"Aktionstag zur Aufklärung 2.0: Wir sind dran!"

Wie die HAW Hamburg Chancengerechtigkeit und -gleichheit erhöht

Studierenden der HAW Hamburg diskutieren im Rahmen des „Aktionstag zur Aufklärung 2.0: Wir sind dran!" das Thema „Migration“. Welche Lösungsansätze braucht es in einem hochschulischen Bildungssystem, um Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit für Menschen mit Migrationshintergrund zu erreichen.

Grafik mit einer Sprechblase in der ein halber Globus und ein stilisierter Baum mit Blatt sowie ein Megafon zu sehen sind

Mit dem digitalen "Aktionstag zur Aufklärung 2.0: Wir sind dran!" am 2. Juni 2021 will die HAW Hamburg ihren Beitrag leisten, Hochschulen als Räume des Zukunftsdenkens zu gestalten.

Was Chancengerechtigkeit und -gleichheit mit Aufklärung zu tun hat und welche nachhaltigen Lösungsansätze die HAW Hamburg entwickelt, erläutert Prof. Dr. Louis Henri Seukwa, Beauftragter für migrationsbedingte Hochschulentwicklung des Präsidiums der HAW Hamburg und Leiter der Arbeitsstelle Migration.

Was bedeutet für Sie eine neue Aufklärung, eine Aufklärung 2.0?
Prof. Dr. Louis Henri Seukwa: Die erste Aufklärung, nennen wir sie Aufklärung 1.0, war eine erhellende intellektuelle Bewegung, die aber mindestens genauso viel Dunkelheit mit sich gebracht hat und die heute in Phänomenen wie technologische Eskalation, Eurozentrismus, Rassismus ihren Ausdruck finden.

Die Schattenseite der Aufklärung wird sehr selten thematisiert. Sie wurde vor allem außerhalb der westlichen Welt zum Ausdruck gebracht. Für die Kolonisierten dieser Welt bedeutet die Aufklärung 1.0 die Zerstörung ihrer kulturellen Errungenschaften bis hin zur Negierung ihrer Humanität unter der verlogenen Legitimation der Zivilisationsmission. Es ist an dieser Stelle wichtig, nochmals zu betonen, dass wir ohne die Aufklärung 1.0 nicht die rassistischen Konstruktionen hätten, wie wir sie heute kennen: Ohne Wissenschaft keinen Rassismus. Das müssen wir heute als Wissenschaftler*innen reparieren. Es ist unsere historische Verantwortung!

Eurozentrismus und Anthropozentrismus haben die Menschen im hellen Licht der Aufklärung 1.0 zudem glauben lassen, dass sie die Natur zu ihrem Nutzen zerstören und Menschen außerhalb des Konstrukts ihrer westlichen Welt ausbeuten können, um ihren Wohlstand zu erhöhen.

Die Aufklärung 2.0 bedeutet daher für mich, Licht in die dunkle Seite der Aufklärung 1.0 zu bringen, als ein erkenntnistheoretisches und heilendes Projekt: Erkennen, was die Geschichte erzählt, die im Dunklen blieb, und reparieren, was zerstört wurde. Und das kann meines Erachtens nur gelingen, wenn wir keine universelle, sondern eine planetarische Perspektive einnehmen. Denn lokales Handeln hat globale Konsequenzen – sei es in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, der Politik oder in der Umwelt.

Insofern bedeutet Aufklärung 2.0 im Kontext der Chancengerechtigkeit und -gleichheit an einer deutschen Hochschule für meine Person, mich mit den im Dunklen gebliebenen Bereichen zu beschäftigen – eine wissenschaftlich äußerst reizvolle und zudem dringend notwendige Angelegenheit.

Was ist Ihre Intention für die Teilnahme an dem „Aktionstag zur Aufklärung 2.0: Wir sind dran!"?
Seukwa: Die Teilnahme an dem Aktionstag bietet der HAW Hamburg die Chance, sich praxeologisch, das heißt, kritisch mit der eigenen Praxis auseinanderzusetzen. Sie leistet damit einen Beitrag zur Realisierung der Idee der Chancengerechtigkeit vor dem Hintergrund der globalen Ungleichheiten, die heute unter anderem eine der Hauptursachen der transnationalen Migration sind.  

Migration macht Gesellschaft und so ist auch die Hochschule als gesellschaftliches Subsystem von Migration geprägt. Vor dem Hintergrund des aufklärungsbedingten Eurozentrismus und Rassismus lassen sich vielfältige individuelle und strukturelle Barrieren bei sämtlichen Statusgruppen einer Hochschule identifizieren. Nicht nur bei den Studierenden und Lehrenden, sondern auch in der Verwaltung.

Die Frage, die sich uns stellt, ist, wie die unterschiedlichen Einrichtungen der Hochschule das Phänomen Migration erleben: Als ein fremdes Phänomen, als Störung oder Chance? Wir wollen die Problematik der Chancengerechtigkeit und Gleichheit entlang der Kategorien Migration diskutieren: in Hinblick auf den Zugang zur Hochschule und in Hinblick auf den heteronomen, also unselbständigen Charakter der Strukturen einer Hochschule.

Wo finden wir Ihr Thema „Migration“ bzw. Bildungsgerechtigkeit und Chancen­gleichheit heute schon an der HAW Hamburg?
Seukwa: Die HAW Hamburg hat im Jahr 2016 ihre Strategie der „migrationsbedingten Hoch­schulentwicklung“ eingeleitet. Strukturelle und individuelle Barrieren für Studierende mit Migrations- bzw. Fluchthintergrund sollen identifiziert und entsprechende Veränderungsprozesse eingeleitet werden. Seit 2018 dient die Arbeitsstelle für Migrationsforschung und Integrationspraktiken als „Labor für migrationsbedingte Hochschulentwicklung“. Sie soll nachhaltige Veränderungsprozesse anstoßen, indem Strukturen der Benachteiligung entfernt werden. Erst so können sich die Kompetenzen von Studierenden mit Migrations- und/oder Fluchterfahrung entfalten.

Die weiteren Themen des „Aktionstages zur Aufklärung“ – „Konsum und Nachhaltig“, „Digitalisierung“ und „Energiewende und Klimawandel“ sind bereits erschienen. Lesen Sie zudem gerne das Interview mit Prof. Dr. Ernst von Weizsäcker. Mehr Informationen zum Aktionstag und das Anmeldeformular finden Sie auf der Website der HAW Hamburg

Interview: Anke Blacha

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