| Forschung
AniTa - Angehörige im Tausch

Mehr Austausch

Rund 75 Prozent von den insgesamt 3,5 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden von Angehörigen versorgt. Damit ist die Familie der "größte Pflegedienst" - AniTa kümmert sich um Unterstützung für pflegende Angehörige.

Wie helfe ich einem entfernt lebenden Angehörigen. AniTa schafft hier Abhilfe.

Die Online-Plattform AniTa vermittelt Hilfe für unterstützungsbedürftige Familienmitglieder. Es geht um Austausch und Kommunikation.

Die vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen geförderte und unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Busch initiierte Tauschbörse „AniTa – Angehörige im Tausch“ schuf ein Angebot für entfernt lebende erwachsene Kinder und ihre unterstützungsbedürftigen Angehörigen. Drei Jahre lang forschte ein Projektteam am Department Pflege und Management zu dem Thema. Nun wechselt das Projekt zu dem Träger „Viva FamilienService GmbH“. Wie die Zukunft von AniTa aussehen soll, darüber haben wir mit Violetta und Antonia Reimelt vom Viva FamilienService gesprochen:

Frau Reimelt, wie kam der Kontakt zur HAW Hamburg und zum Projekt AniTa zustande?
Violetta Reimelt: Eine Mitarbeiterin von uns hatte das Projekt im Internet gesehen und wir fanden das Thema interessant. AniTa ist ein sehr gutes Werkzeug für die „Pflege auf Distanz“. Wir haben daraufhin das AniTa-Team kontaktiert und erfuhren, dass das Projekt gerade zu Ende geht. Unsere Anfrage kam also gelegen.

Bleibt die Kernidee von AniTa, der „Aus-Tausch der Fürsorge, um räumliche und zeitaufwendige Distanzen zu überwinden“, nach dem Transfer erhalten?
Antonia Reimelt: Wir möchten den Begriff „Aus-Tausch“ komplexer fassen und verstehen diesen auf unterschiedlichen Ebenen. Es geht uns hier auch um den menschlichen Austausch neben der ehrenamtlichen Tätigkeit der praktischen Fürsorge.

So haben wir vor, ein Forum zu schaffen, in dem sich Menschen von entfernt lebenden älteren Angehörigen miteinander intensiv besprechen können. Wir möchten dieses Forum über Soziale Netzwerke wie „Facebook“ in geschlossenen, geschützten Gruppen anbieten. Unsere Rolle dabei ist die Moderation dieser Gruppen als Expertinnen und Ratgeberinnen. Wir möchten hier unsere Erfahrungen mit pflegebedürftigen Angehörigen einbringen. Daher verstehen wir den Begriff „Aus-Tausch“ nicht nur als Matching-Prozess, sondern auch als inhaltlichen und vertraulichen Austausch mit anderen. Dabei sollen natürlich die strengen Datenschutzbestimmungen beachtet werden. . In diesem Sinne werden wir AniTa mit dem gleichen Kerngedanken neu aufbauen und erweitern.

Wer sind die Zielgruppen, wer soll an AniTa teilnehmen und das Angebot nutzen?
Violetta Reimelt: Ich möchte eigentlich im Fall AniTa nicht mehr von „pflegebedürftigen Angehörigen“ sprechen, sondern von „Eltern-Kümmerern“. Daher nutzen wir lieber das sperrige amerikanische Wort „Distance Care-Giving“.

In der Regel werden wir angerufen, wenn es schon zu spät ist und die Eltern, der alleinstehende Vater oder die dementielle Mutter, zu Pflegefällen geworden sind. Wir wollen aber früher angerufen werden, wenn erste Defizite erkennbar sind und die betroffene Person noch vor der Pflegebedürftigkeit ist. 
Denn der „Tausch von Angehörigen“ sieht keine explizit pflegerischen Maßnahmen vor, sondern meint ein Kümmern, eine Fürsorge für den älteren Menschen, was zum Beispiel Einkäufe, Spaziergänge, regelmäßige Anrufe impliziert.Gerade eine potenzielle Pflegebedürftigkeit verschreckt mögliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sich bei AniTa anzumelden. Sie haben Angst in eine schwierige Situation zu kommen, der sie nicht gewachsen sind, und Angst vor zu viel Pflege. Und umgekehrt möchte ein älterer Mensch sich eventuell auch keinen Fremden ins Haus holen. Diese Erfahrung wurde auch während der Projektphase gemacht.

Antonia Reimelt: Es handelt sich bei AniTa ja um keinen Algorithmus, der die Personen zusammenbringt und „matched“. Sondern wir müssen mit den Menschen sprechen und deren Bedürfnisse kennenlernen, auch um mögliche Vorbehalte abzubauen. Das bedarf vieler Gespräche. Ein wirklicher Mehrwert entsteht erst, wenn man die Menschen dort abholt, wo sie stehen. Das verstehen wir unter einer nachhaltigen Lösung mit einem Qualitätsanspruch. Wir stehen hier ja auch in der Verantwortung!

AniTa ist also das Gegenteil von „Hands-on-Pflege“?
Violetta Reimelt: Der Begriff „Hands-on-Pflege“ suggeriert genau das Gegenteil von dem, was AniTa will. Daher nutzen wir den englischen Begriff „Care“, was „sich kümmern“ heißt. Andere nordeuropäische Länder sind uns deutlich vorausHier sind diese Begriffe häufig schon in der Praxis umgesetzt. Kümmern bedeutet eben auch, sich „emotional zu kümmern“.

