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„POMIKU“ - Postmigrantische Familienkulturen

Familien in der Lenzsiedlung

In dem Forschungsprojekt „Postmigrantische Familienkulturen“, kurz POMIKU, haben sich Familienwissenschaftler*innen der HAW Hamburg vier Jahre mit dem Zusammenleben von Familien, vielfältigen Kulturen, Wünschen und Bedarfen der Bewohner*innen in der Lenzsiedlung auseinandergesetzt. Bei einer Onlinetagung Ende Februar wurden Ergebnisse präsentiert und der Blick in die Zukunft gerichtet.

Die Lenzsiedlung wurde in den 1970er-Jahren erbaut und ist eine, der am dichtesten bewohnten Siedlungen in Deutschland. Über 70 Prozent der Bewohner*innen haben einen migrantischen Hintergrund, der Anteil an Familien liegt bei über 30 Prozent.

In der Großwohnsiedlung in Eimsbüttel leben viele Familien aus über 60 Nationen. Das sind gute Voraussetzungen, um zu untersuchen, wie sich kulturell unterschiedliches Familienleben zum Beispiel auf den sozialen Zusammenhalt und das Zusammenleben im Quartier auswirken.

Das Verbundprojekt, bestehend aus der HAW Hamburg, der Universität Hamburg und dem Lenzsiedlung e.V., profitierte während der gesamten Projektlaufzeit 2018 - 2022 vom Bürgerhaus des Vereins, das zentral auf dem Gelände der Lenzsiedlung liegt. Die Forscher*innen nahmen an Veranstaltungen teil und bekamen so Kontakt zu den Bewohner*innen. Sie waren präsent, hatten die Möglichkeit, das Projekt vorzustellen und Vertrauen zu gewinnen. „So konnten wir bereits viele Interviewpartner*innen gewinnen. Schwieriger war es, Kontakt zu den Bewohner*innen zu bekommen, die nicht aktiv im Bürgerhaus waren“, erklärt Dr. Astrid Wonneberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Projekt.

Erste Versuche, über gemeinsame Aktionen mit dem Lenzsiedlung e.V. im Innenhof der Lenzsiedlung mit weiteren Bewohner*innen in Kontakt zu kommen, waren zwar erfolgreich, mussten aber aufgrund der Corona-Pandemie später eingestellt werden. Dies galt auch für den Plan, an Haustüren zu klingeln. Stattdessen disponierte das Team in der zweiten Projekthälfte um und verschickte an die rund 2000 Bewohner*innen den Aufruf, an einer schriftlichen Befragung  teilzunehmen.

 

Wir haben offene und wertschätzende Fragen gestellt. Die Menschen sind sehr aufgeschlossen und haben Lust, von ihrem Leben in der Siedlung zu erzählen.

Dr. Sabina Stelzig, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei POMIKU

Doch einige Interview konnten auch im Freien, per Telefon oder über das Internet persönlich durchgeführt werden. „Wir verfolgen keinen problemorientierten Ansatz, sondern haben vielmehr offene und wertschätzende Fragen gestellt. Unsere Erfahrung ist, dass die Menschen grundsätzlich sehr aufgeschlossen sind und Lust haben, von ihrem Leben in der Siedlung zu erzählen“, sagt Dr. Sabina Stelzig, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin bei POMIKU. „Sie waren meist sehr freundlich und interessiert an unserem Vorhaben.“

Ein schönes Beispiel ist für nachbarschaftlichen Zusammenhalt sind Eltern unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters in dem Viertel. Es gibt eine große Solidarität besonders unter den Müttern, die sich gegenseitig unterstützen und austauschen. „Hier werden die Vorteile einer dicht besiedelten Wohnsiedlung deutlich: Die Wege sind kurz, so dass es leicht und spontan für Bewohnerinnen und Bewohner, vor allem auch für Kinder ist, sich zu treffen. Es gibt außerdem viele Grünanlagen, Spielplätze und Bänke, die zum Treffen einladen. Das befördert die Entstehung von Nachbarschaftsnetzwerken. Das ist eine riesige Ressource“, fasst Astrid Wonneberger zusammen.

„Werte und Wertewandel in der postmigrantischen Gesellschaft“ - Herausgeberband im Rahmen der BMBF-Förderline „Migration und gesellschaftlicher Wandel“

Das Projekt POMIKU wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in der Förderlinie „Migration und gesellschaftlicher Wandel“ mit über einer Million Euro gefördert. Im Zentrum der Förderlinie steht die Frage nach den Folgen von Migration für die deutsche Gesellschaft. Einwanderung wird in Deutschland zwar mittlerweile mehrheitlich als gesellschaftliche Normalität anerkannt, stellt die Gesellschaft aber auch vor große Herausforderungen. In diesem Zusammenhang haben sich einige der geförderten Projekte miteinander vernetzt und auf einem von der HAW Hamburg organisierten Workshop zu ihren Erkenntnissen zu den Themen Werte-, Normen- und Einstellungswandel in unserer Gesellschaft ausgetauscht. Im Frühjahr 2022 wird ein Sammelband  mit dem Arbeitstitel „Werte und Wertewandel in der postmigrantischen Gesellschaft“ mit Beiträgen aus dem Workshop und einem Teil der Projektergebnissen erscheinen, Herausgeber*innen sind Astrid Wonneberger, Sabina Stelzig, Diana Lölsdorf und Katja Weidtmann aus dem POMIKU-Projekt. Sie konnten in der Projektphase auch weitere Veröffentlichungen realisieren, unter anderem sind mehrere Beiträge in der Fachzeitschrift des Departments Soziale Arbeit der HAW Hamburg standpunkt: sozial entstanden.

