nur zwei Dinge bereiten ihr noch größere Sorgen: Wie wird das diesjährige Weihnachtsfest mit der Familie aussehen? Und kann sie ihr Pflichtpraktikum im Januar oder Februar antreten? Bisher hat sie noch keine finale Zusage. Die meisten Unternehmen sind Corona-bedingt sehr zurückhaltend. „Ich hoffe, dass sich das noch ändert“, sagt Sabine Krauß.

 (Text: Birk Grüling)

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