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Klimaschutz

Nachhaltige Logistik bei Katastrophen hilft dem Klima

Die Logistik spielt beim Katastrophenschutz eine Schlüsselrolle. Die Masterabsolventin Zeineb Ghanemi aus dem Studiengang International Logistics und Management des Departments Wirtschaft der HAW Hamburg hat sich auf die humanitäre Logistik zur Katastrophenhilfe spezialisiert. Prof. Dr. Christine Lacher, Wirtschaftsprofessorin im Ruhestand, betrachtet das Thema aus einer nachhaltigen Wirtschaftsperspektive. Nur durch einen ressourcenschonenden Umgang mit der Natur in den Krisenländern lassen sich Katastrophen langfristig vermeiden oder besser handhaben.

Palmen und Häuser in einem  Hurricane-Sturm.

Hurricanes nehmen aufgrund des Klimawandels zu.

Die Expertinnen legen ihre Handlungsempfehlungen in einem gerade erschienen Artikel im Jahrbuch Nachhaltige Ökonomie 2020/2021 dar. Die HAW Hamburg diskutiert mit Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker am 2. Juni 2021 das Thema Nachhaltigkeit in verschiedenen Dialogformaten.

Liebe Frau Ghanemi, können Sie den Leser*innen als Expertin für humanitäre Logistik erklären, warum gerade die Logistik bei der Katastrophenhilfe in Risikogebieten eine so zentrale Rolle spielt?
Zeineb Ghanemi: Seit 1970 ist die Anzahl der weltweiten Naturkatastrophen um das Sechsfache gestiegen. Wir sprechen hier von akuten Katastrophen wie Erdbeben und Vulkanausbrüchen oder permanenten Katastrophen wie Hunger und medizinische Unterversorgung. Von allen fließenden Hilfsleistungen fallen 60 bis 80 Prozent in der Regel für die humanitäre Logistik an. Daher liegen wichtige Optimierungspotenziale vor allem dort. Die hohen Kosten, die hier entstehen, können zum Beispiel durch mehr Partnerschaften zwischen internationalen Hilfsorganisationen und den Akteur*innen vor Ort gesenkt werden. Eine schnelle und gut funktionierende humanitäre Logistik ist notwendig, da nach einer Katastrophe die ersten 72 Stunden entscheidend sind, um die betroffene Bevölkerung zu retten und zu versorgen.

Wo kann die Logistik ansetzen, um die humanitäre Hilfe umweltfreundlicher zu gestalten?
Zeineb Ghanemi:
In den vergangenen Jahrzehnten waren insbesondere Entwicklungs- und Schwellenländer stark von Katastrophen betroffen. Leider dauert es oft mehrere Tage oder sogar Wochen, bis das benötigte Equipment wie Hilfsgüter und Wasseraufbereitungsanlagen die betroffenen Regionen erreichen. Dann kommt die Hilfe für einige Menschen und Tiere zu spät und die Umwelt wird durch den hohen Transportaufwand stark belastet. So kommt es auch dazu, dass angelieferte Hilfsgüter wieder zurücktransportiert werden müssen, da falsch kalkuliert wurde. Aus diesem Grund sollten sich in der Nähe von Katastrophengebieten ständige Lagerstandorte befinden, um die Betroffenen schnell mit dem nötigten Equipment zu erreichen und die Umwelt zu schonen.

Ebenso spielen die Transportmittel, die bei Hilfseinsätzen eingesetzt werden, eine zentrale Rolle. Helikopter und Militärflugzeuge belasten die Umwelt stark und sind vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern nicht ausreichend vorhanden. Es sollten daher mehr Investitionen in innovative Transportmittel getätigt werden. Ein Beispiel ist der AirKules-Rettungsballon von der CargoLifter AG. Er soll demnächst in Kooperation mit der Nichtregierungsorganisation Humanilog in Katastrophengebieten eingesetzt werden und kann betroffene Menschen aus schwer erreichbaren Katastrophengebieten retten.

Eines der von Ihnen genannten Ziele ist die Ursachenbekämpfung von Umweltkatastrophen. Wo genau muss man ansetzen, was muss verändert werden?
Prof. Dr. Christine Lacher:
Wir müssen erkennen, dass wir uns beim Klimaschutz in einer Krisensituation befinden und dadurch das Risiko von Umweltkatastrophen wächst. Deshalb freue ich mich über das aktuelle Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Dieses zeigt auf, dass das Bundes-Klimaschutzgesetz zu kurz greift und fordert deshalb eine generationengerechte Festlegung des Reduktionspfades bis zur Erreichung der Treibhausgasneutralität. Gefordert wird deshalb eine generationengerechte Festlegung des Reduktionspfades bis zur Erreichung der Treibhausgasneutralität. Es setzt auch eine Agrar- und Ernährungswende mit deutlich weniger Fleischverbrauch voraus, was die Ausweitung von Schutzgebieten, eine Renaturierung und die Aufforstung von Wald weltweit bedeutet. In tropischen Ländern, wie zum Beispiel Indonesien, geht es dabei um den Schutz der Regenwälder und die Sicherung und Renaturierung der Mangrovenwälder als natürlichen Überflutungsschutz. Indonesien ist ja besonders von Naturkatastrophen betroffen.