Die Globalisierung wie auch die moderne Erziehung zur Eigenverantwortlichkeit sorgen dafür, dass immer mehr Kinder woanders leben und sich nicht mehr selbst unmittelbar um ihre Eltern kümmern können. Genau diese Gruppe steht bei uns im Fokus. „Kümmern auf Distanz“ kann dafür sorgen, dass ihre Eltern länger zu Hause selbständig leben, bevor sie gegebenenfalls Pflegeeinrichtungen nutzen müssen. Daher meinen wir, dass wir mit diesem Angebot eine Lücke schließen.

Bleibt der Tausch-Gedanke von AniTa bestehen oder verändert sich das Matching in der Zukunft?
Violetta Reimelt: Das bisherige Verständnis von Tauschen basiert auf dem Grundgefühl „Geben und Nehmen“. Das möchten wir in Zukunft erweitern.

Antonia Reimelt: Die Anmeldung läuft über die Website von AniTa. Jemand meldet sich und bietet seine Hilfe vor Ort an. Normalerweise hätte diese Person dadurch einen Anspruch, dass auch ein eigenes Familienangebot an einem anderen Ort eine Unterstützung erhält. Wir wollen diesen direkten Austausch nun erweitern, da auf diesem Weg genügend Matches eher unwahrscheinlich sind, und sich die Idee der Börse in der Praxis nicht realisieren lässt. Unser Ziel ist es daher, sie zu öffnen, auch um genügend Traffic auf die Seiten zu bekommen.

Nicht jede Person, die sich für eine ehrenamtliche Tätigkeit meldet, hat jemanden –  und noch dazuan einem Ort, wo es ebenfalls ein Hilfsangebot gibt –, der versorgt werden soll. Daher würden solche Personen, die AniTa ihre Hilfe anbieten, durch die Maschen fallen, was gelinde gesagt echt schade wäre! Wir haben gerade in der Corona-Pandemie gesehen, dass zum Beispiel Nachbarschaftshilfe ohne Gegenleistung gut funktioniert. So haben wir über die Möglichkeit nachgedacht, zeitversetzt Hilfe zurückzugeben. Also jemand sorgt sich vor Ort um einen älteren Angehörigen. Dafür hat er oder sie Jahre später Vorrang, wenn es darum geht, jemanden vor Ort zu vermitteln, die dann für diese Person die Betreuung übernimmt. Man kann so etwas auch über ein Punktesystem regeln; man sammelt Punkte und löst sie später wie einen Kredit bei AniTa wieder ein. So bleibt der Tausch-Gedanke erhalten, ohne dass ein Match an den engen Voraussetzungen scheitert.

Noch eine letzte Frage an Sie als Pflege-Expertinnen: Wie beurteilen Sie die Aussage, dass die „Familie der größte Pflegedienst Deutschlands“ ist?
Violetta Reimelt: Von derzeit 3,5 Millionen älteren pflegebedürftigen Menschen werden rund 75 Prozent zu Hause von der Familie versorgt. Viele davon nutzen zusätzlich noch einen Pflegedienst, der wesentliche Handgriffe am Tag in maximal zweimal 15 Minuten verrichtet. Den Rest des Tages, also die verbleibenden 23 Stunden, versorgt die Familie den Angehörigen. Meist lastet die Arbeit auf den Schultern der Frauen. Viele Frauen versorgen während der Erziehung ihrer pubertierenden Kinder auch ihre Eltern und ihre Schwiegereltern – eine Mammutaufgabe!

Antonia Reimelt: Das nennt man auch die „rush hour of life“, wo alles zusammenfällt und die Frauen Hausfrau, Mutter und die Familien-Kümmerer sind. Heute wird zwar die Erziehungszeit auf die Rente von Frauen angerechnet, aber für familiäre Pflegetätigkeiten gibt es nur einen kleinen Zuschuss zu den Rentenbeiträgen – und auch das nur unter bestimmten Voraussetzungen. Frauen dürfen sich zwar beruflich für familiäre Pflegetätigkeiten freistellen lassen, erhalten aber für ihre Betreuungsleistung kein Geld beziehungsweise nur einen minimalen Rentenausgleich, also keinen Eins-zu-eins-Ersatz. Hier ist noch viel Luft nach oben und die Diskussion um die Gleichstellung von Frauen noch lange nicht zu Ende geführt.

Bleiben Sie mit der HAW Hamburg in Kontakt?
Violetta Reimelt: Unbedingt! Die Erfindung dieses spannenden Projekts AniTa ist eine tolle Leistung und wir spiegeln unsere Erfahrungen in der Praxis gerne an das Wissenschafts-Team zurück.

Liebe Familie Reimelt, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Interview: Dr. Katharina Jeorgakopulos

Weitere Informationen:

Hier geht es zum Projektbericht AniTa

www.viva-familienservice.de

 

Kontakt

Viva FamilienService GmbH
Violetta Reimelt, Geschäftsführung
Paul-Ehrlich-Straße 22 / D1
63322 Rödermark

HAW Hamburg
Fakultät Wirtschaft und Soziales
Department Pflege und Management/Competence Center Gesundheit (CCG)
Projekt „AniTa – Angehörige im Tausch“
T +49.40.428 75-7230
anita-familie (@) haw-hamburg.de

x