Abschlusstagung „Postmigrantische Perspektiven auf Familie“

Am 28. Februar und 1. März 2022 organisierte das Team der HAW-Hamburg die Abschlusstagung  des Projekts unter dem Motto „Postmigrantische Perspektiven auf Familie“. Hier präsentierte POMIKU zentrale Forschungsergebnisse, darunter zum Beispiel Resultate der Familienleitbildforschung, einer Netzwerkanalyse der Bewohnerschaft sowie Ergebnisse aus der linguistischen Forschung.

Dieser Austausch zeigte uns, wie relevant und aktuell unsere Projektergebnisse sind, vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um die postmigrantische Gesellschaft.

Dr. Astrid Wonneberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei POMIKU

Ergänzt und in einen nationalen und internationalen Kontext gesetzt wurden die Projektergebnisse auch durch Vertreter*innen aus Wissenschaft und Praxis, die als externe Expert*innen aus ihren eigenen Forschungen und Arbeitsbereichen zu den Themenfeldern „die postmigrantische Gesellschaft“, „Familie, Migration und Gender“, „Großwohnsiedlungen“ sowie „Quartiersarbeit“ berichteten.

„Dieser Austausch zeigte uns, wie relevant und aktuell unsere Projektergebnisse sind, vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um die postmigrantische Gesellschaft. Vertiefend diskutieren konnten wir unsere Ergebnisse in den Transferwerkstätten, die an den beiden Nachmittagen der Tagung stattfanden", sagt Wonneberger.

Auch dank des Online-Formats der Tagung kamen die rund 100 Teilnehmenden nicht nur aus Hamburg und Umgebung, sondern aus der gesamten Republik sowie Österreich und der Schweiz. Sowohl im Anschluss an die Vorträge der externen Referent*innen als auch in den Transferwerkstätten beteiligten sich viele Teilnehmende mit Frage- und Redebeiträgen und trugen so zu einer lebendigen und spannenden Veranstaltung bei.

Text: Britta Sowa

 

Das Projektteam an der HAW Hamburg

Vater-Mutter-Kind oder was ist Familie?

Das Projekt POMIKU ist an der HAW Hamburg am Department Soziale Arbeit angesiedelt und eng mit dem weiterbildenden Master „Angewandte Familienwissenschaften“ (M.A.)  verknüpft. Dieses Studienprogramm qualifiziert Fach- und Führungskräfte für berufliche Tätigkeiten im Familienkontext. Er ist berufsbegleitend, interdisziplinär und im deutschsprachigen Raum einzigartig. Ob alleinerziehende Mütter und Väter, Patchworkfamilien oder Familien mit unterschiedlichen Religionen und kulturellen oder auch queeren Hintergründen – Familie hat sich gewandelt und ist heute viel diverser als noch vor einigen Jahren. Damit hat sich auch die Arbeit für diejenigen geändert, die zum Beispiel in der Familienhilfe oder der Kinder- und Jugendhilfe tätig sind. Der Masterstudiengang greift diese sich stets weiter verändernde Vielfalt von Familien auf und beleuchtet sie fünf Semester lang unter anderem aus der Perspektive von Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Politik, Ökonomie und des Rechts.

Bislang konnten an der HAW Hamburg vier Jahrgänge von Familienwissenschaftler*innen ausgebildet werden, die nächste Gruppe soll zum Wintersemester 2022/23 ihr Studium aufnehmen. Der Studiengang erfreut sich einer stabilen Nachfrage von Interessent*innen aus ganz Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland sowie einer zunehmenden Bekanntheit unter Arbeitgebern. Dies verdeutlicht zum einen die große Bedeutung der Familie für verschiedene soziale Arbeitsfelder und zum anderen die hohe Relevanz qualifizierter wissenschaftlicher Weiterbildung für die Praxis. „Wir freuen uns sehr darüber, dass die HAW Hamburg mit dem interdisziplinären Studienprogramm auch in Zukunft die Möglichkeit bieten wird, Familienwissenschaften zu studieren,“ erklärt Stelzig. Dies wird dazu beitragen, die Implementierung von Familienwissenschaft als wissenschaftliche Disziplin in Deutschland weiter voranzutreiben und den Forschungsgegenstand „Familie“ auch an der HAW Hamburg noch fester zu verankern.

Kontakt

Prof. Dr. Katja Weidtmann
Department Soziale Arbeit
T +49 40 428 75-7155
katja.weidtmann (@) haw-hamburg.de
pomiku (@) haw-hamburg.de

 

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