Können Sie anhand von Indonesien beschreiben, wie solch eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Katastrophenhilfe aussehen muss?
Zeineb Ghanemi:
Indonesien liegt im Pazifischen Feuerring und ist der ständigen Gefahr von Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Tsunamis und Überschwemmungen ausgesetzt. Wenn es wieder zu einer Katastrophe kommt, ist es wichtig, dass die lokalen Akteure vor Ort gut aufgestellt sind. Dies kann nur erreicht werden, wenn Vorbeugungs- und Vorbereitungsmaßnahmen getroffen werden. Das kann beispielsweise durch Schulungen und die Kalkulation von möglichen Bedarfen sichergestellt werden. Hilfsgüter und Equipment sollten aus benachbarten Regionen und Ländern kommen, damit nicht erst auf internationale Hilfe gewartet werden muss und unnötige Transporte erforderlich werden. Darüber hinaus sollten innovative Transportmittel wie der AirCrane genutzt werden, um Trümmer zu beseitigen und die verschütteten Menschen schnellstmöglich zu retten.

Eine ursachenorientierte Katastrophenhilfe umfasst Ihrer Aussage nach auch die Ar-mutsbekämpfung. Bitte erklären Sie uns den Zusammenhang.
Christine Lacher:
Eine ursachenorientierte Katastrophenhilfe erkennt, dass beispielsweise Küstenbewohner besonders dem Überflutungsrisiko ausgesetzt sind. Es ist also wichtig, bereits in der Vorbeugungs- und Vorbereitungsphase und nicht erst im Katastrophenfall zu reagieren. Gelingt es zeitgerecht, Klimaschutz und nachhaltige Ressourcennutzung zu verstärken, dann erhöht sich die Resilienz, also Widerstandfähigkeit von gefährdeten Regionen. Damit sinkt auch das Risiko der betroffenen Menschen, durch Verlust von Hab und Gut in die Armut zu rutschen. Nationale Regierungen sind aufgefordert, die erforderlichen Investitionen zu tätigen. Häufig sind aber deren finanzielle Mittel, jetzt noch verstärkt durch die Corona-Pandemie, zu gering. Deshalb ist internationale Unterstützung gefragt. Nach dem Eintritt eines Katastrophenfalls muss die technische, ökologische und soziale Infrastruktur wiederhergestellt und Arbeitsplätze geschaffen werden. 

Wo soll das Geld für diese Art internationaler Hilfe herkommen? 
Christine Lacher:
In den industrialisierten Ländern muss das Bewusstsein für die Mitschuld an Naturkatastrophen wachsen. Deutschland und die EU sollten in Zusammenarbeit mit anderen Ländern einen zeitgerechten Klimaschutz basierend auf dem Verursachungsprinzip entwickeln. Hierzu zählen Entschädigungsfonds und flexible Finanzierungsmechanismen. Die Gelder könnten zum Beispiel aus der Bepreisung von Treibhausgasen, einer Finanzmarkttransaktionssteuer oder international vereinbarten Steuerregeln für die digitale Wirtschaft und IT-Konzerne kommen. Wir alle müssen einen fairen Beitrag leisten!

Liebe Frau Ghanemi, liebe Frau Prof. Lacher, wir danken für das Gespräch!

(Interview: Katharina Jeorgakopulos)

Weitere Informationen:

Hier geht es zum kostenpflichtigen Artikel im Jahrbuch Nachhaltige Ökonomie 2020/2021

Zu den Personen: Dr. Christine Lacher ist emeritierte Professorin für VWL am Department Wirtschaft der HAW Hamburg und Gründungsmitglied des Netzwerks für Nachhaltige Ökonomie. Zeineb Ghanemi ist Absolventin des Masterstudiengangs International Logistics and Management des Departments Wirtschaft an der HAW Hamburg und ehrenamtlich aktiv im Bereich der Humanitären Logistik bei der Nichtregierungsorganisation Humanilog.

Kontakt

Zeineb Ghanemi
z.ghanemi (@) humanilog.org

Prof. Dr. Christine Lacher
VWL-Professorin im Ruhestand
christine.lacher (@) haw-hamburg.de

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