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Internationale Wochen gegen Rassismus

„Gut überlegte Maßnahmen könnten eine große Wirkung haben“

Eine empirische Studie in Schulen belegt: Diskriminierung und Rassismus sind tief in der Struktur von Schulen verankerte Probleme, die dringend angegangen werden müssen. Prof. Dr. Louis Henri Seukwa, Professor für Erziehungswissenschaften an der HAW Hamburg und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Elina Marmer erklären warum und zeigen Handlungsempfehlungen auf.

HAW Hamburg, Fakultät W&S, Department Soziale Arbeit, Professor Louis Henri Seukwa, Professor für Erziehungswissenschaften, Fotografiert am Berliner Tor 5 am 22.6.2020

Prof. Dr. Louis Henri Seukwa, Professor für Erziehungswissenschaften an der HAW Hamburg.

Wie äußert sich Rassismus im Schulalltag und was wird bisher dagegen getan?
Prof. Dr. Louis Henri Seukwa:
Die Schule ist ein Abbild der Gesellschaft, und so spiegelt sich der gesellschaftliche Rassismus in der Schule wieder. Auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene ist es offensichtlich, dass Menschen of Color oder mit einem vermeintlichen Migrationshintergrund in Leitungspositionen unterrepräsentiert sind und gleichzeitig eher schlechtbezahlte Jobs haben. Das gleiche Bild sehen wir in der Schule, wie Hamburger Statistiken zeigen. Vergleichsweise wenige Schüler*innen mit Migrationshintergrund gehen auf das Gymnasium und sind auf Stadtteilschulen überrepräsentiert. Studien zeigen, dass diese Schüler*innen für gleiche Leistung häufig schlechtere Noten bekommen. Es gibt Untersuchungen zu rassistischen Darstellungen in Schulbüchern, gleichzeitig kommen diese Missstände auch außerhalb der Schule in Nachrichten, Filmen und Literatur vor. Leider wird bisher viel zu wenig dagegen gemacht. Weder in der Lehrer*innenbildung noch in den Bildungsplänen gibt es eine Strategie oder ein Konzept, um das Problem in den schulischen Strukturen systematisch anzugehen. Es gibt nicht mal eine Beschwerdestelle. Selbst das „Allgemeine Gleichstellungsgesetzt“ schützt Schüler*innen nicht genügend. Es mangelt an strukturell verankerten Schutz- und Handlungsrahmen, um gegen Rassismen und Diskriminierungen effektiv vorzugehen. Aber da ja die Schule eine öffentliche Einrichtung ist, hätte die Politik direkte Möglichkeiten einzugreifen. Und weil durch die allgemeine Schulpflicht die Schule nahezu alle Kinder und Jugendliche erreicht, könnten gut überlegte Maßnahmen wirklich eine große Wirkung haben.

Sie haben eine empirische Studie in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen durchgeführt. Was war der übergreifende Tenor? Was die häufigste Aussage?
Dr. Elina Marmer:
In unserer Studie ging es nicht vorrangig um Diskriminierung und Rassismus. Es ging vielmehr um kulturelle Bildung und, wie der Name des Forschungsprojekts nahelegt, um „Kulturelle Identitäten und Erbe für Europas Zukunft“. Der Umgang mit Kulturverständnissen und kulturellen Identitäten von jungen Menschen, Lehrer*innen, Kulturpädagog*innen sowie Familien steht im Fokus der Untersuchung.
Umso überraschender war das Ergebnis: Der Rassismus ohne Rassen, also Kulturrassismus, dominiert die Vorstellungen von Jung und Alt. Dieser wird über Bildungspläne, Unterrichtsinhalte und kulturelle Bildungsangebote vermittelt. Wir stießen auf starre Definitionen von Kultur und kultureller Identität. Menschen werden aufgrund ihres Aussehens Identitäten zugewiesen, die sie entweder als dazugehörig, also „deutsch“, oder als nicht dazugehörig markieren. Und es werden hierarchische Bewertungen vorgenommen, welche die überlegene und welche die abgewertete Kultur sei.

Wie definieren Schüler*innen „deutsch“, wo kommen diese Bilder her?
Elina Marmer:
„Deutsch“ wird anhand des Aussehens und des Namens definiert. Dabei ist es meistens egal, wo die Person geboren wurde, ob sie seit mehreren Generationen in Deutschland lebt und ob sie sich „deutsch“ fühlt. Gleichzeitig gilt „deutsch“ als überlegen. Diese Kombination führt zu Rassismus. Auch in den Elternhäusern ist diese Einstellung weit verbreitet. Dazu ist diese starre Aufteilung noch in den Veröffentlichungen der Beauftragten für Kultur und Medien des Bundes und in den Hamburger Bildungsplänen zu finden. So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass junge Menschen diese Sicht übernehmen.

Wie und wo kommt es zu der Reproduktion und Normalisierung von Rassismen und anderen Diskriminierungsformen im Schulalltag?
Louis Henri Seukwa:
Wir haben auch Unterrichtsinhalte analysiert. So wird zum Beispiel in dem Fach Geschichte die Historie deutscher Minderheiten verschwiegen. Dabei haben Nicht-Weiße und Menschen nicht-christlicher Religion genauso zur Entwicklung Deutschlands beigetragen; sie aber kommen im Geschichtsunterricht nicht vor! So auch bei der deutschen Kolonialgeschichte, die entweder ganz verschwiegen, oder nur aus der Perspektive der Kolonisator*innen erzählt wird.
Deutsche Gewaltgeschichte wird beschönigt und die Perspektive der Kontinuität des kolonialen Überlegenheitsglaubens zur mörderischen Entmenschlichung wie im Nazireich geschehen, gar ausgeblendet. So wird die Überlegenheitsideologie fortlaufend und subtil tradiert. Nehmen wir das Fach Geographie: hier werden westliche Gesellschaften als entwickelt, überlegen und helfend dargestellt, so-genannte „Schwellenländer“ dagegen als zurückgeblieben und hilfsbedürftig. In Fächern wie Physik, Mathematik oder Chemie bleiben Entdeckungen und Erfindungen von Menschen aus den Ländern, die auf diese Weise abgewertet werden, meist verschwiegen. Aber auch in den Fächern Kunst, Musik und Literatur ist es ähnlich bestellt. So wird ein minderwertiges Bild von Menschen aus diesen Ländern durch Bildungsinhalte reproduziert und rassistisches Wissen verfestigt. Deshalb ist es dringend geboten, eine Bildungsreform in Deutschland zu initiieren, um diesen Missstand zu korrigieren.

Wie können von Diskriminierung betroffene Schüler*innen besser geschützt werden?
Elina Marmer:
Die von Diskriminierung Betroffenen müssen sich beschweren können. Die Beschwerdestelle muss dabei unabhängig und mit ausreichenden finanziellen und personalen Ressourcen ausgestattet sein. Und die dort Mitarbeitenden brauchen Befugnisse, den Missständen nachzugehen und Veränderungen zu bewirken wie beispielsweise entsprechende Schulungen anzuordnen. So kann es im Fall einer Wiederholung zu Sanktionierungen kommen. 

Welche übergeordneten Ziele verfolgt das Forschungsprojekt bzw. das Policy Briefing im Konkreten?
Louis Henri Seukwa:
Das Forschungsprojekt möchte zu einem Kulturverständnis beitragen, das offen und nicht starr oder segregierend wirkt. Wir streben eine Erkennung und Anerkennung kultureller Beiträge aller Menschen und eine Wertschätzung aller Identitäten an, um ein Leben in Vielfalt und Differenz zu ermöglichen. In der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Hamburger Organisationen haben wir uns darauf geeinigt, konkrete Handlungsempfehlungen für den Bereich Schule zu erarbeiten. Denn die Forschung hat gezeigt, dass die Schule einen wichtigen Einfluss auf die kulturellen Wissensbestände junger Menschen nimmt und vom Staat am ehesten zu beeinflussen ist.

Welche Zukunft hat eine Gesellschaft, die diese Themen nicht angeht?
Louis Henri Seukwa:
Eine Gesellschaft, die keine gleichberechtigte Vielfalt zulässt, hat unserer Auffassung nach, keine Zukunft. Eine Gesellschaft, in der es um eine vermeintliche Überlegenheit statt Vielfalt geht, wird Krisen und Herausforderungen nicht gewachsen sein. Die planetarische Natur der gegenwärtigen Krisen zwingt uns, eine planetarische Front der Einheit in Vielfalt und Differenz zu bilden. Dies ist keine Utopie, denn trotz unserer Differenzen, sind wir alle menschlich!     

Liebe Frau Dr. Marmer, lieber Prof. Seukwa, wir danken für das Gespräch.

(Interview: Dr. Katharina Jeorgakopulos)

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T +40 428 75-7073
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Dr. Elina Marmer
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
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elina.marmer (@) haw-hamburg.de

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